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Dialogmuseum Frankfurt : Lichtlos unter der Hauptwache

Zuwachs für die B-Ebene: Die Schaufensterfront des Dialogmuseums soll Passanten ansprechen. Bild: Frank Röth

Das Frankfurter Dialogmuseum hat seine neuen Räume eröffnet. Der Standort in der B-Ebene ist ein Glück für die Ausstellung – und vielleicht auch umgekehrt.

          3 Min.

          Wie man alle Aufmerksamkeit auf sich zieht? Einfach laut „Hier gibt es nichts zu sehen“ rufen. So macht es auch das Dialogmuseum. Über der breiten Treppe, die vom Platz an der Hauptwache hinab in den Schlund der B-Ebene führt, hängt seit Kurzem ein leuchtendes Hinweisschild mit roten Pfeilen, die in Richtung des neuen Museumsstandorts zeigen. Darunter stehen die Slogans: „Dialog im Dunkeln“, „Eine Ausstellung zur Entdeckung des Unsichtbaren“, „Ein Museum, das Sinne macht“ – und eben „Hier gibt es nichts zu sehen“.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          So ganz stimmt das natürlich nicht. Also, dass es nichts zu sehen gibt. Zwar setzt das Dialogmuseum, das den Besuchern die Welt aus der Wahrnehmung von Blinden und Sehbehinderten zeigt, auf andere Sinne als den optischen: aufs Hören, Tasten, Schmecken und Fühlen. Aber zuvor gibt es für diejenigen, die den Pfeilen, vorbei am Metzger, Friseur und indischen Imbiss, folgen, durchaus etwas zu sehen. Noch dazu etwas Neues an einer Stelle, an der jahrelang Leerstand herrschte: Die langgestreckte Schaufensterfront des ersten Museums in der B-Ebene, in der Mitte öffnen sich die Türen zum großzügigen Foyer.

          Ein lichtloser Parcours

          Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) findet die neue Lage des Dialogmuseums geradezu „sensationell“, wie sie am Dienstag, dem Tag der Eröffnung sagte. Die Hauptwache sei einer der belebtesten Plätze der Innenstadt und hervorragend mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. In dieser Hinsicht dürfte der Standort tatsächlich optimal sein: Der S- und U-Bahnhof liegt eine Etage unter den Ausstellungsräumen, Besucher müssen nur mit der Rolltreppe hochfahren. Ein Vorteil insbesondere für Schulklassen, die vielleicht wichtigste Zielgruppe des Hauses.

          Dreizehn Jahre lang war das Dialogmuseum an der Hanauer Landstraße zu Hause. Die Ursprünge gehen bis ins Jahr 1990 zurück, als im Künstlerhaus Mousonturm die erste temporäre Ausstellung unter dem Titel „Dialog im Dunkeln“ zu sehen war. Das in Frankfurt entwickelte Konzept machte europaweit von sich reden, 2005 eröffnete das Haus im Ostend, es entstand ein Netzwerk von weltweit 29 Ausstellungsorten. An der Hanauer Landstraße gab es allerdings finanzielle Probleme, der Mietvertrag lief aus und sollte nur zu weit schlechteren Konditionen verlängert werden. So musste das Museum 2018 schließen, 26 Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz.

          Riechen und Hören: die Sinnes-Stationen am Eingangsbereich des Museums Bilderstrecke
          Dialogmuseum Frankfurt : Bilder aus der Tiefebene

          Immerhin gab es schon damals die Aussicht auf eine bessere Zukunft: Die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) bot die leer stehenden Flächen unter der Hauptwache an, die Stadt unterstützte die Pläne. In der B-Ebene stehen dem Museum nun 960 Quadratmeter zur Verfügung, gut ein Drittel davon wird für die komplett neu konzipierte Ausstellung genutzt. Ein Höhepunkt des lichtlosen Parcours, durch den Blinde und Sehbehinderte führen, dürfte die Fahrt mit einem historischen Ebbelwei-Express sein.

          Den Ruf der B-Ebene verbessern

          Nachdem die VGF die Räume umfassend saniert und unter anderem mit einer hochwertigen Lüftung versehen hatte, investierte das Museum selbst 830.000 Euro in den Innenausbau und die Ausstellung, wie Museumsleiterin Klara Kletzka sagt. Möglich sei das durch Zuschüsse gewesen: Rund 350.000 Euro kamen vom Landeswohlfahrtsverband, 250.000 Euro von der Aktion Mensch, 150.000 Euro über ein Darlehen.

          Mehr Aufmerksamkeit wird das private Museum, das sich als Inklusionsunternehmen versteht, am neuen Ort sicher bekommen, allerdings ist die Lage auch nicht ganz unproblematisch: Unter der Erde ist vieles – zum Beispiel der Brandschutz und die Fluchtwege – komplizierter zu regeln als oberirdisch. Zudem ist die B-Ebene nicht im besten Zustand: Geschäfte stehen leer, es gibt schmuddelige Ecken, viele Frankfurter meiden den Gang durch die Passage, weil ihnen Begegnungen mit Obdachlosen unangenehm sind oder weil sie Kriminalität fürchten. So könnte das Museum auch eine Chance für die B-Ebene sein, den Ruf zu verbessern und neues Publikum anzusprechen.

          Ein „Klangraum“ zum Entspannen

          Dazu passt, dass das Dialogmuseum stärker als am alten Standort, wo kaum jemand zufällig vorbeikam, auf Laufkundschaft setzt. Schon im Foyer können Passanten ihre Sinne auf die Probe stellen – zum Beispiel, wenn sie durch Löcher in der Wand ein Musikinstrument erfühlen, sich über kleine Düsen beugen und Düfte erschnuppern oder an Rasseln lauschen und schätzen, wie viele Steine sich wohl darin befinden mögen.

          Außerdem gibt es einen „Klangraum“ für alle, die keine Zeit für den großen Rundgang haben oder sich nach einem Einkauf auf der Zeil einfach entspannen wollen. Sie können sich auf einer gepolsterten Liege niederlassen und in völliger Dunkelheit der Soundinstallation „069“ zuhören, die Geräusche etwa aus der Kleinmarkthalle oder dem Hauptbahnhof mit elektronischen Beats kombiniert. Aufgenommen wurde sie vom „Momem“, dem Museum of Modern Electronic Music, das demnächst in den früheren Räumen des Kindermuseums, also in allernächster Nachbarschaft eröffnen soll. Was ein weiterer Schritt zur Aufwertung der Hauptwache und ihrer B-Ebene sein könnte.

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