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Die neuen Frankfurter : Lieber mit Doppelpass

Haltungsfrage: Nur wenige Ausländer lassen sich einbürgern. Bild: Jakob von Siebenthal

Mehr als die Hälfte der Ausländer, die sich einbürgern lassen, kann den Pass des Herkunftslandes behalten. Das gilt auch für die meisten jungen Erwachsenen, die sich eigentlich für eine Staatsbürgerschaft entscheiden müssten.

          Das sind schöne Bilder für Stadtoberhäupter, für Landesväter wie Landesmütter. Wenn sie neben den neuen Staatsbürgern stehen, die wohlfrisiert und freudestrahlend ihre Urkunde präsentieren. Die Einbürgerung, die „Identifikation als Deutscher“, gilt vielen Politikern als Abschluss einer gelungenen Integration. Die Zeremonien, wie zuletzt im Landtag aufgeladen mit Opernarien, sind aber auch deswegen so feierlich, weil die Entscheidung für den deutschen Pass immer noch sehr exklusiv ist.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In Frankfurt, wo derzeit etwa 380 000 Menschen mit Migrationshintergrund leben, verharrt die Zahl der Einbürgerungen auf einem niedrigen Niveau (siehe Grafik), im Landesdurchschnitt geht sie seit fünf Jahren sogar zurück. Die Quote bleibt in Frankfurt seit mehr als zehn Jahren unter zwei Prozent; Bezugsgröße ist die Zahl der in Frankfurt lebenden Ausländer (einschließlich EU-Staatsangehörigkeit). Ende 2015 waren das 207 332 Männer, Frauen und Kinder.

          „Ausbürgerung“ oftmals mit entwürdigender Prozedur verbunden

          Weshalb ist das so, obwohl es doch viele Vorteile mit sich bringt, in Deutschland einen deutschen Pass zu haben? Schließlich kann man dann wohnen, wo man will, der Arbeitsmarkt steht einem uneingeschränkt offen, man kann frei durch die EU und ohne Visum in viele befreundete Staaten reisen, genießt im Ausland Schutz durch die diplomatischen Vertretungen, kann an allen Wahlen teilnehmen und sogar Bundespräsident werden.

          Eine einfache, überzeugende Antwort auf die Frage, weshalb dennoch so wenige den Schritt machen, gibt es nicht. Es ist eher ein Bündel von Überlegungen und Motiven, und es ist in vielen Fällen am Ende wohl eher eine emotionale als eine rationale Entscheidung.

          Die Vorgaben des Gesetzes hingegen sind klar: Wer als Ausländer Deutscher werden will, muss mindestens acht Jahre („rechtmäßig“) hier gelebt haben und eine Aufenthaltsgenehmigung besitzen. Außerdem muss er in der Regel selbst für seinen Unterhalt sorgen können und darf keine Straftaten begangen haben. Wer älter als 16 Jahre ist, muss sich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung bekennen. Und sofern der Bewerber keinen Schulabschluss in Deutschland vorweisen kann, hat er mit einem Test Grundkenntnisse über Gesellschaft sowie die Staats- und Rechtsordnung in Deutschland nachzuweisen. Allein diese Voraussetzungen werden nicht wenige davon abhalten, die deutsche Staatsbürgerschaft anzustreben. Vor allem aber ist es die Forderung, auf den Pass des Herkunftslandes zu verzichten.

          Denn die „Ausbürgerung“ ist oftmals mit einer zähen und entwürdigenden Prozedur verbunden, wie Jumas Medoff, Vorsitzender der Kommunalen Ausländervertretung (KAV) in Frankfurt, sagt. Er stammt aus Aserbaidschan, er kam zum Studium der Politik und Jura nach Deutschland und lebt seit neun Jahren in Frankfurt. Nicht wenige würden schikaniert und als Verräter beschimpft, wenn sie bei den Konsulaten ihrer Herkunftsländer einen Antrag auf Ausbürgerung stellten, berichtet er. Auch seien die Gebühren zum Teil sehr hoch. Andere hätten Angst davor, was sie in ihrer alten Heimat erwarte oder was mit ihrem dortigen Eigentum geschehe. Und nicht zu unterschätzen sei die emotionale Bindung an das Land der Familie.

          Wie stark diese ist, lässt sich im Umkehrschluss auch aus den kleinen Wellen von Einbürgerungsanträgen in Frankfurt entnehmen, die neue EU-Mitgliedstaaten vor allem aus Osteuropa auslösten. Denn die Einwanderer konnten nach einer Richtlinie aus dem Jahr 2007 Kroaten, Bulgaren und Rumänen bleiben, wenn sie nach einer Übergangsfrist Bürger in einem anderen Mitgliedsland werden wollten.

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