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Denkmalschutz in Frankfurt : „Hinterhältiges Handeln der Behörden“

Schutzwürdig: Das Lorey-Haus in der Nähe der Hauptwache sollte eigentlich verkauft und abgerissen werden. Bild: Wolfgang Eilmes

Der Fall Lorey in Frankfurt hat den Denkmalschutz in Hessen in Verruf gebracht. Doch die unzureichende Kommunikation zwischen den Behörden und den Eigentümern sorgt bereits seit Jahren für Unmut.

          5 Min.

          Der Ruf der Denkmalschützer des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt hat in den vergangenen Monaten stark gelitten. Das liegt nicht nur an der schleppenden Erfassung der Baudenkmäler – mehr als 500 Objekte stehen allein in Frankfurt noch auf der Warteliste. Die Kommunikation zwischen den beteiligten Behörden scheint desaströs. Besonders der Fall des Hauses Lorey hat für Aufsehen gesorgt. Das Gebäude war als Beispiel für ein gut erhaltenes Geschäftshaus der Nachkriegszeit während des laufenden Verkaufsprozesses vom Landesdenkmalamt unter Schutz gestellt worden – zur Überraschung und zum wirtschaftlichen Schaden des bisherigen Eigentümers. Dabei war ihm noch fünf Monate zuvor vom städtischen Denkmalamt bestätigt worden, dass sein Haus kein Denkmal sei. Beobachter und Betroffene gewannen den Eindruck, dass die eine Behörde nicht weiß, was die andere macht.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Fall des Frankfurter Traditionsunternehmens ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Die Investoren, die das Stammhaus an der Hauptwache erwerben und durch einen Neubau ersetzen wollen, sollen ihre Pläne nun dem Landesamt für Denkmalpflege vorstellen. Auch die Stadt will dem bisherigen Eigentümer entgegenkommen und hält zumindest einen Teilabriss für möglich.

          Das Beispiel zeigt, dass die Kommunikation der beteiligten Ämter dringend verbessert werden muss. An der Unterschutzstellung eines Gebäudes sind zwei Behörden beteiligt: das Landesamt für Denkmalpflege und das städtische Denkmalamt. Die Denkmalfachbehörde, also das Landesamt, ist für das Erkennen, Erfassen und Eintragen der Kulturdenkmäler zuständig. Betreut werden die Denkmäler vom Denkmalamt am Ort. Wird ein neues Denkmal ausgewiesen, muss zuvor mit dem städtischen Amt das sogenannte Benehmen hergestellt werden. Das ist oft eine langwierige Angelegenheit.

          Jahrelanges Warten auf Antworten

          Das Frankfurter Planungsdezernat will, dass der Prozess der Unterschutzstellung beschleunigt und stärker systematisiert wird. Das Dezernat wirft dem Landesamt vor, zu langsam zu agieren. Es habe bei 519 Objekten im Stadtgebiet zwar einen Denkmalwert erkannt und die Gebäude auf eine „interne Arbeitsliste“ aufgenommen, sie aber noch nicht formal ausgewiesen. Dafür muss ein Gebäude in das Denkmalverzeichnis aufgenommen werden, samt einer Begründung. Außerdem muss das Benehmen mit der Kommune hergestellt werden. Schließlich müssen die Eigentümer noch benachrichtigt werden, dass ihr Haus ein Kulturdenkmal ist. Die Stadt kritisiert, dass es den Eigentümern sowie Behörden und anderen Baubeteiligten schwer zu vermitteln sei, dass ohne eine Denkmalausweisung und eine Eigentümerbenachrichtigung schon Auflagen gelten. Durch die fehlende Ausweisung entstehe den Eigentümern zudem ein geldwerter Nachteil, da Zuwendungen und Steuervorteile dann gewährt werden.

          Die Warteliste ist so lang, weil eine „Nacherfassung“ im Gange ist. Die Stadt hatte angeregt, dass das aus den achtziger Jahren stammende Denkmalverzeichnis dringend ergänzt werden müsse. Insbesondere die Texte der Denkmaltopographie von 1985 und die des Nachtragsbandes von 2000 seien stark ergänzungsbedürftig und in der Regel nicht gerichtsfest formuliert. Deshalb hatte das Denkmalamt 2012 eine systematische Erfassung von Kulturdenkmalen im gesamten Stadtgebiet angeregt. Von 2013 bis 2017 wurde die Innenstadt „nachinventarisiert“. Bisher wurde die Nacherfassung allerdings nur dort, in der Bürostadt Niederrad und in Bockenheim abgeschlossen. Die Stadt kritisiert, dass Anfragen nach Prüfung des Denkmalwertes über Monate, in Einzelfällen Jahre, nicht abschließend beantwortet würden.

          „reine Geldvernichtung“

          Gestandene Denkmalpfleger halten den Imageschaden für immens. Heinz Schomann, der einst das städtische Denkmalamt leitete, heute im Ruhestand ist und an der Denkmaltopographie maßgeblich beteiligt war, fürchtet, dass die Akzeptanz des Denkmalschutzes in der Bevölkerung leidet. Die Nacherfassung sei „reine Geldvernichtung, denn weder wird im Zentrum der Nordweststadt plötzlich ein romanischer Burgturm emporgewachsen sein noch sich im Stadtwald das Vorbild für die barocke Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen entdecken lassen“. Das Stadtgebiet sei bereits gründlich auf Kulturdenkmäler überprüft worden. Außerdem könne ein solcher Prozess nicht „im Geheimen“ ablaufen.

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