https://www.faz.net/-gzg-9rr0h

Trachtenclub in der Grossstadt : Schuhplattler im Saalbau

  • -Aktualisiert am

Der Trachtenverein bringt bayerisches Brauchtum auf Frankfurter Bühnen. Bild: Marcus Kaufhold

Seine Mitglieder tanzen auf Hochzeiten wie an Geburtstagen und sind zu Gast im ZDF-Fernsehgarten. In bayerischen Trachten. Ihr Verein ist der letzte seiner Art in Hessens größter Stadt.

          3 Min.

          Als die ersten Töne der Amboss-Polka ertönen, stehen die Herren schon im Kreis. Sie klatschen im Gleichtakt mit der offenen Hand in die Faust. Dann stampfen, springen und klatschen sie auf Oberschenkel und Schuhe – sie tanzen den bayerischen Traditionstanz Schuhplattler. Die Damen sitzen derweil am Rand auf Stühlen und Tischen und warten auf ihren Einsatz.

          Alle zwei Wochen trifft sich der Trachtenverein „Bavaria Griesheim“ in Frankfurt mittwochs abends zum Training im Saalbau. „Das mit dem Verein war eigentlich eher ein dummer Zufall“, sagt Karlheinz Bohrmann, der 1985 den Verein zum Erhalt der Gebirgstrachten gegründet hat und ihn nun leitet. Mit Bayern hat der gebürtige Frankfurter, der den Großteil seines Lebens in Griesheim verbracht hat und breites Hessisch spricht, sonst wenig am Hut. Drei Jahre vor der Gründung hatte er es noch kaum glauben können, als ihm ein Freund erzählte, er gehe abends im Trachtenverein „D’Almrosen“ platteln. „So richtig, wie die Bayern?“, fragte Bohrmann. Wenig später begleitete er den Freund – und fand Gefallen am Tanzen.

          Einige Wochen später hatte der Verein einen Auftritt beim Oktoberfest in Griesheim. Bohrmann war im Saal und stieg als Freiwilliger aus dem Publikum in das Programm ein. Danach beschloss er: „Ich gehe jetzt in den Verein, und wenn ich innerhalb eines Monats nicht die Volkstänze und den Schuhplattler gelernt habe, höre ich wieder auf.“ Bohrmann – schütteres dunkles Haar, Silberkettchen, Zigarettenraucher – hatte Erfolg und tanzte im Verein „D’Almrosen“, bis er drei Jahre später „Bavaria Griesheim“ gründete und der alte Verein sich auflöste.

          Christoph Bohrmann tanzt mit „Bavaria Griesheim“ auch auf Hochzeiten und Geburtstagen.

          Der letzte Trachtenverein in Frankfurt

          Früher gab es noch andere Trachtenvereine in Frankfurt. Gegründet wurden sie in der Regel von Bayern, die nach Frankfurt kamen und ein Stück Heimat bewahren wollten. Sie trafen sich in ihren Trachten und tanzten ihre Volkstänze. Vier oder fünf andere Vereine habe es in den vergangenen Jahrzehnten in der Stadt gegeben, sagt Bohrmann, den alle „Kalli“ rufen. „Wir sind der jüngste und kleinste Verein in Frankfurt. Und der einzige, den es noch gibt“, erzählt der 56 Jahre alte Griesheimer nicht ohne Stolz. Dabei ist es nicht einfach, die Gruppe am Leben zu halten. Gerade junge Leute für bayerische Gebirgstrachten und Schuhplattler zu begeistern stellt den Verein vor Schwierigkeiten. „Aber wir machen das, solange es geht.“

          Momentan besteht der Verein aus vier aktiven Paaren. Dabei sind auch Bohrmanns Schwester, seine Tochter und sein Sohn. Tradition ist wichtig für „Bavaria Griesheim“. So steht es für Bohrmann fest, dass, wie auch in Bayern, in der Fastnachtszeit nicht geplattelt wird. Trotzdem steht für den Verein das Freizeitvergnügen im Vordergrund: Es geht um Spaß und um Gemeinschaft.

          Gruppenbild vor einem Auftritt in einer Tanzschule

          Die Gruppe tanzt auf Hochzeiten und Geburtstagen

          Beigebracht hat sich der Vorsitzende das meiste selbst. „Ein paar Tänze kannte ich noch von den ,Almrosen’, den Rest hab ich mir übers Internet und Videos angeeignet“, sagt Bohrmann, der auch Männerballett macht und Fastnacht liebt. Auch die anderen Mitglieder haben keinen direkten Bezug zu Bayern. „Wir sind da alle irgendwie so reingerutscht“, sagen sie immer wieder. Zum Beispiel Horst Margraf. Vor etwa zwölf Jahren wurde „Bavaria Griesheim“ vom ZDF-Fernsehgarten gefragt, ob die Vereinsmitglieder beim dortigen Oktoberfest als Statisten in Tracht im Bierzelt sitzen wollen. Das stieß auf viel Begeisterung. „Da habe ich Horst einfach in eine Tracht gesteckt und mitgenommen“, erzählt Bohrmann. „Und dann war ich auf einmal auch im Verein“, ergänzt Margraf und lacht.

