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Neubau einer jüdischen Schule : Eröffnung mit Maske und Mesusa

Vorfreude auf den Segen: Die Schüler sitzen mit Masken im Gemeindesaal, bevor sie zum ersten Mal in ihr neues Schulgebäude gehen dürfen. Bild: Lando Hass

Die Lichtigfeld-Schule in Frankfurt hat ihren Neubau eingeweiht. Der Haussegen in der jüdischen Grundschule hängt schief – aber das muss so sein.

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          Was macht eine Grundschule zu einer jüdischen Grundschule? Das fragt Rabbiner Julian-Chaim Soussan die Dritt- und Viertklässler der privaten Isaak-Emil-Lichtigfeld-Schule, die im jüdischen Gemeindezentrum darauf warten, zum ersten Mal ihre neue Schule von innen zu sehen. Sie sind die erste Schicht an diesem Tag, dürfen morgens als Erste ins Gebäude. Nach ihnen wird die Feier für die Erst- und Zweitklässler wiederholt, damit im Festsaal der Gemeinde der Abstand eingehalten wird; es herrscht schließlich Pandemie. Das ist auch der Grund, warum die Feier nur im engen Kreis abgehalten wurde. Nächstes Jahr soll sie mit Verantwortlichen von Stadt und Land wiederholt werden.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Von März 2018 bis Juni 2020 wurde am Neubau gearbeitet. Nun stehen für die 360 Grundschüler 5300 Quadratmeter bereit, mit der Mensa, in der koschere Speisen ausgegeben werden, mit modernen Smartboards, Medieninseln, Computerräumen – und einer Bibliothek, von der aus die Schüler den Blick auf die Skyline genießen können, während sie schmökern.

          Aber zurück zur Frage des Rabbis: Was macht die Schule nun jüdisch? Dass die Kinder Hebräisch lernen? Dass manche Jungs eine Kippa tragen und keine Angst haben müssen, dafür angefeindet zu werden? Dass Festtage wie Purim oder Pessach das Schuljahr bestimmen? All das spielt eine wichtige Rolle. Doch der Moment, in dem der schicke, hellverklinkerte Bau an der Savignystraße wirklich zu einem jüdischen Schulgebäude wird, ist der, als Soussan und sein Amtskollege Avichai Apel ein langes Metallröhrchen neben dem Eingang am Türrahmen anbringen.

          Hängt immer schief: Rabbiner Julian-Chaim Soussan bringt eine kleine Mesusa an das neue Schulhaus an.
          Hängt immer schief: Rabbiner Julian-Chaim Soussan bringt eine kleine Mesusa an das neue Schulhaus an. : Bild: Lando Hass

          Die Mesusa ist der jüdische Haussegen, und er hängt immer schief – laut einer möglichen Erklärung, weil nur Gott die Dinge richtig und somit gerade machen kann. In der silberglänzenden Hülle steckt ein von Hand beschriebenes Pergament mit dem Text „Höre, Israel!“ aus der Thora. Soussan setzt einen Akkuschrauber an, es brummt, und die Kinder sprechen laut die Bracha, ein Segensgebet. Dann geht es in den hellen Neubau.

          Blick auf das neue Schulgebäude: Die Jüdische Grundschule, die mit dem Bau im Westend erweitert wurde, blickt auf eine lange Tradition.
          Blick auf das neue Schulgebäude: Die Jüdische Grundschule, die mit dem Bau im Westend erweitert wurde, blickt auf eine lange Tradition. : Bild: Lando Hass

          Es ist auch für die Kinder das erste Mal, dass sie ihre neue Schule sehen, die direkt an das Gemeindezentrum anschließt. Mit Masken über Mund und Nase marschieren sie hinter ihren Lehrern her. In jedem Klassenzimmer werden die Schüler von kleinen Geschenktaschen erwartet, und vor der Zimmertür hängt ein blaues Band, das sie durchschneiden dürfen, wenn sie den Raum das erste Mal betreten. „Am beliebtesten sind die Smartboards“, sagt eine Lehrerin, als sie ihre Schüler nach dem ersten Stopp im Klassenzimmer durch das Gebäude führt. Darauf lassen sich Tafelbilder animieren und Filme abspielen.

          Die Schule, die mit dem Bau im Westend erweitert wurde, blickt auf eine lange Tradition. Sie war nach der Herrschaft des Nationalsozialismus und dem Verbot von jüdischen Schulen vor 80 Jahren die erste jüdische Schule in der Bundesrepublik. „Wir wollen kein großes Aufsehen. Die Schule ist ein zartes Pflänzchen, das noch viel begossen werden muss“, sagte damals der Rabbiner Isaak Emil Lichtigfeld, der 1966 die Schule mitgegründet hatte.

          Inzwischen ist sie mächtig gewachsen: Sie umfasst die vierzügige Grundschule und die Eingangsstufe, die jetzt im Westend sitzen, dazu die Mittelstufe im Philanthropin im Nordend. Dort baut die Gemeinde derzeit eine gymnasiale Oberstufe auf. Es ist das erste Mal seit der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten, dass Kinder in Deutschland an einer jüdischen Schule ihr Abitur machen können.

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