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Daniel Libeskind : „Ich bin nicht neutral“

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Ist es richtig, Ihre Arbeit als „signature architecture“ zu bezeichnen?

Natürlich, jeder Architekt hat eine persönliche Handschrift. Sie können der Unterschrift auf Ihrem Werk nicht entkommen.

Glauben Sie an den Wert eines architektonischen Ensembles?

Ich glaube, dass das Ensemble eine Vielfalt braucht und Monotonie vermeiden muss, um Menschen zu begeistern.

Kritiker werfen Ihnen vor, dass Ihre Gebäude einander sehr ähnlich seien. Das Einkaufszentrum Westside bei Bern zum Beispiel erinnert mit seinen gezackten Formen an das Jüdische Museum in Berlin.

Der Vergleich ist sehr weit hergeholt! Es scheint mir praktisch keinerlei Ähnlichkeit zwischen den beiden Projekten zu geben. Mies van der Rohe sagte, man solle nur ein Gebäude im Leben bauen und es immer wiederholen. Das ist nicht meine Überzeugung. Aber man kann sich nicht von seinen Ideen entfernen. Eine Sonate von Mozart klingt nicht wie Brahms. Dostojewski schreibt nicht wie Turgenjew. Man kann ein Werk einer Person zuordnen. Das ist das Geheimnis der Kunst.

Mancher meint, in Deutschland habe man verlernt, den öffentlichen Raum ansprechend zu gestalten.

Nun, das ist nicht nur in Deutschland so. Ich teile die Ansicht, dass sich die Leute zu sehr auf das Offensichtliche konzentrieren anstatt daran zu denken, was die Leute, was Familien, Kinder und Teenager wirklich brauchen: Gemeinschaft.

Was heißt das für die Gestaltung?

Sie brauchen etwas, das interessant ist, das eine intensive Kommunikation schafft. Sie brauchen eine städtische Umgebung und eine Architektur, die zu ihnen spricht, ohne ihre Vorstellungskraft zu unterschätzen. Wir haben Virtual Reality, wir haben Robotik, Gehirnforschung und Youtube. Die Menschen sind radikal in dem, was sie täglich tun, aber was ihre Wohnumgebung angeht, dann findet sich da immer der gleiche Raum, das gleiche Fenster und die gleiche Inneneinrichtung. Es ist erstaunlich, dass wir so leben wie vor 6000 Jahren, vielleicht ein wenig besser. Freud hat das Unbewusste mit der Stadt verglichen: Wir leben in dieser kleinen Wohnung, aber wir hängen ab von dem, was sich dahinter und darunter befindet.

Was können Sie als Architekt tun, um ein Gebäude und den öffentlichen Raum miteinander zu verbinden?

Wir brauchen gute Architekten mit guten Ideen und gute Bauherren und gute Behörden, die etwas Neues zulassen anstatt eine abstrakte Bauordnung zu hüten, die schon lange nicht mehr den Interessen der Leute entspricht.

Heutzutage regt sich gegen nahezu jedes Projekt öffentlicher Protest. Es gibt überhaupt eine negative Einstellung zu Veränderungen. Wie lässt sich das ändern?

Es geht nur über Partizipation, durch Einbindung. Man darf die Menschen nicht so behandeln, als stünden sie außerhalb des Entscheidungsprozesses. Alle meine Projekte, die ich wirklich mag, sind in der öffentlichen Sphäre entstanden, zum Beispiel das Denver Art Museum und das Royal Ontario Museum. Da fanden zahlreiche öffentliche Treffen statt mit Tausenden von Fragen. So verhielt es sich auch mit Ground Zero. Am Anfang des Planungsprozesses diskutierten und hinterfragten Tausende die verschiedenen Vorschläge. Mein Vorschlag wurde genauso debattiert wie andere. Ich glaube an öffentlichen Partizipation.

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