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Der neue Vorstand der Awo : Blick zurück im Zorn

  • -Aktualisiert am

Awo-Präsidiumsvorsitzende Petra Rossbrey hat am Montag die beiden neuen Vorstände Axel Dornis (r) und Steffen Krollmann vorgestellt. Bild: Lucas Bäuml

Mit einem fröhlichen „vergesst was war, wir blicken nach vorne“ wird der Neuanfang der Awo nicht zu schaffen sein. So entschlossen, wie die neue Führung am Montag auftrat, darf man aber zuversichtlich sein.

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          Die neue Führung der Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt hat eigentlich keine Zeit, sich mit Vergangenheitsbewältigung aufzuhalten. Zu wichtig sind gerade in diesen angespannten Wochen die Aufgaben, die der Sozialverband erfüllt – von den Kitas bis zur Altenpflege. Die neue Führung, am Montag komplettiert durch den Vorstand, wird dennoch weiterhin mit den Altlasten von Gier und Vetternwirtschaft umzugehen haben. Diese sind tief in das System der organisierten Nächstenliebe gesickert und haben viel Vertrauen verspielt, gerade auch bei den zahlreichen Ehrenamtlichen und den nicht gerade üppig entlohnten Mitarbeitern der Awo.

          Mit einem fröhlichen „vergesst was war, wir blicken nach vorne“ wird der Neuanfang daher nicht zu schaffen sein. Die Awo muss den Skandal zum Anlass nehmen, sich selbst als das zu sehen, was sie ist: Ein Konzern mit großer sozialer Tradition und sozialem Gewissen. Die SPD als Mutter der Awo und personell immer noch stark verbunden, ist in besonderem Maße gefordert, den Wandel zu begleiten.

          Es wird aber vermutlich noch länger dauern, ehe man sich von dem Gefühl verabschiedet, ein Verein zu sein, in dem sich der eine auf den anderen verlassen kann und echte Kontrolle eigentlich nicht nötig sei. Rechnungsprüfungen im Stile von Hasenzüchtern machten offenbar bei den Ortsverbänden in Frankfurt und Wiesbaden gewaltige Tricksereien erst möglich. Aber nicht nur die Awo selbst, sondern auch die mit ihr meist eng zusammen arbeitenden Kommunen können künftig ihre Rolle nicht auf eine wohlwollende Partnerschaft beschränken. Gerade die Beispiele Frankfurt und Wiesbaden bieten ein fatales Beispiel dafür, wie sich eine Selbstbedienungsmentalität entwickeln kann, wenn der Auftraggeber nicht so recht hinschauen mag, was für sein Geld geleistet wird.

          So entschlossen, wie die neue Awo-Führung am Montag auftrat, darf man zuversichtlich sein, dass sie weiß, welche Änderungen in den Strukturen und im Selbstverständnis nötig sind. Der Blick zurück wird gleichwohl noch für eine geraume Zeit einer im Zorn bleiben. Wie es aussieht, steht eine langwierige juristische Aufarbeitung bevor. Die Kita-Affäre, welche den eigentlichen, viel größeren Skandal erst ins öffentliche Bewusstsein rückte, wird dabei wohl nur eine Arabeske bleiben.

          Helmut Schwan

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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