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Frankfurter Westhafen : Eine neue Heimat für die neue Mitte

In der unspektakulären Bebauung der Mole ragen die beiden Solitäre von Otto Steidle (li.) heraus Bild:

Das Frankfurter Westhafen-Viertel steht kurz vor der Vollendung. Im Vergleich mit anderen Neubaugebieten der Stadt ragt es heraus - auch wenn die Qualität der Architektur durchwachsen ist.

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          Es gab Zeiten, da wurde in der Frankfurter SPD strategisch gedacht und gehandelt. Martin Wentz gab Mitte der achtziger Jahre als Parteivorsitzender die Parole aus, dass sich die Partei aus ihrer Fixierung auf ihr Traditionsmilieu befreien und sich den neuen Mittelschichten öffnen solle. Die Begeisterung in der SPD hielt sich in Grenzen. So verlegte sich Wentz darauf, seine Ziele im Amt des Planungsdezernenten, das er von 1989 bis 2000 innehatte, anzugehen. Ein zentraler Punkt des Vorhabens war die Idee, auf Industriebrachen an den Mainufern Neubaugebiete zu errichten.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Wentz’ damaliger persönlicher Referent Michael Kummer, heute Leiter der Bauaufsicht, erinnert sich: „Wentz verfolgte die Idee, Raum für die neue Mittelschicht zu schaffen, auch wenn er das so öffentlich nicht gesagt hat.“ Die Schauseiten der Stadt am Fluss sollten nach Osten und Westen ausgeweitet werden, um der „Neuen Mitte“, also den gut verdienenden Angestellten mit urban-hedonistischem Lebensstil, eine Heimat in der Stadt bieten zu können.

          Einst das ambitionierteste Teilprojekt

          Der Umbau des Westhafens war zusammen mit dem Deutschherrnviertel auf dem ehemaligen Schlachthofgelände in Sachsenhausen das ambitionierteste Teilprojekt. Nach langen Planungsjahren mit den Rückschlägen, die jedes Unternehmen dieser Größenordnung kennt, wurde in dem Jahr, in dem Wentz sein geliebtes Amt verlor, endlich mit dem Abriss der alten Gewerbebetriebe begonnen. Von 1200 Wohnungen war im Jahr 2000 schon nicht mehr die Rede. Aus finanziellen Erwägungen, aber auch mit Blick auf die Emissionen des benachbarten Kraftwerks und einer Produktionsstätte des Degussa-Konzerns war der Anteil der Büroflächen auf 60 Prozent erhöht worden.

          Der Westhafen-Pier mit seiner schuppenformigen Fassade, vorn im Sockel die Hemingway Lounge

          Überhaupt war von den ursprünglichen Planungen des Londoner Architekten John Seifert nichts mehr übriggeblieben. Das junge Frankfurter Architektenbüro Schneider + Schumacher wurde aus eigenem Antrieb bei Wentz vorstellig und legte 1997 eine neue Rahmenplanung vor. Sie erwies sich als höchst realitätstauglich. Die wichtigste Korrektur am Seifert-Plan war das Ensemble von drei Bürogebäuden an der Friedensbrücke, das Durchblicke auf das Hafenbecken und den Fluss zuließ.

          Zudem wurde die Bebauungsdichte deutlich reduziert, auf immer noch stolze 220.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, verteilt auf zwölf Hektar Fläche. Die Entwicklung des Areals wurde als öffentlich-private Partnerschaft organisiert, eine damals neue Rechtsform der Stadtentwicklung. Das Hafenareal wurde in eine Grundstücksgesellschaft eingebracht, Entwicklung und Vermarktung übernahm eine Projektgesellschaft, an der die Stadt und private Investoren jeweils zur Hälfte beteiligt waren.

          Sorgfalt im öffentlichen Raum

          Jetzt, da der Westhafen fast fertig bebaut ist, lässt sich ein erstes Resümee ziehen. Im Vergleich zu anderen Neubaugebieten der Stadt ragt dieses heraus. Schon die Sorgfalt, mit der der öffentliche Raum gestaltet wurde, ist singulär. Man achte auf Kleinigkeiten, die gleichwohl die Wahrnehmung stark beeinflussen: die Qualität der Pflasterung, das Fehlen von Schaltkästen, die sonst in der Stadt omnipräsent sind.

