https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/der-architekt-daniel-libeskind-im-interview-14547256.html

Daniel Libeskind : „Ich bin nicht neutral“

  • Aktualisiert am

Zumindest in Frankfurt ist Partizipation eine schwierige Sache. Wenn man den Bürgern sagt, dass sie sich beteiligen können, erwarten sie, dass ihre Vorschläge berücksichtigt werden. Die Politiker geben zumeist nach, egal wie klug die Vorschläge waren.

Ein sinnvoller Austausch ist für jedes Projekt wichtig. Man muss sich auf Athen besinnen, auf die Debatten, auf Vernunft und Rationalität. Einer der Gründe, warum Trump gewählt worden ist, war, dass die Leute das Gefühl hatten, sie seien vergessen worden und nicht länger Teil des Diskurses. Es ist wichtig, ein System offen zu gestalten, damit jeder eine Chance hat. Das heißt nicht, dass Architektur von einem Komitee gemacht werden sollte. Man muss darauf bestehen, dass man zuhört und dass einem zugehört wird. Das ist fundamental.

Sind Architekturwettbewerbe in Deutschland fair und transparent?

Wir brauchen Wettbewerbe, für die man sich nicht mit Nachweisen über die Zahl und die Kosten zuvor entworfener Gebäude qualifiziert. Ich konnte nur Architekt werden, weil ich an einem anonymen Wettbewerbsverfahren teilgenommen habe. Der Name spielte keine Rolle und man musste auch keine Referenzen vorweisen. Ich plädiere für eine radikale Öffnung des architektonischen Diskurses.

Wenn Daniel Libeskind ein beliebiges Gebäude in Frankfurt bauen könnte, was wäre das?

Ich würde gern eine urbane Erfahrung vermitteln. Ich würde gern ein Quartier errichten, zu dem Kultur, Wohnungen, Spielplätze, Parks, Schulen und spannende öffentliche Räume gehören. Ich würde dabei etwas aufgreifen, das schon existiert, aber schwach und verletzlich wirkt. Ich möchte etwas Unerwartetes schaffen; und damit die Stadt zu etwas Fortschrittlichem und Interessantem verändern.

Also etwas wie Ihr Projekt „One day in life“, das vor einigen Monaten in Frankfurt stattfand?

Ja, das ist ein gutes Beispiel. Das ist eine kleine Skizze für die Art und Weise, in der man tieferen Anliegen Resonanz verschaffen kann. Dafür, wie man die Leute dazu bringt, gemeinsam etwas zu tun.

In Frankfurt wie in anderen großen Städten steigen die Mieten und Kaufpreise für Wohnungen. Was kann man dagegen tun?

Viel. Es gibt einen riesigen Markt für preiswerte Wohnungen. Jemand sollte etwas tun, jemand muss etwas tun; und jemand wird etwas tun, früher oder später.

Sie arbeiten an zwei sozialen Wohnungsprojekten, eines in Berlin, eines in China. Welche Erfahrungen machen Sie da?

Meine Erfahrung in China war eigenartig. Meine Auftraggeber meinten, meine Arbeiterwohnungen sähen besser aus als ihre Wohnungen für den freien Markt. Merkwürdig, aber wahr.

Aber Sie bleiben dran?

Ja. Wenn man sparsam ist, wenn man bescheidene Materialien verwendet, kann man ein Gebäude entwerfen, dass kraftvoll und zugleich bezahlbar ist. Die meisten Menschen meinen, dass gute Architektur teuer sein muss. Das ist wirklich nicht wahr.

Die Fragen stellten Matthias Alexander und Rainer Schulze.

Der Mensch, das Werk

Daniel Libeskind wurde 1946 in Polen geboren, über Israel emigrierte die Familie 1960 in die Vereinigten Staaten. Der musikalisch hochbegabte Libeskind entschied sich für ein Studium der Architektur und macht sich anschließend als Theoretiker international einen Namen.

Er war schon 52 Jahre alt, als seine ersten Gebäude fertiggestellt wurden, darunter der Anbau für das Jüdische Museum in Berlin. Seither gehört er zu dem kleinen Kreis von Stararchitekten, die überall auf der Welt bauen. Von Libeskind stammt auch der städtebauliche Entwurf für „Ground Zero“, das Areal des früheren World Trade Center.

Demnächst werden auf dem Frankfurter Riedberg mehrere Stadtvillen nach dem Entwurf Libeskinds entstehen. (ale.)

Weitere Themen

Topmeldungen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan

Ukraine-Krise : Erdoğan warnt Russland

Die Türkei fürchtet, dass das Schwarze Meer ein „russisches Meer“ werden könnte und unterstützt daher die Ukraine. Dennoch bietet Erdoğan an, zu vermitteln.