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Daniel Libeskind : „Ich bin nicht neutral“

  • Aktualisiert am

Daniel Libeskind: Ich würde in Frankfurt gern ein Quartier errichten, zu dem Kultur, Wohnungen, Spielplätze, Parks, Schulen und spannende öffentliche Räume gehören. Bild: Frank Röth

Daniel Libeskind ist einer der bekanntesten Architekten der Gegenwart. Im Interview verrät er, was es mit Trump auf sich hat und was er von der Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt hält.

          7 Min.

          In Deutschland bemüht man sich, der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten etwas Positives abzugewinnen. Können Sie uns weiterhelfen?

          Diese Wahl bedeutet einen grundlegenden Wandel, weltweit. Es geht ja nicht nur um Donald Trump. Wir erleben eine Verschiebung nach rechts, wo immer man hinsieht. Die Weltlage hat sich verändert, das ist eine beunruhigende Tatsache. So ist das mit der Weltgeschichte, sie ändert sich nicht allmählich, sondern plötzlich.

          Wie Trump wohnen Sie in New York. Sie wurden im selben Jahr geboren. Haben Sie noch etwas gemeinsam?

          Ich habe ihn mehrmals getroffen. Aber Gemeinsamkeiten? Nein, die gibt es nicht. Er ist ein Mann, der in einem goldenen Palast lebt. Als ich geboren wurde, hatten wir kein Dach über dem Kopf. Nein, für diesen Vergleich eigne ich mich wirklich nicht.

          Wird es eine populistische Wende in der Architektur geben? Wird der vorherrschende Stil künftig konservativer und prunkvoller sein? Mehr Marmor und weniger Beton?

          Nein, nicht in diesem Sinne. Ein Prozent der Bevölkerung hat schon immer in goldenen Türmen gewohnt, 99 Prozent nicht. Das wird sich nicht ändern. Eine populistische Wende würde eher bedeuten, dass Trumps Versprechungen von einer besseren Infrastruktur in Erfüllung gehen. Aber daran glaube ich nicht.

          Sprechen wir über Deutschland. Sie kennen Frankfurt sehr gut. Gefällt Ihnen, wie sich die Stadt entwickelt?

          Ich mag Frankfurt gern. Es ist eine moderne Stadt mit viel Schwung und nicht so nostalgieverliebt wie viele Städte in Europa. Frankfurt ist Risiken eingegangen und deshalb interessant. Die Stadt hat viele Grünflächen und wirkt an mancher Stelle wie ein Dorf, an anderer wie eine Metropole. Das ist sehr ungewöhnlich.

          Die Frankfurter Altstadt wird zurzeit teilweise rekonstruiert, mehr als 70 Jahre nach der Zerstörung. Was halten Sie von diesem Projekt?

          Ich habe nie an solche Vorhaben geglaubt. Sie haben keinen Erfolg, denn Nostalgie bedeutet Misstrauen gegenüber der Zukunft. Die Vergangenheit zu simulieren hat noch nie funktioniert. Das wird Frankfurt nicht „great again“ machen.

          Verstehen Sie, warum viele Deutsche so nostalgisch sind?

          Ich glaube nicht, dass es nur den Deutschen so geht. Diese Haltung ist in der Neuen Welt vielleicht insgesamt etwas seltener, weil sie jünger ist. Aber im untergehenden Brooklyn gibt es ebenso viel Nostalgie wie in Frankfurt.

          Mögen Amerikaner nicht besonders die alten Dinge? Wenn sie Deutschland besuchen, wollen sie vor allem Schlösser und Altstädte sehen.

          Sicher, aber es gibt einen wunderbaren Aphorismus von Goethe: „Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, das alte, hast keine verfallenen Schlösser und keine Basalte.“ Natürlich gibt es die Phänomene des Tourismus: Wünsche, Träume und Phantasien von Geschichte, die es so nie gab.

          Beunruhigt es Sie, dass viele Menschen einen sentimentalen Zugang zur Architektur haben? Dass sie nur die alten Stile schätzen und die moderne Architektur nicht respektieren?

