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Deutscher in israelischer Armee : Zum Urlaub in Uniform in die Negev-Wüste

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[Erinnerungen an den Einsatz: Uniformabzeichen und der Blutspendepass von Viktor Gerlitz. Bild: Rainer Wohlfahrt

Urlaub in Israel – dabei denken die meisten an das Strandleben in Tel Aviv, einen Bummel durch die Jerusalemer Altstadt oder ein Bad im Toten Meer. Nicht so Helmut Naumann: Der Frankfurter hat im vergangenen Herbst einen „Urlaub in Uniform" gebucht.

          Urlaub in Israel – dabei denken die meisten wohl an das Strandleben in Tel Aviv, einen Bummel durch die Jerusalemer Altstadt oder ein Bad im Toten Meer. Nicht so Helmut Naumann: Der 38 Jahre alte Frankfurter hat im vergangenen Herbst einen „Urlaub in Uniform“ gebucht. Ein Fernsehbeitrag hatte ihn neugierig gemacht, und so bestieg er wenig später ein Flugzeug, um in Israel eine Woche lang als Freiwilliger in der Armee zu dienen. „Wann hat man denn schon mal eine solche Chance“, sagt Naumann heute und versucht gar nicht erst, seine Begeisterung zu verbergen.

          Als einzige Armee betreiben die israelischen Streitkräfte ein Programm für freiwillige Kurzzeithelfer aus der ganzen Welt. Wer mindestens 17 Jahre alt und körperlich dazu in der Lage ist, darf bei „Sar-El“ (hebräische Kurzform von „Dienst für Israel“) auf einer der vielen Militärbasen im Land Verpflegung sortieren, Sandsäcke füllen oder Panzer putzen. Die Hilfssoldaten auf Zeit tragen die gleichen Uniformen wie ihre Kameraden, aber keine Waffen. Aus Deutschland vermittelt die Jewish Agency, Israels staatliche Einwanderungsorganisation mit Sitz in Frankfurt, die meist junge Leute in die israelische Armee, die den einen als Verteidiger der einzigen Demokratie im Nahen Osten gilt, den anderen als Besatzungsmacht und Unterdrücker der Palästinenser.

          Schließlich trieb ihn die Neugier auch nach Israel

          Auf welchem Stützpunkt sie landen, wissen die Freiwilligen vorher nicht. „Wir haben uns einfach am Flughafen in Tel Aviv getroffen und wurden dann mit dem Bus irgendwo hin gefahren“, erzählt Viktor Gerlitz. Den 23 Jahre alten Studenten aus Darmstadt verschlug es im Juni 2010 auf eine Basis im Norden des Landes, nahe der Grenze zum Libanon. „Nach dem Abitur wollte ich einfach mal raus aus Deutschland und meinen Horizont erweitern“, sagt er. In Weißrussland arbeitete er deshalb mit behinderten Kindern, ging danach als Au-Pair in die Vereinigten Staaten und kam „irgendwie in den Rhythmus, die Welt entdecken zu wollen“.

          Schließlich trieb ihn die Neugier auch nach Israel. Drei Wochen lang Uniform tragen, beim Appell strammstehen und Sandsäcke stapeln – „ich wollte einfach mal einen Einblick in eine Armee bekommen“. In Deutschland hatte Gerlitz den Wehrdienst aus Gewissensgründen verweigert. „Ich bin im Herzen immer noch Pazifist, daran hat sich nichts geändert“, sagt er. Einen Widerspruch zu seinem Einsatz in Israel sieht er darin nicht. Denn selbst der Drill hat den Studenten nicht gestört: „Früh aufstehen und pünktlich sein, das ist doch kein Problem.“

          Dass das Fernsehen mitunter ein falsches Bild vermittelt, stellte Naumann schnell fest

          Helmut Naumann hingegen hatte vor seinem Freiwilligendienst durchaus Anknüpfungspunkte zum Militär: Er arbeitet in Deutschland für eine Zweigstelle des amerikanischen Verteidigungsministeriums. In Israel bestückte er nahe Jerusalem eine Woche lang Panzer für den Einsatz. Wasserkanister, kugelsichere Westen und Munition – „alles Gerödel, was da so drauf gehört“. Naumann fühlte sich geradezu in seine Wehrdienstzeit zurückversetzt: Auch die habe er „auf dem Panzer“ verbracht, sagt er.

          Über Israel wusste der Frankfurter vor seinem Freiwilligendienst kaum etwas. „Außer von NTV und CNN, wo man meint, dass man da unten alle Viertelstunde in die Luft gejagt wird.“ Dass das Fernsehen mitunter ein falsches Bild vermittelt, stellte Naumann schnell fest. Von dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern habe er kaum etwas gespürt, sagt er. Und auch Viktor Gerlitz fühlte sich sicher – selbst beim Sandsackstapeln an der libanesischen Grenze, unnicht weit von den Stellungen der Hizbullah entfernt. „Da und dort sitzen die Terroristen“, habe man ihm zwar gesagt, „aber ich hatte irgendwie überhaupt keine Angst.“

          Große Meinungsgegensätze

          Auch Debora Wegner wollte es genauer wissen. „Die Nachrichten zeigen die Situation in Israel nicht so, wie sie wirklich ist“, sagt die Abiturientin aus Reichelsheim. Und darum wollte sie das Land, in dem ihre Eltern ein Jahr lang gelebt hatten, nicht länger nur aus der Ferne betrachten, sondern sich ein eigenes Bild machen. „Wenn man schon nach Israel geht, kann man auch helfen“, findet sie. Auf einer Übungsbasis in der Negev-Wüste konnte die junge Frau genau das tun. Die Soldaten dort seien überrascht und dankbar gewesen, erinnert sie sich. Ihr Dienst als Zeichen der Solidarität mit Israel habe die Rekruten, die drei Jahre Wehrdienst absolvieren müssen, „vielleicht ein bisschen aufgebaut“.

          Dass auch die israelischen Soldaten keinesfalls immer von der Politik ihrer Regierung überzeugt sind, hat Wegner schnell gelernt. Die einen glaubten, für die richtige Sache zu kämpfen, die anderen seien hingegen „einfach da, weil sie es müssen“, sagt auch Viktor Gerlitz. Die großen Meinungsgegensätze – beim Militär ebenso wie in der israelischen Gesellschaft insgesamt – haben den Studenten sehr überrascht. „In Deutschland glauben viele: Ach die sind alle engstirnig, alles Nationalisten. Aber in Wirklichkeit ist das Land sehr gespalten.“

          Nach Israel würde er jederzeit wieder gehen

          Große politische Debatten haben die Freiwilligen während ihres Einsatzes allerdings nicht geführt. Denn die sind bei „Sar-El“ nicht erwünscht. „Uns wurde von vornherein gesagt, solche Diskussionen sind zu unterbinden“, berichtet Naumann. Im Regelwerk von „Sar-El“ steht es Schwarz auf Weiß: Alkohol und Drogen sind tabu, Wochenendausflüge nur mit Erlaubnis möglich und Gespräche über Politik „auf ein Minimum zu beschränken“ – auch wenn das schwerfalle. Das Programm solle „wohlwollende Botschafter Israels“ schaffen.

          „Wir hatten andere Themen, zum Beispiel was wir aus unserem Leben machen wollen“, sagt Gerlitz. „Ich habe zugehört, aber nicht alles angenommen, was dort erzählt wurde.“ Nach Israel würde er trotzdem jederzeit wieder gehen. „Das Land ist einfach wunderschön. Und die Menschen öffnen einem die Seele.“

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