          Die Güte der Architektur ist allerdings gemischt. Auch wenn Wentz darauf hinweist, dass sich viele auffällige Gebäude schlecht miteinander vertrügen – etwas mehr Raffinement hätte nicht geschadet. Gerade die Solitäre auf der Mole wirken monoton, nur die beiden am nächsten zum „Festland“ gelegenen Punkthäuser, die der Münchener Architekt Otto Steidle entworfen hat, fallen mit ihren ausgestellten Balkonen aus dem Rahmen. In der Hafencity in Hamburg oder in Amsterdam lässt sich besichtigen, wie eine solche Bauaufgabe ansprechender gelöst werden kann.

          Das originellste Bauwerk

          Erfreulich ist das Entree zum Quartier an der Friedensbrücke. Schneider + Schumacher haben in den Fassaden des Ensembles von Westhafen-Haus, Brückenhaus und Westhafen-Tower das Thema des Dreiecks sehr raffiniert variiert. Etwas unbefriedigend ist allerdings die Verteilung der Häuser geraten, ein Platz ist in ihrer Mitte nicht entstanden, eher ein Durchgangsort. Über den Turm mit seinen Rauten aus grünem Glas, als „Geripptes“ populär geworden, gehen die Meinungen auseinander.

          Die Zylinderform kritisiert der eine als zu schlicht, der andere preist sie als abstrakt. Nachts, wenn das oberste Geschoss von innen beleuchtet ist, ruht der Streit, dann trägt der Turm eine schöne Krone aus Licht. Von Schneider + Schumacher stammt auch das Gebäude „Westhafen-Pier“, das das Areal nach Westen hin abschließt. Es ist das originellste Bauwerk, das in den vergangenen 15 Jahren in Frankfurt errichtet wurde: Fünf gespreizte Gebäudefinger mit geschuppter Blechfassade ruhen auf einem zweigeschossigen Parkhaus.

          Eine schöne Pointe

          Solide sind die Wohnbauten an der Nordseite des Hafenbeckens geraten. Das gilt zumindest für die Schauseite am Wasser, die Fronten an der Speicherstraße präsentieren sich abweisend. Das liegt auch an der beachtlichen Höhe der immerhin neungeschossigen Häuser. Diese hohe Ausnutzung wiederum ist auf die nicht eben günstigen Grundstückspreise zurückzuführen, die sich auch in den hohen Mieten niederschlagen. Monatlich sind je Quadratmeter kaum weniger als 13 Euro kalt zu zahlen. Deswegen habe er zwischenzeitlich durchaus Bauchschmerzen gehabt, bekennt Stefan Majer, planungspolitischer Sprecher der Grünen und Westhafen-Aufsichtsratsmitglied seit der ersten Stunde. Doch andernfalls wäre der Stadt nur die Möglichkeit geblieben, den Wohnungsbau zu subventionieren.

          Es ist nicht nur für Majer eine schöne Pointe, dass ausgerechnet jener Bau, der für Mieter mit niedrigeren Einkommen reserviert ist, besonders gut gelang. Stefan Forster hat einen Klinkerbau im Stil von Eric Mendelsohn entworfen. In seinem Erdgeschoss befindet sich auch der Supermarkt, der die Nahversorgung des neuen Quartiers sicherstellt.

          Auch sonst hat sich die Infrastruktur schon gut entwickelt. Im Brückenhaus und im Westhafen-Pier haben sich Restaurants angesiedelt, seit einigen Wochen gibt es die Bar „Marys“ auf einem Ponton im Hafenbecken. Eine Kindertagesstätte soll folgen, zum Bau einer Grundschule wird es dagegen nicht kommen, weil das Land seine Anforderungen an die Mindestgröße angehoben hat.

          Besonderes Engagement

          Ein Großprojekt wie der Westhafen wäre nicht denkbar, gäbe es nicht Menschen, die sich besonders dafür engagierten. Majer war gewissermaßen im diplomatischen Dienst tätig, als Mittler zu den Anwohnern im Gutleutviertel. Projektentwickler Michael Baum übernahm beispielsweise die schwierigen Verhandlungen mit den im Westhafen ansässigen Teppichhändlern, die zum Umzug bewogen werden mussten, ohne dass die Ausgleichszahlungen in astronomische Höhen schießen durften. Baums architektonisches Gespür hat einige der besten Projekte ermöglicht.

          Vor allem aber ist Heinz-Günter Lang zu nennen, der Geschäftsführer der Projektgesellschaft. Er sorgte in Krisenzeiten für Kontinuität in finanzieller und fachlicher Hinsicht. Wahrscheinlich noch in diesem Jahr wird er, nach dem Verkauf des letzten Grundstücks, die Projektentwicklungsgesellschaft liquidieren können. Nach nur acht Jahren Bauzeit – das ist rekordverdächtig.

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