          Das war schon immer so. Neue, zeitgenössische Architekturstile sind nie sofort auf Beifall gestoßen. Sie kämpften stets gegen den Trend, sei es in den 1920er oder 1880er Jahren oder in jeder anderen Epoche. Die menschliche Natur reagiert empfindlich auf Veränderungen. Die Leute mögen, was sie kennen, und sie wissen nicht, was sie haben werden.

          Sie haben einige Jahre in Berlin gelebt. Aus einer amerikanischen Perspektive: Worin unterscheiden sich Frankfurt und Berlin?

          Vor allem in der Skyline. Die physische Präsenz der Stadt ist sehr unterschiedlich. Berlin ist eine niedrige Stadt, kaum 20 Meter hoch. Auf einen Amerikaner wirkt Frankfurt wie eine moderne Stadt wegen seines Profils, das es auch andernorts geben könnte. Frankfurt hat außerdem viele unterschiedliche Stadtviertel und eine großartige Kulturszene.

          Einige Viertel verändern sich dramatisch. Ist Gentrifizierung unvermeidbar?

          Gentrifizierung ist ein vielschichtiges Phänomen. Sie macht Stadtviertel gewissermaßen marktfähig. Aber auf der anderen Seite vertreibt sie Menschen aus diesen Vierteln, die sich das Leben dort nicht mehr leisten können.

          Die Bevölkerung in Frankfurt wächst rasant. Derzeit wird diskutiert, ob und wo die Stadt noch weitergebaut werden kann. Einige Stadtplaner bevorzugen eine höhere Dichte in der Innenstadt, andere sind für neue Vorstädte. Was schlagen Sie vor?

          Um eine Stadt nachhaltig weiterzubauen, sollte man nicht nur ihren Fußabdruck vergrößern und in niedrigem Maßstab bebauen. Man sollte vielmehr ins Stadtzentrum investieren. Städte mit hoher Dichte sind interessante Städte. Eine Erhöhung der Dichte bedeutet, dass sowohl bezahlbarer als auch marktgängiger Wohnraum entstehen muss.

          Aber sind dichte Städte nicht auch teure Städte?

          Es kommt darauf an, wo. Eine nachhaltige Stadt braucht ein kreatives Zentrum mit einer durchmischten Bevölkerung, die nicht nur einer sozialen Schicht angehört. Sie benötigt bezahlbaren, geförderten Wohnraum und Angebote für die Mittelschicht.

          Sie bauen in dem Neubaugebiet Riedberg am Rande Frankfurts einige Häuser. Das ist doch eine Vorstadt.

          Vororte gab es schon im alten Rom - die Suburbia. Wenn wir über das Wachstum der Bevölkerung reden, sprechen wir nicht nur über Städte, sondern auch über die Entwicklung von Vororten. Die Vorstädte dürfen aber nicht ausufernd und unkontrolliert wachsen, sondern als gut durchdachte, integrierte Gemeinschaften. Die Vorstädte müssen urbaner werden.

          Wie lässt sich städtische Atmosphäre in einem Vorort schaffen? Wird Ihr Projekt den Riedberg verändern?

          Ich versuche, ein anderes Element auf dem Riedberg einzuführen, der stark von einem Post-Bauhaus-Lebensstil geprägt ist. Es ist ein sehr anspruchsvolles Projekt: Wie kann man diesem urbanen Umfeld einen neuen Sinn geben? Wie schafft man etwas Individualität in diesem Häusermeer?

          Ist der Architekt eher ein Künstler oder ein Ingenieur?

          Im 19. Jahrhundert hat sich die Architektur in zwei Hälften geteilt: die Technik und die bildende Kunst. Jetzt haben wir Ingenieure auf der einen und Künstler auf der anderen Seite. Die Architektur wird vielleicht wieder mehr zu dem, was sie einmal war: eine einheitliche Disziplin, die man nicht teilen kann. Eine bürgerliche Kunst.

          Ihre Gebäude sind sehr ausdrucksstark. Was wollen Sie mit Ihrer Architektur erreichen? Wollen Sie Emotionen provozieren?

