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Karstadt an der Zeil : „Keine Rettung, aber eine Brücke“

Die Jahre sind gezählt: Das Weihnachtsgeschäft 2024 soll Karstadt noch mitnehmen dürfen, bevor das Kaufhaus im Januar 2025 wohl endgültig geschlossen wird. Bild: dpa

Die Gnadenfrist für Karstadt an der Zeil dauert vier Jahre und vier Monate. Darf der Eigentümer Signa im Gegenzug am Opernplatz ein Hochhaus bauen? Das fänden nicht nur Projektentwickler „schräg“. Auch die CDU-Fraktion wundert sich.

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          Hinter Kati Strack liegen „nervenaufreibende Wochen“, wie sie sagt. Die Verkäuferin engagiert sich bei Karstadt an der Frankfurter Zeil im Betriebsrat und befand sich nach der Nachricht, dass das Warenhaus Ende Oktober schließen soll, in einem „Tief“. „Ich wollte schon alles hinwerfen“, sagt sie. Dann habe sich Planungsdezernent Mike Josef in die Verhandlungen mit dem Eigentümer Signa eingeschaltet und Oberbürgermeister Peter Feldmann (beide SPD) abgelöst. „Gut, dass Sie übernommen haben“, sagt Strack. Auch ihr Kollege Rainer Hopf ist voll des Lobes: „Ohne die Politik hätten wir es nicht geschafft.“ Nun wollen die beiden dafür kämpfen, dass die Filiale auch über die beschlossene Gnadenfrist von vier Jahren und vier Monaten hinaus geöffnet bleibt. Denn das Warenhaus schreibe immerhin „schwarze Zahlen“, sagt Hopf. „Wir würden uns über eine längerfristige Perspektive freuen.“

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch im Römer macht man sich keine Illusionen, dass die Jahre von Karstadt an der Zeil gezählt sind. Das Weihnachtsgeschäft 2024 soll das Warenhaus noch mitnehmen dürfen, bevor es wohl im Januar 2025 endgültig geschlossen wird. Planungsdezernent Josef glaubt allenfalls, dass Karstadt in einer kleineren Variante eine Zukunft hat. „Ich will nicht ausschließen, dass es in kompakter Form erhalten bleibt.“ Es sei gut, dass die 240 Mitarbeiter nicht zwei Monate vor Weihnachten arbeitslos würden. „Das ist keine Rettung, aber eine Brücke insbesondere für ältere Beschäftigte“, sagt der Dezernent.

          Auf dem Karstadt-Areal hätten die beteiligten Partner nun Zeit gewonnen, um eine sinnvolle Folgenutzung zu planen. „Ein kalter Schluss bringt uns nichts. Wir müssen Leerstand vermeiden und eine Nachnutzung vorbereiten“, sagt Josef. Signa wird an der Entwicklung beteiligt sein. Dem Vernehmen nach hat das Unternehmen erst kürzlich das Parkhaus und angrenzende Flächen erworben. Das Warenhaus selbst gehört dem Unternehmen Sahle, das auf ein Fünftel der Mieteinnahmen verzichtet, wie es heißt.

          Erweiterung auf „Upper Zeil“

          Mit dem Erhalt von Karstadt sind weitere städtebauliche Projekte verbunden, zu denen die Stadt und Signa eine gemeinsame Absichtserklärung getroffen haben. Der Kaufhof an der Hauptwache soll seine Verkaufsflächen auf das Nachbargebäude „Upper Zeil“ erweitern. Außerdem soll das Gebäude der Sportarena neben der Katharinenkirche abgerissen und durch ein gemischt genutztes Wohn-, Büro- und Geschäftshaus ersetzt werden, das sich in die Umgebung einbettet und daher kurzfristig nach Paragraph 34 des Baugesetzbuchs genehmigt werden kann.

          Diese beiden Projekte sind wenig umstritten. Allerdings betrifft die Absichtserklärung auch ein weiteres Grundstück am Opernplatz, das Signa erst im März erworben hat. Das Gebäude mit der Adresse Opernplatz 2 steht schon seit Jahren leer, früher befand sich im Erdgeschoss ein Mövenpick-Restaurant. Der bisherige Eigentümer, die Allianz, hat für das Areal vor einigen Jahren gemeinsam mit der Stadt einen Gestaltungswettbewerb ausgelobt. Bisher war ein achtgeschossiges Geschäftshaus geplant. Die Stadt will nun im Rahmen der Fortschreibung des Hochhausrahmenplans prüfen, ob an dieser Stelle ein Hochhaus errichtet werden könnte. Das soll den Opernplatz aber nicht verschatten. „Das ist eine sehr sensible Stelle“, sagt Josef, der sich allenfalls einen 60-Meter-Turm vorstellen kann.

          Wird Signa also Baurecht für ein Hochhaus gewährt als Gegenleistung für eine verzögerte Schließung der Karstadt-Filiale? In der Absichtserklärung heißt es, dass die Stadt bis zum Jahresende prüfen will, ob das Grundstück tatsächlich in den Hochhausentwicklungsplan aufgenommen wird. Sollte dies nicht möglich sein, will die Stadt den geplanten achtgeschossigen Neubau auf Grundlage des gültigen Bebauungsplans „flott“ zur Realisierung bringen, wie Josef sagt.

          Ist die Stadt erpressbar?

          In der Immobilienbranche sorgt die Verbindung der beiden Themen für Erstaunen: „Viele namhafte Leute finden es total schräg, dass die Zusage, Karstadt erst 2025 zu schließen, über Baurechte aufgewogen wird. Es sollten gleiche Regeln für alle gelten“, sagt ein Projektentwickler, der in Frankfurt schon mehrere Bürogebäude realisiert hat. Auch die wirtschaftspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Christiane Loizides, findet es schwierig, die Zukunft von Karstadt mit der Entwicklung auf dem Grundstück am Opernplatz zu verbinden. „Es ist gut, dass die Filiale für einige Jahre gerettet ist. Aber es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Stadt erpressbar ist. Mich verwundert, dass diese Themen miteinander verknüpft werden“, sagt sie.

          Die weitere Entwicklung der Innenstadt will das Planungsdezernat mit einem neuen Konzept begleiten, das in das Förderprogramm der Bundesregierung „Die Post-Corona-Stadt“ aufgenommen werden könnte. Kurioserweise betrifft der Rahmenplan aber nur die nördliche Zeil und den angrenzenden Häuserblock, als ginge die Krise im Einzelhandel an den Geschäftshäusern auf der südlichen Seite der Fußgängerzone vorbei. Josef will den Plan nun auf alle Flächen an der Zeil ausweiten.

          Das Karstadt-Areal wird eine zentrale Rolle spielen. Es steht im Mittelpunkt einer Debatte über eine vielfältigere Nutzung der Innenstadt. Für das Grundstück gibt es schon einige Ideen: „Ich freue mich für die Mitarbeiter. Aber für die Zeil ist das eine verschenkte Chance. Man könnte etwas Besseres mit diesem Grundstück machen“, sagt Oliver Barth. Der Projektentwickler hat das Grundstück auch als möglichen Standort für ein neues Theater ins Gespräch gebracht hat. Josef kann sich an dieser Stelle eine museale Nutzung vorstellen. Die Städtischen Bühnen sieht er hingegen an der Wallanlage: „Die Kulturmeile dort ist eine gute Lösung. Wir sollten Entscheidungen nicht permanent in Frage stellen und bei einer Linie bleiben.“

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