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Deutsche Monopoly-Meisterschaft : Gehen Sie ins Gefängnis

Nicht nur die Schlossstraße im Sinn: Monopoly-Spieler bei der Deutschen Meisterschaft in dem Brettspiel im Frankfurter Hauptbahnhof Bild: ddp

Bei der deutschen Monopoly-Meisterschaft werdenLehrstücke der Marktwirtschaft aufgeführt. Nur eine Frau macht mit. „Egal, was da kommt, einfach alles kaufen“, meint ein Spieler. Der Sieger darf zur Weltmeisterschaft nach Las Vegas.

          3 Min.

          Alles kaufen“, sagt Hans-Georg Schellinger. „Egal, was da kommt, einfach alles kaufen.“ Und so kauft Schellinger alles, was er kriegen kann. Die Chauseestraße, das Elektrizitätswerk, die Münchner und die Wiener Straße. Die Kaufpreise muss ihm niemand sagen, er hat die Scheine schon in der Hand, bevor der Schiedsrichter überhaupt die Besitzkarte gezogen hat. „Geld dürfen Sie nicht horten“, sagt er in einer Pause mit tiefer Stimme und ernstem Blick. „Sie müssen es ausgeben.“ Schellinger muss es wissen, er ist der amtierende deutsche Meister im Monopoly. Mit rundem Bauch in dunklem Anzug und lila Krawatte sitzt er da, die langen und auf der Stirn flüchtigen Haare zum Zopf
          gebunden. Er ist gekommen, um seinen Titel zu verteidigen.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Samstagmittag, Regen prasselt auf den Bahnhofsvorplatz, Wolken verschlingen die Bankentürme. In der Eingangshalle des Hauptbahnhofs stehen fünf Tische auf einem roten Teppich. Über ihnen hängt die blaue Anzeigetafel der Bahn. Kleine Schweinwerfer werfen fahles Licht auf die Tische, Sicherheitsband trennt die Spieler vom Strom der Reisenden. Es ist die elfte deutsche Meisterschaft im Monopoly und die erste, die in einem Bahnhof ausgetragen wird. Bei vier Regionalmeisterschaften hatten sich 20 Teilnehmer für die Reise nach Frankfurt qualifiziert. Hier spielen sie jetzt nicht nur um die deutsche Meisterschaft, sondern auch um eine Reise nach Las Vegas – zur Monopoly-Weltmeisterschaft.

          Je mehr Spieler er in den Bankrott getrieben hat...

          Das Spiel dauert 90 Minuten. Vier Spieler und ein Schiedsrichter sitzen am Tisch. Wer am Ende das meiste Geld hat, gewinnt. Je mehr Spieler er in den Bankrott getrieben hat, umso mehr Punkte wandern auf sein Konto. Die Beträge sind dem internationalen Standard angepasst und daher viel kleiner als die gängigen Zahlen bei deutschen Monopoly-Spielen – dividiert mit dem Faktor 20.

          Katharina Wegener ist die einzige Frau im Feld. Sie sitzt im letzten Vorrundenspiel Schellinger gegenüber und braucht dringend einen Sieg. Die 21 Jahre alte Laborantin aus Berlin lässt ihre Finger über den Tisch tanzen, rückt immer wieder ihre Brille zurecht. Sie will den Rathausplatz, 100 Euro bietet sie dem Besitzer. 150 verlangt der. „100 oder nichts“, sagt sie und lächelt. Immer wieder unterbrechen Schreie und Gesänge das Spielgeschehen. Anhänger von Borussia Mönchengladbach haben sich an den Absperrungen postiert, singen von der Liebe zu ihrem Verein und kommentieren lautstark jeden Zug. „Von denen brauchen wir uns wohl keine Tipps geben lassen“, sagt Wegener. Die Gladbacher spielen in Frankfurt nicht um die Meisterschaft, sondern gegen den Abstieg. Und Wegener bekommt den Rathausplatz, für 100 Euro.

          Hart bleiben

          „Frauen sind zu lieb“, sagt sie in der Mittagspause. Vielleicht sei das der Grund, warum sie es als Einzige nach Frankfurt geschafft habe. Denn am Brett, sagt sie, dürfe man nicht lieb sein. Da müsse man hart bleiben, da gehe es nur um den eigenen Vorteil. Sie wisse das und handle auch danach. Und doch verliert sie das letzte Vorrundenspiel und scheidet aus. Auch Schellinger verliert, doch es kann ihm egal sein, er war schon vorher für das Finale qualifiziert.

          Nach seiner ersten Meisterschaft 2004 durfte Schellinger zur Weltmeisterschaft und wurde Achter. Der 45 Jahre alte Reutlinger baut beruflich Kälteanlagen, in seiner Freizeit spielt er Brettspiele, aber nicht nur Monopoly. „Das muss ich nicht jede Woche spielen“, sagt er. Zu den Meisterschaften aber packe ihn immer wieder das Kribbeln. „Da will ich einfach gewinnen, ohne Gnade.“

          Doch wer gewinnen will, braucht eine Strategie. „Mit Glück hat Monopoly nicht viel zu tun“, sagt Sven Kübler. Er ist der Oberschiedsrichter, war schon bei vier Meisterschaften dabei. Gewinnen würden immer die Spieler, sagt er, die stets verhandeln – und jene, die auch bereit wären, sich sofort zu verschulden. Denn um flüssig zu bleiben, um Straßen kaufen und Häuser bauen zu können, müsse man eben auch Hypotheken aufnehmen. „Sie müssen sich verschulden, um zu investieren“, sagt Kübler. Es ist ein Lehrstück der modernen Marktwirtschaft. „Nur so können Sie gewinnen.“

          Sein Mund ist ein Strich

          Der Nachmittag ist vorangeschritten, die Fußballfans sind längst im Stadion, da beginnt das große Finale. Am Tisch sitzen drei deutsche Meister, einer war sogar schon Vizeweltmeister. Für Schellinger fängt es nicht gut an. Die anderen klüngeln, handeln untereinander mit Straßen und bauen Häuser. Schellinger steht allein da, hat viel Geld, aber keine Möglichkeiten. Sein Mund ist ein Strich, die Augen streifen über die Besitzkarten seiner Gegner. Doch dann kommt die Wende. Während Schellinger mal wieder im Gefängnis abwartet, verschulden sich seine Kontrahenten immer mehr, können sich gegenseitig die Miete nicht mehr zahlen und müssen ihre Häuser wieder abreißen. Schellinger verschafft ihnen Geld – und nimmt ihnen dafür die Straßen. Auf dem Elend der anderen errichtet er sein Immobilienimperium, von der Badstraße bis zum Opernplatz. Nach und nach geben die Kontrahenten auf. Schellingers Mundwinkel wandern nach oben, jetzt ist ihm der Sieg nicht mehr zu nehmen.

          Aus dem Nichts sei er wieder auferstanden, sagt er nach dem Spiel, während die Veranstalter versuchen, ihm die etwas knapp bemessene Siegerschärpe überzuzwingen. Seine Gegner hätten sich mit ihren Bauprojekten gegenseitig ruiniert, meint Schellinger, nimmt den gläsernen Pokal, reckt ihn in die Luft und lacht. Und dann drängen ihn auch schon die Fotografen nach draußen, auf den Bahnhofsvorplatz, um den Meister des Monopoly zu fotografieren, vor den wolkenverhangenen Türmen der Banken.

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