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Deutsche Nationalbibliothek : Feldpost für das Internet

  • -Aktualisiert am

Grausamer Alltag: Aufnahmen von deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg Bild: Foto - F.A.Z. Wolfgang Eilmes

Die Bibliothek „Europeana“ ruft dazu auf, Erinnerungsstücke aus dem Ersten Weltkrieg ins Netz zu stellen. So soll der Alltag in den Schützengräben dokumentiert werden.

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          Die Feldpostkarte in Hans-Christian Pusts Händen zeigt ein Grab mit kargem Blumenschmuck, darauf ein Holzkreuz, auf das jemand den Stahlhelm des Begrabenen gesetzt hat. Auf der Rückseite eng beschriebene Zeilen in Sütterlin: „Sehr geehrtes Fräulein“, schreibt der Absender, „da ich Ihre zwei Pakete erhalten habe, ich habe mir sehr darüber gefreut, schmeckt mir sehr gut und sage hiermit meinen besten Dank.“

          „Wahrscheinlich ein Berliner“, sagt Hans-Christian Pust. So erklärt er sich die grammatikalische Unsicherheit des Briefschreibers. Der Historiker hält die vergilbte Pappkarte nahe an seine Brillengläser, um die kleinen, aber gestochen scharfen Schwingungen der Sütterlin-Schrift besser erkennen zu können. Dann liest er weiter: „Wir wollen hoffen, daß der Krieg bald mal ein Ende hatt und wir gesund und munter nach der Heimat ziehen. Daß wollen wir hoffen. L. Krone, 19. 4. 1916“.

          Briefe von der Front, alte Notizbücher, Orden

          Pust blickt auf: „Ortsangaben durften die Soldaten nicht machen, um ihren Standort nicht zu verraten“, erläutert er. Stattdessen habe es im Ersten Weltkrieg Feldpostnummern für jeden deutschen Truppenteil gegeben. Briefeschreiber Krone sei Soldat in der Landwehrbrigade Ersatzbataillon 33 gewesen.

          Elisabeth Mödden (Mitte) und Historiker Hans-Christian Pust sichten das Material

          Briefe von der Front, alte Notizbücher, Orden - die Historiker haben viel zu sichten gehabt am Aktionstag „Erster Weltkrieg in Alltagsdokumenten“ in der Deutschen Nationalbibliothek. Anlass war der nahende hundertste Jahrestag des Kriegsbeginns 2014, bis dahin sollen viele Zeugnisse aus dieser Zeit ausgewertet werden. Der Aktionstag war der erste in Deutschland: Nach dem Auftakt in Frankfurt sollen noch drei weitere in Berlin, München und Stuttgart folgen. „Die Idee kommt aus England“, sagt Britta Woldering, Leiterin des Projekts in der Nationalbibliothek. Dort sei der Erste Weltkrieg als „Great War“ im kollektiven Gedächtnis viel stärker präsent als in Deutschland.

          Im Jahr 2008 hätten Wissenschaftler der Universität Oxford dazu aufgerufen, Erinnerungsstücke aus dem Ersten Weltkrieg ins Internet zu stellen - „Crowdsourcing“ nennt sich diese Methode, das Sammeln von Quellen aus der Bevölkerung. „So kommt die Forschung an die persönlichen Geschichten der Zeitgenossen, die sonst verlorengehen würden“, sagt Woldering. Die Stücke würden zuerst durch Historiker ausgewählt, dann abfotografiert und schließlich für die Internetseite der digitalen europäischen Bibliothek „Europeana“ aufbereitet. Dort seien schon 15 Millionen Objekte aus ganz Europa verzeichnet, sagt Woldering. „Die eigentliche Idee ist, dass die Leute ihre Stücke jederzeit selbst digitalisieren können und auf die Internetseite der Europeana stellen.“

          Erinnerungen in der grauen Schachtel

          Elisabeth Mödden ist gleich mit einer ganzen Schachtel voller Briefe und Orden gekommen. Von ihr stammt auch die Feldpostkarte von „L. Krone“: „Die hat meine Großmutter erhalten“, erzählt die 43 Jahre alte Bauingenieurin. Mödden öffnet die graue Schachtel, in der nebeneinander zwei Stapel Postkarten und Briefe liegen. „Meine Großmutter hat viele Postkarten von der Front bekommen“, sagt sie und lächelt: „Manche lesen sich, als ob die Soldaten ein bisschen in sie verliebt gewesen wären. Aber das konnte man damals noch nicht so offen schreiben.“

          Doch wer schickte ihr all die Karten? Elisabeth Mödden holt ein weißes Blatt mit amtlicher Schreibmaschinenschrift aus der grauen Schachtel - die Sterbeurkunde von Hans Kreutzfeldt, des Bruders ihrer Großmutter. Am 17. September 1914 wurde er vermisst gemeldet, in der Schlacht bei Reims. Bevor er zum Kriegsdienst eingezogen worden war, studierte der damals 22 Jahre alte Soldat Bauingenieurwesen in Hannover - eine Familientradition, der auch Mödden gefolgt ist.

          Die Urkunde trägt das Datum 1929, erst damals wurde Hans Kreutzfeldt offiziell für tot erklärt. „Mein Großvater ist durch die Lazarette gezogen, um ihn zu suchen“, sagt Mödden. Dabei hat er viele Bekanntschaften mit verletzten Soldaten geschlossen, Möddens Großmutter schickte ihnen Essenspakete in den Krieg - als Dank kamen viele Feldpostkarten zurück, die diese Geschichte nun für die Nachwelt dokumentieren. „Fast alle Angehörigen meiner Großmutter sind im Ersten Weltkrieg umgekommen, deshalb hat sie alles, was sie von ihnen hatte, aufgehoben.“

          „Die haben auch Schnaps getauscht“

          Mödden ist nicht die Einzige, die an diesem Vormittag mit ihren Erinnerungsstücken in die Nationalbibliothek gekommen ist. Die Historiker, unter ihnen auch Forscher aus München, Stuttgart und Oxford, kommen mit dem Sichten und Fotografieren der vielen Dokumente kaum nach. Jeder Brief, jedes Foto erzählt eine ganz persönliche Geschichte aus den Schützengräben.

          Manfred Münch ist 67 Jahre alt und Pensionär. Er ist gekommen, weil er an Geschichte interessiert ist, an der Universität Frankfurt hat er sich für das Fach eingeschrieben. Sein Großvater, der 1881 geborene Josef Münch, sei Postbeamter in Frankfurt gewesen, stammte aber nach Münchs Worten aus „Badisch Sibirien“, dem badischen Teil des Odenwalds. 1914 sei Münch in den Krieg gezogen und im Reichsland Elsass-Lothringen eingesetzt worden, wo er französischen Truppen gegenübergestanden habe. „Er hat immer gesagt, dass er niemanden erschossen hat“, erinnert sich Münch.

          Sein Großvater gehörte nach seinen Worten einem badischen Regiment an, das sich dem französischen Feind näher gefühlt habe als den preußischen Generälen. Deshalb hätten er und seine Kameraden an der Front sich mit den Franzosen angefreundet. „Die haben auch Schnaps getauscht“, sagt Münch. Lust, aufeinander zu schießen, hätten sie nicht gehabt. Deshalb hätten die Soldaten vor jedem Angriffsbefehl zur Warnung Steinchen auf den Gegner geworfen: „Das bedeutete, gleich wird scharf geschossen.“ Nur einmal habe es dort Tote gegeben. „Aber da war mein Großvater beim Zahnarzt.“

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