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Deutschherrenschule : Selbstbewußtsein ist, wenn man sich beteiligt

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Hier ist Sachsenhausen, was man gerne urban nennt, abends, wenn es dunkel ist: viele Kneipen, alte Häuser, auch die Deutschherrenschule an der Willemerstraße ist schon vor 100 Jahren gebaut worden. Das ...

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          Hier ist Sachsenhausen, was man gerne urban nennt, abends, wenn es dunkel ist: viele Kneipen, alte Häuser, auch die Deutschherrenschule an der Willemerstraße ist schon vor 100 Jahren gebaut worden. Das Dach ist noch mit Biberschwänzen gedeckt, mit Ziegeln, die von innen den Blick auf den Himmel erlauben, ohne daß es hereinregnet. Im Zimmer von Direktorin Monika Intrau steht ein Blumenstrauß; den hat sie geschenkt bekommen, weil sie seit 40 Jahren im Schuldienst ist. Die weißhaarige Frau, immer im Kostüm, draußen oft mit Hut, ist vielleicht, was man eine Lehrerin vom alten Schlag nennen kann, freundlich, aber streng. "Die siebziger Jahre waren furchtbar", sagt sie, "vor jeder Klassenarbeit Diskussionen". Längst gebe es aber "eine Renaissance der Erziehung", auch an dieser Realschule.

          Wenn die Unterrichtsstunde in Arbeitslehre, die Gudrun Ludwig an diesem Morgen von 9.40 Uhr an in der Klasse 9b hält, ein Beispiel für diese Renaissance ist und für das, was sie zeitigt, dann ein gelungenes. Nach den 45 Minuten wird Ludwig freilich sagen, daß die 24 Jugendlichen nicht immer so aufmerksam und konzentriert sind, wie sie es gerade waren. Jetzt wollen sie offenbar zeigen, was sie können, Vitali zum Beispiel, ein Fünfzehnjähriger mit fransig ins Gesicht gekämmten Haaren. Er sitzt in der ersten Reihe, und er hebt den Finger nahezu ununterbrochen, fast alle tun das. Der Unterricht ist klassisch frontal, mit drei Reihen von Zweiertischen. "Das brauchen sie in diesem Alter", sagt Gudrun Ludwig, die zierlich ist und ihre Fragen mit gelassener Beharrlichkeit stellt. Vergangene Woche hat sie mit ihren Schülern die Firma Provadis, einen der Nachfolge-Betriebe der Hoechst AG, besucht, heute soll der Besuch aufgearbeitet werden. Es war kein Vergnügungsausflug, sondern Teil der Unterrichtseinheit, welche die Berufswunsch-Findung zum Inhalt hat. Was will ich werden? Was kann ich denn überhaupt gut, und zu welchem Beruf könnte passen, was ich kann? Was gibt es überhaupt für Berufe, was bedeuten Begriffe, die viele Eltern noch nicht einmal gehört haben: "Pharmakant" zum Beispiel, "Mechatroni- ker".

          Im nächsten Sommer kann die Klasse 9b anfangen, Bewerbungen zu verschicken. Bis dahin müssen Schnitzer, die die Jugendlichen heute noch machen, ausgebügelt sein. "Also, wenn ihr einen Brief schreibt, achtet auf die Anrede", sagt Ludwig, "es heißt nicht ,liebes Autohaus'". Die Schüler lachen, jetzt wissen sie es ja. "Was ist uns bei Provadis erzählt worden", fragt Gudrun Ludwig, "was erwartet die Firma von ihren Auszubildenden?" Stück für Stück wird zusammengetragen: Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und saubere Fingernägel, keine unentschuldigten Fehltage. Im Zeugnis reicht ein Dreier-Durchschnitt, wichtig sind gute Noten im Fach "Sozialverhalten". Einer wendet ein, daß die Noten in "Sozialverhalten" sehr ungerecht sein könnten, "wenn die Lehrer einem nicht mögen". "Ja", sagt die Lehrerin, "das habt ihr ja der Provadis-Frau auch gesagt." Und dann erinnert sie an den Tip, den diese gegeben habe: Schwierigkeiten dieser Art ruhig auf einem gesonderten Blatt in der Bewerbung schildern.

          Seit dem vorigen Schuljahr setzen sich die Jugendlichen mit der Arbeitswelt auseinander, haben in der achten Klasse ihre ersten Betriebspraktika gemacht. Für manche liegt der Weg, den sie gehen möchten, seither gerade vor ihnen: Einer hat einen Onkel, der gelernter Automechaniker ist, wollte ihm schon immer nacheifern. Er hat in einer Werkstatt mitangepackt, und es gibt keinen Zweifel, daß sich seine Welt um Motoren dreht. Ein anderer war in einem Malerbetrieb, auch das hat einwandfrei geklappt, ihm hat es gefallen, und er hat dem Meister gefallen, vielleicht wird etwas daraus. Viele sind noch unentschieden, manche träumen noch ein bißchen. "Ich möchte Gerichtsmedizinerin werden", sagt eine dünne Blonde in der letzten Reihe. Vielleicht ist das ein Luftschloß - nicht alle schätzten sich realistisch ein, sagt die Lehrerin -, vielleicht macht sie Abitur und studiert Medizin. Ein anderes Mädchen sagt, "Informatik" sei ihr Ziel, auf Nachfrage wird "etwas mit Computern" daraus.

          Vor all dem stehen aber noch zwei Schuljahre, mindestens, und die Hürde, die aus der Suche nach einem Ausbildungsplatz besteht. Den Jugendlichen dafür Mut zu machen, bezeichnet Gudrun Ludwig als eine ihrer Aufgaben. "Ihr seid gut, ihr schafft das", sagt sie an diesem Morgen einmal zu ihrer Klasse. Selbstbewußt sollten die Schüler auftreten, auch im Bewerbungsgespräch, wenn sie zu einem eingeladen würden. "Was ist Selbstbewußtsein", fragt Ludwig, da bekommt der Unterricht für einen Moment eine fast philosophische Dimension. "Cool" sein ist es nicht, übertriebene Lässigkeit auch nicht. Die Antwort, die Christoph gibt, ist nicht die schlechteste: Selbstbewußtsein, sagt er, das brauche man schon, um sich in der Schule zu melden und sich am Unterricht zu beteiligen.

          360 Schüler besuchen die Deutschherrenschule, viele Ausländer darunter. Bis zu 50 Prozent sind es, wenn man die mitrechnet, die zwar die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, aber aus Migrantenfamilien stammen. "Besondere Schwierigkeiten haben wir deshalb nicht", sagt die Schulleiterin. Sie führt die Schule sehr persönlich, ("wenn einer etwas kaputtmacht, schicken wir ihm die Rechnung"); oft hört sie zu, wenn im Römer der Schulausschuß tagt. Ämter und Stadtverordnete kennen ihr Beharrungsvermögen, wenn sie ein Anliegen vorträgt. Erfolg hat sie dabei nicht immer. So gehört zur Deutschherrenschule ein schönes Außen-Sportgelände, das auch die benachbarte Willemerschule, eine Grundschule, mitbenutzen soll. Doch das Areal hat sich seit dem Bau einer Tiefgararage gesenkt. Die Tartanbahn wellt sich und hat Risse, auf der abgedeckten Sprunggrube steht eine Pfütze. Seit Jahren kann der Sportplatz nicht benutzt werden - für die Instandsetzung fehlt der Stadt das Geld. Jacqueline Vogt

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