          Die Statisten-Rolle übernimmt die Gruppe sonst selten. Regelmäßig tritt der Verein in Frankfurt und Umgebung auf. „Wir werden dann angerufen und angefragt“, sagt Bohrmann. Dann tanzt die Truppe auf Hochzeiten und Geburtstagsfeiern. Am vergangenen Samstag zum Beispiel hat sich die Gruppe aufgeteilt: Der eine Teil trat bei einer Hochzeit auf, der andere Teil war beim Oktoberfest in der Taunus-Tanzschule in Kronberg.

          Auch als Statisten für den ZDF-Fernsehgarten wurden die Trachtenträger schon gebucht.

          Schweiß und blaue Flecken

          Geboten wird je nach Anlass ein Programm aus acht bis zehn Stücken, meist mit einer Pause. „Anstrengend ist das nämlich schon“, da sind sich alle einig. Die Herren gehen auch einmal mit einem blauen Fleck vom Klatschen auf die Oberschenkel nach Hause – vor allem nach dem Training in Jeans. Die Lederhose schützt besser. Zum Training erscheinen die Mitglieder aber trotzdem in Jeans und T-Shirt. Die originalen Miesbacher Trachten lagern zu Hause und werden nur für die Auftritte ausgepackt. Dann sind die Herren in Lederhose, die Damen in weinrotem Dirndl. „Das Anziehen dauert schon etwa eine halbe Stunde“, sagt Bohrmanns 23 Jahre alte Tochter Sabrina. Wollstrumpfhose, weiße Pluderunterhose, Unterrock, Mieder, Bluse, Schürze. „Man schwitzt ziemlich in den Strumpfhosen, und das Mieder ist auch nicht sehr bequem.“ Außerdem kostet die Tracht auch an die 2000 Euro. Deswegen dürfen die Damen bei nicht hochoffiziellen Anlässen auch in einem normalen Kaufhaus-Dirndl auftreten – wie beim Auftritt in der Tanzschule in Kronberg.

          Ob in Miesbacher Tracht oder normalem Dirndl: „Bavaria Griesheim“ liefert ein Programm, wie man es nicht alle Tage in Frankfurt zu sehen bekommt. So gehört zum Beispiel der „Holzhacker“ zum Repertoire des Vereins: Die Männer platteln und zerhacken dabei einen Holzstamm auf der Bühne. Bei anderen Figuren- und Paartänzen drehen sich die Frauen so lange im Kreis, dass einem schon vom Zuschauen schwindelig wird. Und wenn einmal kurzfristig Leute aus dem Verein absagen müssen, hat der Vorsitzende auch eine Lösung: „Dann schnapp ich mir einfach ein Mädel aus dem Publikum, und dann wird getanzt.“

          Weitere Themen

          Der Weg zurück ins Licht

          „F.A.Z.-Leser helfen“ : Der Weg zurück ins Licht

          Viele Menschen in Kenia betrachten Blindheit als unausweichliches Schicksal. Dabei kann ihnen geholfen werden. Das Spendenprojekt dieser Zeitung soll dazu beitragen.

          Topmeldungen

          Antrieb der Zukunft : Elektroautos retten das Klima nicht

          Mit welchem Antrieb wir in die Zukunft fahren, scheint politisch entschieden. Aber neue Untersuchungen nähren Zweifel. Demnach ist ein Elektroauto erst nach 219.000 Kilometern besser für das Klima. Der Plug-in-Hybrid ist erst recht kein Gewinn.
          Während des Sommers 2015 hat es auch viele Flüchtlinge nach Dänemark gezogen. Welche Rolle dabei Sozialtransfers gespielt haben, ist kaum zu ermitteln.

          Princeton-Studie : Sozialleistungen locken Zuwanderer

          Bislang haben wissenschaftliche Untersuchungen nur einen schwachen Effekt von Sozialtransfers auf die Bereitschaft zuzuwandern nachgewiesen. Ein Forscherteam hat es nun am Beispiel Dänemark untersucht und Überraschendes beobachtet.
          Gut verdienen -  das wollen viele; aber wo gibt es die besten Gehälter?

          Gehaltsreport für Absolventen : Berufswunsch? Reich!

          Ein Studium zahlt sich aus – so viel ist bekannt: Akademiker können sich auf höhere Gehälter freuen als Nicht-Akademiker. Aber das ist natürlich nur ein Durchschnitt, wie diese neuen Gehaltsdaten zeigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.