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Zur Debatte um die Paulskirche : Denkmal eines neuen Geistes

Ohne Helmdach: So kennen nicht nur die Frankfurter die Paulskirche Bild: BABANI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

An die Entstehung der neugestalteten Paulskirche aus dem Geist der Nachkriegszeit zu erinnern bleibt eine immerwährende Aufgabe. Auch und erst recht heute.

          Nach dem Bombenkrieg waren von der Frankfurter Paulskirche nur noch die Grundmauern übrig. Auch mit Blick auf die Bewerbung als Hauptstadt sollte die „Wiege der Demokratie“ schnell wiederhergestellt werden. Die Stadt beauftragte darum einen der bekanntesten Kirchenarchitekten seiner Zeit damit, das Gebäude in neuer Gestalt aufzubauen. Eine Arbeitsgemeinschaft um Rudolf Schwarz setzte dem klassizistischen Oval ein flaches Dach auf, über ein Oberlicht wird der Festsaal erhellt. Auch sonst wurde das Innere in schlichten Formen wieder aufgebaut. Als Denkmal der Nachkriegsmoderne steht die Paulskirche heute unter Schutz.

          Generationen von Frankfurtern kennen die Paulskirche gar nicht mehr anders. Das Erscheinungsbild des Bauwerks ist für sie ganz selbstverständlich geworden und hat seinen eigenen Wert als gelungene Verbindung von historischer und moderner Architektur. Und doch ist in den vergangenen Monaten die Idee propagiert worden, den Vorkriegszustand samt Empore und steilem Helmdach wiederherzustellen.

          Aufklärung statt Pathos

          Diese Forderung übergeht, dass die Paulskirche in ihrer inneren Gestalt für einen nüchternen, freien und demokratischen Geist steht, zu dem sich die maßgeblichen politischen Kräfte nach dem Untergang des „Dritten Reichs“ verpflichtet sahen. Sie steht nicht für Pathos, sondern für Aufklärung. Auf ihren Klappsitzen fühlt man sich denn auch wie in einem Hörsaal. Im günstigen Fall sind die Reden, die man auf diesen Bänken hört, anregende Vorlesungen.

          In seiner Begründung, warum die Bedeutung der Paulskirche durch eine zeitgemäße Ausstellung erläutert werden sollte, weist der Kulturpolitiker Thomas Dürbeck (CDU) darauf hin, dass die Gegner einer offenen, freien Gesellschaft wieder auf dem Vormarsch seien. „Die schauerlichen Ruinen der Paulskirche, die den Älteren unter uns noch vor Augen stehen, mahnen uns, aus der Geschichte die richtigen Lehren zu ziehen und unser Handeln auf eine friedliche Zukunft in einem geeinten Europa auszurichten.“

          Dürbeck hat recht. An die Entstehung der neugestalteten Paulskirche aus dem Geist der Nachkriegszeit zu erinnern bleibt eine immerwährende Aufgabe. Auch und erst recht heute, in einer Zeit, in der die deutsche Diktatur, die Millionen Menschen ins Unglück stürzte, von manchen zu einem Vogelschiss der Geschichte erklärt wird.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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