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Das Mädchen aus dem Main : Die Tote ohne Namen

Kriminaloberkommissar David Seil bleibt an dem Fall dran Bild: Cornelia Sick

Vor zehn Jahren ist ein junges Mädchen tot am Mainufer gefunden worden - mit zahlreichen unbehandelten Knochenbrüchen, Narben und Brandwunden. Bis heute ist die Identität ungeklärt - aber die Polizei gibt die Ermittlungen nicht auf.

          Das Grab des Mädchens liegt auf einem kleinen Hügel, von dem aus der Blick bis zum Taunus reicht. Jemand hat einen Busch gepflanzt, eine Kerze aufgestellt und zwei kleine Engel daneben gesetzt, in dem gleichen hellen Ton wie die Grabplatte selbst. Und würde an diesem Nachmittag der Wind über diesen Hügel wehen, so drehte sich ein kleines Windrad, das aus dem moosbewachsenen Boden ragt. Seit zehn Jahren gibt es dieses Grab, am Rande des Friedhofs Heiligenstock. Und noch immer weiß niemand, wer das Mädchen ist, das darin begraben liegt. Auf der Grabplatte steht: „Unbekanntes Mädchen, gefunden am 31. Juli 2001 in Frankfurt am Main.“ Und so wird sie auch heute noch, zehn Jahre später, in den Akten der Polizei geführt: Das Mädchen aus dem Main.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Akten lagern im Polizeipräsidium Frankfurt, bei der Mordkommission 3. Im Zimmer von Kriminaloberkommissar David Seil. Es sind dicke Ordner, gefüllt mit Fotos, Tatortberichten und kriminalwissenschaftlichen Gutachten, die belegen, dass das Mädchen ursprünglich aus Pakistan oder Afghanistan stammt, aber die Jahre vor seinem Tod im Rhein-Main-Gebiet gelebt haben muss. Seil kennt inzwischen jedes Detail dieses grausamen Verbrechens. Und er sagt, dass dieser Fall nicht nur ihn, sondern auch seine Kollegen nach wie vor sprachlos mache. Denn das Mädchen muss ein unvorstellbares Martyrium durchlebt haben. Folter seit der frühesten Kindheit. „Es gibt eigentlich keine Worte dafür“, sagt Seil. „Nicht zuletzt deshalb geben wir die Ermittlungen nicht auf.“

          Knie angewinkelt und an den dürren Leib gepresst

          Es ist der 31. Juli 2001, als Spaziergänger gegen 14.50 Uhr am Mainufer in Nied die Leiche finden. Das Mädchen ist wie ein Bündel zusammengeschnürt in ein Tuch gehüllt und anschließend an einen Schirmständer gebunden worden. Die Knie angewinkelt und an den dürren Leib gepresst. So trieb sie mindestens zwölf Stunden im Wasser, das an jenem Dienstagnachmittag wegen der anhaltenden Hitze ungewöhnlich niedrig war. Wahrscheinlich war die Leiche zwischen der Griesheimer Staustufe und der Wörthspitze ins Wasser geworfen worden - und sollte ursprünglich sinken. Doch der Schirmständer war nicht schwer genug.

          An diesen Schirmständer war die umhüllte Leiche des Mädchens aus dem Main vor zehn Jahren gebunden...

          Die Polizei suchte den ganzen Dienstag und auch die Tage drauf das Mainufer mit Hunden ab, doch fand keine weiteren Spuren. Das Mädchen muss hübsch gewesen sein. Sie hatte dunkle längere Haare und war etwa 1,57 Meter groß. Eine Jugendliche von höchstens 16 Jahren, die, hätte sie unter anderen Umständen gelebt, vielleicht ein fröhliches Mädchen gewesen wäre. Doch die Fakten ergeben ein anderes Bild.

          Zeugnis einer jahrelangen Misshandlung

          Um 17 Uhr, wenige Stunden nachdem der Leichnam gefunden worden war, traf sich der Leiter der Frankfurter Rechtsmedizin Hansjürgen Bratzke mit Vertretern der Staatsanwaltschaft und der Polizei zur Obduktion im rechtsmedizinischen Institut an der Kennedyallee. Die Untersuchung der Leiche dauerte bis 1.30 Uhr nachts. Der Obduktionsbericht ist das Zeugnis einer jahrelangen Misshandlung. Der nur 38,5 Kilogramm schwere Leichnam wies zahlreiche unbehandelte Knochenbrüche, Narben und Brandwunden wie von einer Zigarettenkippe auf. Verletzungen, die dem Mädchen von frühester Kindheit an zugefügt worden sind, wie Bratzke feststellte. Das linke Ohr war deformiert, ein sogenanntes Blumenkohlohr. Bei den meisten Menschen ist es genetisch bedingt, bei der unbekannten Toten Zeichen einer grausamen Tortur. Gestorben ist das Mädchen schließlich an massiven Schlägen oder Tritten gegen Bauch und Brust.

          Weil die Identität des Mädchens unbekannt war, gestalteten sich die Ermittlungen schwierig. Die vielversprechendste Spur war damals das lilaweiß gestreifte Stück Stoff, mit dem das Bündel an den Schirmständer geknotet worden war. Es handelt sich um eine sogenannte Nala, eine Art Gürtel, der im pakistanischen und afghanischen Raum getragen wird. Die Beamten erstellten Fahndungsplakate, die sie in Afghanistan, Pakistan und Nordindien in Kirchen und Jugendzentren verteilten - auf Deutsch und Arabisch, dann auch in Farsi, Urdu, Dari und Paschtu. Auch erstellten die Beamten eine Liste mit jungen Frauen aus diesen Ländern, die irgendwann einmal in Deutschland gelebt haben. Es waren mehr als tausend. Die Ermittler suchten sie alle auf. Irgendwann sagte eine dieser Frauen: „Was macht ihr für einen Aufstand? Es ist doch nur ein Mädchen.“

          Mädchen in einem Diplomatenhaushalt?

          Doch Seil und seine Kollegen ermitteln weiter. Ein Verdacht, der bis heute anhält, ist, dass das Mädchen in einem Diplomatenhaushalt als Dienstbotin gelebt hat und dort misshandelt worden ist. Darauf deuten nach Aussage der Polizei mehrere Umstände hin. Vor allem der, dass das Mädchen offenbar „unter dem Radar“ nach Deutschland gekommen sein muss. Es gebe keine Hinweise auf eine offizielle Einreise, sagt Seil. Die Beamten hätten damals auch in Diplomatenkreisen ermittelt, seien aber nicht weitergekommen, da sich Ermittlungen wegen der bestehenden Immunität generell schwierig gestalteten.

          Eine Hoffnung, die den Ermittlern bleibt, ist die Familie des Mädchens. Seil sagt, vielleicht habe es ja Geschwister. Und vielleicht wollten die irgendwann wissen, was mit ihrer Schwester geschehen sei. „Dann hätten wir endlich einen neuen Ansatzpunkt.“

          Das Grab des Mädchens wird bleiben. Und der eine oder andere Polizist wird sich am Sonntag, dem zehnten Todestag des Mädchens, wohl dort einfinden. Die Beamten der Mordkommission waren es damals auch, die das Mädchen auf eigene Kosten haben begraben lassen. Damit es wenigstens im Tod die Würde erfährt, die es zu Lebzeiten offenbar nie erfahren hat.

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