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Deutsche Nationalbibliothek : Geistesgeschichte auf 30.000 Quadratmetern

  • -Aktualisiert am

Im Lesesaal der Nationalbibliothek gibt es 360 Plätze. Bild: Frank Röth

In der Deutschen Nationalbibliothek wird alles archiviert, das einen Bezug zu Deutschland hat. Jeden Tag kommen rund 1200 Bücher und andere Medien dazu.

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          Unscheinbarer kann eine riesige Sammlung von Geisteswerken kaum beginnen. Das kleine, braune Büchlein in der unteren, linken Ecke eines langen Regals würde wohl niemandem weiter auffallen, wenn es nicht diesen Aufkleber trüge: „D 45 1“. Eine Signatur, die dem Schriftsteller Egerton Ryerson Young unter den Mitarbeitern der Deutschen Nationalbibliothek eine gewisse Bekanntheit eingebracht hat. Das Buch des Kanadiers mit dem Titel „Meine Hunde im Nordland“ trägt damit die erste Signatur, die 1947 nach der Gründung der Bibliothek in Frankfurt vergeben wurde.

          Seitdem haben sich bis Ende 2009 in Frankfurt 8,9 Millionen Medien verschiedener Art angesammelt, jeden Tag kommen durchschnittlich 1200 hinzu. Aber das ist noch nicht alles. Die Deutsche Nationalbibliothek unterhält einen weiteren Standort in Leipzig. Die damalige „Deutsche Bücherei“ wurde dort 1912 gegründet und beherbergt inzwischen 14,8 Millionen Medien.

          Ab einer Auflage von 25 Exemplaren wandert es auch in die Nationalbibliothek

          Das „Gedächtnis der Nation“ soll die Nationalbibliothek sein und sie hat deshalb die Aufgabe, alle Werke von 1913 an, die eine Verbindung zu Deutschland aufweisen, zu sammeln, zu archivieren und für die Öffentlichkeit bereitzustellen. Das können Romane, Sachbücher, Notenblätter, wissenschaftliche Veröffentlichungen oder CD-Roms, Zeitschriften, Städteführer oder Kinderbücher sein. Alles, was in Deutschland oder im Ausland in deutscher Sprache veröffentlicht wird, alle Übersetzungen deutschsprachiger Werke und Veröffentlichungen über Deutschland in anderen Sprachen, werden gesammelt.

          Dieser Sammelauftrag ist seit 1969 in einem Gesetz festgeschrieben, dem „Gesetz über die Deutsche Bibliothek“, das 2006 erneuert wurde und nun „Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek“ heißt. Seit 1969 hat somit rechtliche Grundlage, was vorher schon durch Absprachen geregelt worden war: Zwei Exemplare jeder Veröffentlichung müssen unentgeltlich an die Deutsche Nationalbibliothek gehen. Voraussetzung ist, dass die Veröffentlichung eine genau festgelegte öffentliche Relevanz hat, eine Auflage, die mehr als 25 Exemplare umfasst, und einen Umfang von mindestens fünf Druckseiten. Dabei ist egal, ob sie bei einem Verlag erschienen ist oder nicht.

          Kochbuch neben Quantenphysik

          In Frankfurt ist die Bibliothek seit 1997 an der Kreuzung von Eckenheimer Landstraße und Adickesallee untergebracht. 47.000 Quadratmeter Fläche bietet die moderne Bibliothek für Verwaltungsgebäude, Lesesäle, ein Restaurant und das große Archiv. Das Herzstück der Bibliothek bietet auf drei Untergeschossen mit einer Gesamtfläche von rund 30.000 Quadratmetern Platz für die Sammlung.

          Bis ein Werk hier einsortiert wird, sind einige Arbeitsschritte nötig. Zunächst werden in der Abteilung „Erwerbung und Formalerschließung“ die grundlegenden Daten aufgenommen: Autor, Titel, Erscheinungsjahr, Größe des Werks und Anzahl der Seiten. Die Abteilung „Inhaltliche Erschließung“ legt Schlagworte fest, unter denen das Werk thematisch eingeordnet wird. Erst dann geht es unter die Erde ins Archiv, wo das Schild mit der Signatur aufgeklebt wird. Ein sehr wichtiger Schritt, denn die Signatur bietet später die einzige Möglichkeit, die gesuchte Literatur wiederzufinden. Das Archiv ist nicht nach Themen sortiert, sondern chronologisch nach Eingang des Mediums. Ein Kochbuch könnte so neben einem Fachbuch über Quantenphysik eingeordnet sein.

          Mit dem Fahhrad zwischen den Regalen entlang

          Die Werke nach Themen zu sortieren, sei gar nicht möglich, sagt Stephan Jockel, Pressesprecher der Nationalbibliothek. Denn es müsse darauf geachtet werden, dass die Lagerung möglichst wenig Platz verbrauche. Regalmeter für ein bestimmtes Thema freizuhalten, sei nicht effizient. Neben der Chronologie des Eingangs der Werke sei die einzige weitere Systematik, dass die Mitarbeiter die Werke der Höhe nach ordneten. „Damit möglichst wenig Platz zwischen den Regalbrettern verschwendet wird“, erklärt Jockel.

          Dem Bibliotheksbesucher kann das gleichgültig sein: Er sucht und bestellt seine Literatur über den digitalisierten Katalog am Computer. Die Mitarbeiter im Archiv suchen die gewünschten Werke heraus und bringen sie zu unterirdischen Sammelstellen – manchmal auch mit dem Fahrrad, denn die Wege im Archiv sind lang. Dort angekommen, schicken sie die Literatur in Körben mit einem automatisierten Schienentransportsystem zu kleinen Paternosteraufzügen. Die fahren die Körbe aus den Untergeschossen in das Erdgeschoss zur Ausgabetheke, an der der Besucher seine Literatur zwei bis drei Stunden nach der Bestellung abholen kann.

          Was hier lagert, bleibt

          Eine ganz neue Herausforderung stellt die Digitalisierung für die Nationalbibliothek dar. Der Sammelauftrag ist so weit gefasst, dass auch elektronische Medien wie E-Books und Internetseiten darunter fallen. E-Books würden inzwischen auch schon auf Servern archiviert und könnten mit den Computern im Lesesaal gelesen werden, sagt Jockel: „Für Internetseiten entwickeln wir gerade Verfahren zur Archivierung.“ Das sei wegen der ständigen Aktualisierung der Seiten kompliziert.

          Andererseits bietet die Digitalisierung für die Nationalbibliothek auch Vorteile. Denn wenn in den nächsten Jahren weiterhin 300 000 Medien pro Jahr in physischer Form ins Archiv wanderten, werde man die Bibliothek in zehn bis 20 Jahren erweitern müssen, sagt Jockel. Vorgesehen seien dafür schon die Flächen der Tiefgarage der Bibliothek sowie anschließend der Tankstelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sollte aber bis dahin ein wesentlicher Teil der Literatur digital erscheinen, blieben Tiefgarage und Tankstelle vermutlich für eine längere Zeit vom Umbau verschont.

          Aber egal, ob die Zukunft des Buches digital sein wird oder nicht: Das kleine Büchlein von Egerton Ryerson Young wird auch 2030 noch mit seiner außergewöhnlichen Signatur im Archiv stehen. Denn was hier lagert, bleibt.

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