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Diskussion zu Flüchtlingen : „Bisher nur Krisenbewältigung“

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Geforderte Gesellschaft: Integration ist nicht nur Aufgabe der Ankommenden, so Soziologen. (Symbolbild) Bild: Helmut Fricke

Bisher sei der Umgang mit Flüchtlingen eher Krisenbewältigung als Integration, so der Tenor auf der Podiumsdiskussion der Bürger-Universität. Nun sei auch die Gesellschaft gefordert eine Integration zu ermöglichen.

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          Noch bevor an diesem Abend viel über Flüchtlinge geredet wurde, hat die Soziologin Lena Inowlocki den Begriff kritisiert. „Flüchtling, das klingt wie Setzling. Also wie jemand, mit dem etwas passiert.“ Besser sei der Terminus „geflüchtete Menschen“, weil er die Person erkennbar mache, sagte die Soziologin von der Frankfurt University of Applied Sciences am Montag in einer Podiumsdiskussion der Frankfurter Bürger-Universität. Trotzdem ist laut Inowlocki der Ausdruck „Flüchtling“, den die Gesellschaft für Deutsche Sprache vor kurzem zum „Wort des Jahres“ gewählt hat, positiv besetzt. Denn viele in der Gesellschaft hießen Flüchtlinge willkommen und wollten helfen.

          „Integration ist nicht nur Aufgabe der Ankommenden, sondern der gesamten Gesellschaft.“

          Doch bis die Asylsuchenden ihren Platz in der Gesellschaft finden würden, sei noch viel zu tun, meint Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen). „Es handelt sich derzeit um Krisenbewältigung, es ist noch keine Integration.“ Die Sprachkurse für Schutzsuchende sollten früher beginnen, und Programme zur Integration und zur Kinderbetreuung für Familien sollten ausgeweitet werden, forderte die Stadträtin.

          Um die Flüchtlinge wie auch andere Einwanderer besser zu integrieren, sei weitere Forschung förderlich, sagte die Sozialpädagogik-Professorin Sabine Andresen von der Goethe-Universität. „Noch wissen wir nicht, was den ankommenden Menschen hilft, welche Ängste sie haben und welche Steine ihren Weg blockieren.“ Auch Soziologin Inowlocki sieht Forschungsbedarf, schließlich sei Integration ein immerwährender Prozess, in dem sich Menschen austauschten und die Bedingungen des Zusammenlebens ständig neu verhandelt würden. Viele Regeln wie das Grundgesetz und die demokratischen Prinzipien stünden nicht zur Disposition, hob die Professorin hervor. „Doch Integration ist nicht nur Aufgabe der Ankommenden, sondern der gesamten Gesellschaft.“ So könne Frankfurt auch von den Einwanderern, die schon mehrere Jahre hier lebten, für den Umgang mit Flüchtlingen lernen.

          Aber auch die Erinnerung an Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg sei wichtig, sagte Eskandari-Grünberg. Viele Senioren hätten diese Zeit noch erlebt und könnten viele Erlebnisse der heutigen Flüchtlinge nachvollziehen. Eskandari-Grünberg, die aus politischen Gründen Iran verlassen hatte, kam an Heiligabend nach Deutschland. In dem Dorf, dem sie und ihre Familie zugeteilt wurden, traf sie eine damals 80 Jahre alte Frau, mit der sie sich über die Flucht unterhielt. Trotz des Altersunterschieds habe sie sich ihr verbunden gefühlt.

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