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Demo gegen Salafismus : „Nächste Woche werden wir Hunderte sein“

  • -Aktualisiert am

Nur wenige Meter Abstand: „Lies“-Aktivisten und ihre Gegner Bild: Getty

Auf der Zeil in Frankfurt haben am Samstag Islamgegner gegen die Koranverteilungen der Lies-Kampagne protestiert - und sind dabei selbst in Streit geraten.

          Es dauert nur ein paar Minuten, dann ist Paul Guluglou die wohl gefragteste Person auf der Zeil. Er steht an diesem Samstag Nachmittag auf der Einkaufsstraße, mitten im größten Trubel, und hält ein braunes Pappschild hoch, auf dem steht: „Frankfurter steht auf. Kein Koran auf der Straße“. Nicht irgendwo auf der Zeil, sondern wenige Meter neben den Aktivisten der „Lies“-Kampagne entfernt, die wie jeden Samstag ihre religiöse Schrift verteilen. „Was soll das denn?“, fragt ihn einer aus dem Umkreis der Kampagne. „Was haben Sie gegen den Islam?“ – „Er ist das Ende der Menschheit“, sagt Guluglou und hält das Schild noch ein wenig höher. Und auf die Nachfrage einer Passantin, die offensichtlich keine Muslimin ist, ob er den Islam meine oder die Islamisten, antwortet er, das sei einerlei. Wer Muslim sei, unterstütze auch den Terror.

          Es ist das erste Mal, dass sich in Frankfurt eine Gegendemonstration gegen die umstrittene und von Salafisten gesteuerte Koranverteil-Aktion gebildet hat. Zum zweiten Mal hat Guluglou seinen Protest angemeldet. Zur Verstärkung hat er seine Frau, seine beiden Söhne und seinen Schwager mitgebracht. Allerdings, so sehen es an diesem Nachmittag einige der Passanten, die dem Schauspiel folgen, ist die Art des Protests nicht so, wie ihn sich viele wünschten. „Dass gegen Salafismus demonstriert wird, ist richtig, gerade auch im Zusammenhang mit den Gräueltaten in Syrien und Irak“, sagt ein älterer Mann. „Aber alle Muslime als radikal abzutun, das geht ein bisschen weit. Islamismus hat nichts mit dem Islam zu tun.“

          Demonstranten hätten Muslime beschimpft

          Doch Guluglou beharrt auf seinen Ansichten. Als sich eine Gruppe junger Türken vor ihn stellt und ihn fragt, warum sie von seinen Leuten gerade als „Scheißmoslems“ beschimpft wurden, dreht er sich weg und sagt, mit „so welchen wie euch“ diskutiere er nicht. Währenddessen stehen nur drei Meter weiter Jugendliche und halten die Transparente ihrer „Lies“-Kampagne hoch. Einige von ihnen noch Schüler. Sie reden nicht viel. Das wird ihnen so eingebläut. „Lasst euch nicht provozieren“, raunt einer der Gruppe zu, der offenbar in der Hierarchie der Frankfurter Islamisten weiter oben steht. Irgendwann aber reden sie doch. Sie sagen, sie wüssten gar nicht, „was die hier wollen mit ihren Lügen“, sagt einer. „Wir verteilen hier bloß den Koran.“

          Ob er ein Islamist sei, fragt eine Passantin. Dann schweigt er. Ob er das, was der Islamische Staat mache, gutheiße, fragt ein Mann. Wieder Schweigen. Dann meint der „Lies“-Aktivist, er wolle „zu diesen Lügen nichts mehr sagen“. Eine Frau stellt sich neben ihn mit einem Schild, auf dem steht, dass 20 Prozent der IS-Kämpfer der „Lies“-Kampagne entstammen.

          Islamgegner verteufeln Muslime per se

          Dutzende Polizisten stehen um beide Gruppen herum – darauf bedacht, dass die Situation nicht eskaliert. Es sind Beamte der Beweis- und Festnahmeeinheit, jene gut gerüsteten Spezialkräfte, die zuvor schon die Pro-Assad-Demonstration von der Alten Oper bis zum Römerberg begleitet haben. Sie hätten normalerweise schon Dienstschluss, müssen aber nun auf der Zeil so lange ausharren, bis sich die Situation einigermaßen entspannt.

          Danach sieht es aber nicht aus. Ein Demonstrant aus Guluglous Reihen ruft: „Heute sind wir zehn. Nächste Woche werden wir Hunderte sein. Wollen wir tatsächlich warten, bis die erste Bombe hochgeht?“ Ein Passant ruft: „Verkackte Islamisten!“ Weitere Muslime, die offenbar zufällig in die Demonstration geraten sind, verteidigen sich. Ein junger Mann sagt, er sei auch Moslem. Sein Vater lebe die Religion sogar ziemlich streng aus. Er bete fünf Mal am Tag und lese regelmäßig im Koran. „Wenn er aber abends die Nachrichten anschaltet und sieht, was gerade im Irak und in Syrien passiert, sagt er: Die Araber, die sind wirklich schlimm.“

          Den kritischen Stimmen glaubt Guluglou aber nicht. Die Muslime seien doch „alle gleich“, sagt er. Man könne mit ihnen über ihre Religion nicht reden. Deshalb sei er, der in Syrien aufgewachsen, aber Christ sei, auch Atheist. Nur einer hält sich zurück. Und zwar Guluglous Schwager. Er steht am Rande und unterhält sich mit zwei jungen Frauen, die aus der Türkei kommen und sagen, sie hätten erst vor kurzem in Düsseldorf an einer von Muslimen veranstalteten Demonstration gegen den Terror des Islamischen Staats teilgenommen. Der Schwager sagt, dann sei sein Plakat, auf dem genau dazu aufgerufen wird, ja hinfällig.

          Er überlässt es den beiden Frauen, die es zerreißen und in den Mülleimer werfen, woraufhin Guluglou rasend vor Wut auf seinen Schwager losgeht. Er könne doch nicht einfach die Plakate zerreißen lassen. Doch der Schwager bleibt eisern, sagt, er glaube, der Protest sei „irgendwie nicht richtig“. Man könne nicht alle Muslime verunglimpfen. „Es sind nicht alle so wie die da“, und zeigt auf die Islamisten der „Lies“-Kampagne neben ihm, die jede Szene mitverfolgen. Der Schwager bekommt Applaus von einigen Muslimen, die als Passanten stehengeblieben sind – aber auch von den Salafisten. „Nee“, sagt er. „Euren Applaus will ich nicht.“

          So geht das weiter. Noch etwa zwei Stunden lang. Guluglou sagt, er werde weitermachen und „den Leuten die Augen öffnen“. Schon nächsten Samstag stehe er wieder auf der Zeil. Inzwischen haben die Salafisten ihren Koran-Stand längst abgebaut. So viel Aufmerksamkeit wie an diesem Samstag hatten sie lange nicht mehr.

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