          Ja, ich glaube stark an die emotionale Dimension der Architektur. In Dantes Inferno befinden sich Menschen, die sich neutral verhalten und keine Stellung beziehen, im Vorraum der Hölle. Ich war immer dagegen, nur eine neutrale Position einzunehmen und sich einzufügen, damit niemand einen bemerkt. Jede Kunst ist der Ausdruck ihrer Zeit und einer Funktion.

          Ist es richtig, Ihre Arbeit als „signature architecture“ zu bezeichnen?

          Natürlich, jeder Architekt hat eine persönliche Handschrift. Sie können der Unterschrift auf Ihrem Werk nicht entkommen.

          Glauben Sie an den Wert eines architektonischen Ensembles?

          Ich glaube, dass das Ensemble eine Vielfalt braucht und Monotonie vermeiden muss, um Menschen zu begeistern.

          Kritiker werfen Ihnen vor, dass Ihre Gebäude einander sehr ähnlich seien. Das Einkaufszentrum Westside bei Bern zum Beispiel erinnert mit seinen gezackten Formen an das Jüdische Museum in Berlin.

          Der Vergleich ist sehr weit hergeholt! Es scheint mir praktisch keinerlei Ähnlichkeit zwischen den beiden Projekten zu geben. Mies van der Rohe sagte, man solle nur ein Gebäude im Leben bauen und es immer wiederholen. Das ist nicht meine Überzeugung. Aber man kann sich nicht von seinen Ideen entfernen. Eine Sonate von Mozart klingt nicht wie Brahms. Dostojewski schreibt nicht wie Turgenjew. Man kann ein Werk einer Person zuordnen. Das ist das Geheimnis der Kunst.

          Mancher meint, in Deutschland habe man verlernt, den öffentlichen Raum ansprechend zu gestalten.

          Nun, das ist nicht nur in Deutschland so. Ich teile die Ansicht, dass sich die Leute zu sehr auf das Offensichtliche konzentrieren anstatt daran zu denken, was die Leute, was Familien, Kinder und Teenager wirklich brauchen: Gemeinschaft.

          Was heißt das für die Gestaltung?

          Sie brauchen etwas, das interessant ist, das eine intensive Kommunikation schafft. Sie brauchen eine städtische Umgebung und eine Architektur, die zu ihnen spricht, ohne ihre Vorstellungskraft zu unterschätzen. Wir haben Virtual Reality, wir haben Robotik, Gehirnforschung und Youtube. Die Menschen sind radikal in dem, was sie täglich tun, aber was ihre Wohnumgebung angeht, dann findet sich da immer der gleiche Raum, das gleiche Fenster und die gleiche Inneneinrichtung. Es ist erstaunlich, dass wir so leben wie vor 6000 Jahren, vielleicht ein wenig besser. Freud hat das Unbewusste mit der Stadt verglichen: Wir leben in dieser kleinen Wohnung, aber wir hängen ab von dem, was sich dahinter und darunter befindet.

          Was können Sie als Architekt tun, um ein Gebäude und den öffentlichen Raum miteinander zu verbinden?

          Wir brauchen gute Architekten mit guten Ideen und gute Bauherren und gute Behörden, die etwas Neues zulassen anstatt eine abstrakte Bauordnung zu hüten, die schon lange nicht mehr den Interessen der Leute entspricht.

          Heutzutage regt sich gegen nahezu jedes Projekt öffentlicher Protest. Es gibt überhaupt eine negative Einstellung zu Veränderungen. Wie lässt sich das ändern?

          Es geht nur über Partizipation, durch Einbindung. Man darf die Menschen nicht so behandeln, als stünden sie außerhalb des Entscheidungsprozesses. Alle meine Projekte, die ich wirklich mag, sind in der öffentlichen Sphäre entstanden, zum Beispiel das Denver Art Museum und das Royal Ontario Museum. Da fanden zahlreiche öffentliche Treffen statt mit Tausenden von Fragen. So verhielt es sich auch mit Ground Zero. Am Anfang des Planungsprozesses diskutierten und hinterfragten Tausende die verschiedenen Vorschläge. Mein Vorschlag wurde genauso debattiert wie andere. Ich glaube an öffentlichen Partizipation.

          Zumindest in Frankfurt ist Partizipation eine schwierige Sache. Wenn man den Bürgern sagt, dass sie sich beteiligen können, erwarten sie, dass ihre Vorschläge berücksichtigt werden. Die Politiker geben zumeist nach, egal wie klug die Vorschläge waren.

