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Frankfurter Stadtmarketing : Broschüre künftig ohne Bordell-Empfehlungen

„Rot leuchtendes Abenteuerland“: Prostituierte müssen im Laufhaus bis zu 200 Kunden pro Woche bedienen. Bild: dpa

Die umstrittene Broschüre zum Frankfurter Bahnhofsviertel soll überarbeitet werden. Die schon gedruckten Exemplare werden aber verteilt.

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          Die umstrittene Werbe-Broschüre zum Frankfurter Bahnhofsviertel wird in der bisherigen Form nicht weiter hergestellt. Damit reagierte die Tourismus und Congress GmbH (TCF) auf den Vorwurf, dass in der Broschüre außer für Bars und Geschäfte auch für bestimmte Bordelle als touristische Anlaufpunkte geworben werde. Wie TCF-Geschäftsführer Thomas Feda gestern dieser Zeitung sagte, werden die Inhalte der Broschüre neu sortiert. Dazu gehöre auch, dass der Teil, der sich dem Rotlichtmilieu widme, neu konzipiert werde. Allerdings habe man sich entschieden, die bereits gedruckten 5000 Exemplare auf der heutigen Bahnhofsviertelnacht zu verteilen.

          Jacqueline Vogt
          (jv.), Rhein-Main-Zeitung
          Katharina Iskandar
          (isk. ), Rhein-Main-Zeitung

          In seinem Büro, so Feda, habe gestern das Telefon nicht stillgestanden. Anrufe, in denen darauf gedrungen worden sei, das Rotlicht-Thema in einer Image-Broschüre keinesfalls auszulassen und an dem Heft nichts zu ändern, hätten sich etwa die Waage mit kritischen Stimmen gehalten. „Wir werden das auf jeden Fall anders angehen, gemeinsam mit dem Frauenreferat“, sagte Feda. Wenn über das Bahnhofsviertel gesprochen und über den Stadtteil eine Broschüre erstellt werde, könne das Rotlicht-Thema nicht ausgeblendet werden. „Vielleicht waren wir aber nicht sensibel genug in der Art, in der wir das dargestellt haben.“

          Prostitution soll nicht romantisiert werden

          Die Referentin von Dezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen), der das Frauenreferat untersteht, sagte gestern, man wolle im nächsten Anlauf die Broschüre stärker mitgestalten, damit sichergestellt sei, „dass diesmal kein einseitiges romantisiertes Profil der Prostitution erstellt wird“. Gerade in Frankfurt gebe es große Probleme mit Armutsprostitution und Menschenhandel. Das müsse sich, wenn man das Thema aufgreife, auch in der Broschüre wiederfinden.

          Den Prospekt hatte die Tourismus-Gesellschaft bei dem Journalisten Ulrich Mattner in Auftrag gegeben, der auch Führungen durch das Bahnhofsviertel und durch Bordelle anbietet. Mattner ist am Dienstagabend zum neuen Vorsitzenden des Vereins „Treffpunkt Bahnhofsviertel“ gewählt worden, einer Interessenvertretung für Gewerbetreibende in dem Quartier. Damit folgt er Oskar Mahler nach, der sich als Künstler jahrelang für das Viertel eingesetzt hatte. Stellvertretender Vereinsvorsitzender ist der Rechtsanwalt Otto Gengnagel.

          Unreflektierte Werbung für einzelne Betriebe

          Nachdem die CDU-Fraktion am Dienstag gefordert hatte, die Broschüre zurückzurufen, kam gestern auch Kritik von den Grünen im Römer. Deren frauenpolitische Sprecherin, Ursula auf der Heide, sagte, es sei gut, dass der Prospekt überarbeitet werde. „Eine städtische Gesellschaft sollte nicht derart unreflektiert für Prostitution und einzelne Betriebe werben.“ So müsse eine Sexarbeiterin in einem Laufhaus 200 Kunden in der Woche bedienen, um Kosten und Verpflichtungen begleichen zu können. „Das völlige Ausblenden dieser Realität im ,rot leuchtenden Abenteuerland‘ wäre bei einer Broschüre, die das Gewerbe herausgibt, nicht anders zu erwarten. Bei einer städtischen Information ist das jedoch inakzeptabel.“

          Die SPD-Fraktionsvorsitzende Ursula Busch sagte gestern, auch die Sozialdemokraten empfänden die Bordellwerbung als nicht sehr glücklich. „Es ist nicht die beste Werbebroschüre, die Frankfurt je gesehen hat.“ Die Betroffenen schienen das jetzt aber auch zu wissen. Verteidigt wurde die Broschüre hingegen von der Initiative Gastronomie Frankfurt, einem noch neuen Zusammenschluss von Szene-Wirten, die auch im Bahnhofsviertel Lokale betreiben: Die Bordelle gehörten zu dem Stadtteil, Werbung für das Viertel gehöre nicht zensiert. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), dem die Tourismus und Congress GmbH untersteht und der Schirmherr der Bahnhofsviertelnacht ist, wollte gestern, wie in den Tagen zuvor, keine Stellungnahme zu dem Thema abgeben.

          Live-Konzerte gestrichen

          Die Bühne vor dem Musikladen „Cream Music“ an der Taunusstraße ist jedes Jahr einer der beliebtesten Anziehungspunkte der Bahnhofsviertelnacht. Dort treten Bands aus Frankfurt und der Region auf, und regelmäßig feiern auf der Kreuzung mit der Moselstraße mehrere tausend Gäste. Doch in diesem Jahre fällt die Party aus. „Cream Music“ will sich den Reglementierungen des Frankfurter Ordnungsamtes nicht unterwerfen. „Wenn wir lauter als 70 Dezibel sind, müssen wir 5000 Euro Ordnungsgeld zahlen“, sagt Bernhard Hahn, der den Musikladen leitet. Diese Lärmgrenze sei aber völlig unrealistisch, schließlich liege schon die normale Gesprächslautstärke bei 60 Dezibel. Zudem schreibe das Amt vor, dass nach 45 Konzertminuten eine Pause von 15 Minuten einzulegen sei - aber das sei tödlich für die Stimmung. Die Auflagen waren schon im vergangenen Jahr erlassen worden, Hahn hatte jedoch nach eigenen Angaben eine Sondergenehmigung ausgehandelt. Dieses Mal habe es jedoch keine Ausnahmen mehr gegeben. Deshalb bleibe das Musikgeschäft zwar bis Mitternacht geöffnet, die Konzerte werde es aber nicht geben. Fest-Organisator Kurt Stroscher von der städtischen Tourismus und Congress GmbH zeigt Verständnis für die Verärgerung Hahns. „Ich habe bei manchen Vorschriften auch gestaunt“, sagt er. Dennoch müsse er die Regeln durchsetzen. Ein Sprecher des Ordnungsamtes sagte gestern, er könne zu den Vorwürfen vorerst nichts sagen. Er müsse zunächst in der zuständigen Abteilung nachfragen, wie die genauen Vorgaben lauteten. (weal.)

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