          Ein sinnvoller Austausch ist für jedes Projekt wichtig. Man muss sich auf Athen besinnen, auf die Debatten, auf Vernunft und Rationalität. Einer der Gründe, warum Trump gewählt worden ist, war, dass die Leute das Gefühl hatten, sie seien vergessen worden und nicht länger Teil des Diskurses. Es ist wichtig, ein System offen zu gestalten, damit jeder eine Chance hat. Das heißt nicht, dass Architektur von einem Komitee gemacht werden sollte. Man muss darauf bestehen, dass man zuhört und dass einem zugehört wird. Das ist fundamental.

          Sind Architekturwettbewerbe in Deutschland fair und transparent?

          Wir brauchen Wettbewerbe, für die man sich nicht mit Nachweisen über die Zahl und die Kosten zuvor entworfener Gebäude qualifiziert. Ich konnte nur Architekt werden, weil ich an einem anonymen Wettbewerbsverfahren teilgenommen habe. Der Name spielte keine Rolle und man musste auch keine Referenzen vorweisen. Ich plädiere für eine radikale Öffnung des architektonischen Diskurses.

          Wenn Daniel Libeskind ein beliebiges Gebäude in Frankfurt bauen könnte, was wäre das?

          Ich würde gern eine urbane Erfahrung vermitteln. Ich würde gern ein Quartier errichten, zu dem Kultur, Wohnungen, Spielplätze, Parks, Schulen und spannende öffentliche Räume gehören. Ich würde dabei etwas aufgreifen, das schon existiert, aber schwach und verletzlich wirkt. Ich möchte etwas Unerwartetes schaffen; und damit die Stadt zu etwas Fortschrittlichem und Interessantem verändern.

          Also etwas wie Ihr Projekt „One day in life“, das vor einigen Monaten in Frankfurt stattfand?

          Ja, das ist ein gutes Beispiel. Das ist eine kleine Skizze für die Art und Weise, in der man tieferen Anliegen Resonanz verschaffen kann. Dafür, wie man die Leute dazu bringt, gemeinsam etwas zu tun.

          In Frankfurt wie in anderen großen Städten steigen die Mieten und Kaufpreise für Wohnungen. Was kann man dagegen tun?

          Viel. Es gibt einen riesigen Markt für preiswerte Wohnungen. Jemand sollte etwas tun, jemand muss etwas tun; und jemand wird etwas tun, früher oder später.

          Sie arbeiten an zwei sozialen Wohnungsprojekten, eines in Berlin, eines in China. Welche Erfahrungen machen Sie da?

          Meine Erfahrung in China war eigenartig. Meine Auftraggeber meinten, meine Arbeiterwohnungen sähen besser aus als ihre Wohnungen für den freien Markt. Merkwürdig, aber wahr.

          Aber Sie bleiben dran?

          Ja. Wenn man sparsam ist, wenn man bescheidene Materialien verwendet, kann man ein Gebäude entwerfen, dass kraftvoll und zugleich bezahlbar ist. Die meisten Menschen meinen, dass gute Architektur teuer sein muss. Das ist wirklich nicht wahr.

          Die Fragen stellten Matthias Alexander und Rainer Schulze.

          Der Mensch, das Werk

          Daniel Libeskind wurde 1946 in Polen geboren, über Israel emigrierte die Familie 1960 in die Vereinigten Staaten. Der musikalisch hochbegabte Libeskind entschied sich für ein Studium der Architektur und macht sich anschließend als Theoretiker international einen Namen.

          Er war schon 52 Jahre alt, als seine ersten Gebäude fertiggestellt wurden, darunter der Anbau für das Jüdische Museum in Berlin. Seither gehört er zu dem kleinen Kreis von Stararchitekten, die überall auf der Welt bauen. Von Libeskind stammt auch der städtebauliche Entwurf für „Ground Zero“, das Areal des früheren World Trade Center.

          Demnächst werden auf dem Frankfurter Riedberg mehrere Stadtvillen nach dem Entwurf Libeskinds entstehen. (ale.)

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