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Zeitverlust bei Noteinsätzen : Ein Atemzug mehr oder weniger

Keine Zeit für Umleitungen: Ein Fahrzeug des Arbeiter-Samariter-Bundes in Frankfurt. (Symbolbild) Bild: dpa

Weil in Frankfurt die Telefonvorwahlen nicht einheitlich sind, könne es Verzögerungen bei Noteinsätzen geben, klagt Grünen-Politiker Helmut Seuffert. Das Vorwahl-Dilemma hat laut Deutscher Telekom wirtschaftliche Gründe.

          Im Notfall zählt jede Sekunde. Wenn Menschen Opfer eines Überfalls werden, wenn bei ihnen eingebrochen wird, sie verletzt sind und einen Notarzt brauchen oder im Eigenheim die Flammen lodern. Unter den bundesweit einheitlichen Notrufnummern 110 für Polizei und 112 für Rettungsdienste und Feuerwehr sollte rasch professionelle Hilfe anzufordern sein. Doch in Frankfurts nördlichen Stadtteilen gibt es Zweifel, ob die Alarmierung tatsächlich so schnell wie möglich erfolgt.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Der Grund dafür ist technischer Natur“, sagt Helmut Seuffert. Der Politiker der Grünen wohnt in Frankfurt-Harheim. Der Stadtteil ist im Telefonnetz nicht unter der Frankfurter Vorwahl 069, sondern unter der 06101 erreichbar. Das ist die Vorwahl der benachbarten Stadt Bad Vilbel, in deren Telefonnetz Harheim eingebunden ist. Auch Nieder-Erlenbach führt die Vilbeler Vorwahl, und der nordöstliche Stadtteil Bergen-Enkheim hat trotz seiner Eingemeindung 1977 nach Frankfurt bis heute die Vorwahl 06109 behalten.

          Seuffert meint, dass durch die fehlende Einbindung ins Frankfurter Netz die Notrufkette verlängert werde. Denn Hilfesuchende, die von Harheim aus den Notruf 112 wählten, gelangten an die für Bad Vilbel verantwortliche Einsatzleitstelle in Friedberg. Von dort müssten die Anrufer weiter an die eigentlich zuständige Leitstelle in Frankfurt vermittelt werden.

          Verweis auf die Wirtschaftlichkeit

          In einer digitalisierten Welt sei die Situation unverständlich, meint Seuffert. Schon seit Jahren hat er die lahmende Kommunikationstechnik am nördlichen Stadtrand im Blick. Seuffert ist Fotograf und hat sich auch aus beruflichen Gründen, weil er für das Senden von Bilddaten ein schnelles Internet benötigt, mehrfach für eine bessere digitale Infrastruktur eingesetzt. Die Netzbetreiber reagieren und rüsten auch die Quartiere am Stadtrand mit leistungsfähigen Datenleitungen aus. Doch das Dilemma mit den Vorwahlen ist damit nicht behoben.

          Dass Harheim und Nieder-Erlenbach an das Ortsnetz von Bad Vilbel angedockt seien, habe wirtschaftliche Gründe, führt der für Hessen zuständige Sprecher der Deutschen Telekom, George-Stephen McKinney an. Die in der Nachbarstadt vorhandene Vermittlungsstelle liege näher an den beiden Stadtteilen als die nächste Anschlussstelle im Frankfurter Stadtgebiet. Die zur Verlegung von Netzkabeln erforderlichen Tiefbauarbeiten seien kostspielig, darum werde stets der kürzeste Weg zum Hauptkabel gewählt. Dies habe zum Zwangsverbund mit dem Vilbeler Telefonnetz geführt, sagt McKinney. Ohne weiteres lasse sich die Verbindung nicht neu knüpfen.

          Hoher technischer Aufwand

          Dass Teile einer Kommune verschiedene Vorwahlen hätten, sei nicht ungewöhnlich. Eine einheitliche Vorwahl zu vergeben scheitere in solchen Fällen meist an der alten Verbindungstechnik. Zudem riefe eine Neuordnung den Unmut vieler Kunden hervor, die ihre angestammte Telefonnummer abgeben müssten, meint der Telekom-Sprecher. Die Bürger in Harheim, Nieder-Erlenbach und Bergen-Enkheim müssten komplett neue Telefonnummern erhalten, um ins Frankfurter Netz integriert werden zu können. Der technische Aufwand wäre enorm. Auch seien die administrativen Folgen neuer Nummern zu berücksichtigen; wenn etwa Adressblöcke von Geschäftspapieren und Einträge in Telefonverzeichnisse geändert werden müssten.

          Kritisiert das Leitungswirwarr in Frankfurt: Grünen-Politiker Helmut Seuffert.

          Bei der Frankfurter Berufsfeuerwehr räumt man indes ein, dass der Vorwahlwirrwarr am Stadtrand nicht optimal sei. In den Leitstellen werden Rettungsdienste, Feuerwehr und Katastrophenschutz gemeinsam disponiert. Wenn ein Notruf eingehe, dann setze ein standardisiertes Verfahren ein, sagt der Sprecher der Feuerwehr, Andreas Mohn. Zunächst würden Angaben zur Person, zum Grund des Notrufs und zum Aufenthaltsort erfasst. Dieses Verfahren gelte natürlich auch für die Leitstelle Friedberg. Wenn sich dort herausstelle, dass ein Hilferuf aus Harheim oder Nieder-Erlenbach eingehe, werde der Anrufer von Friedberg an die Leitstelle Frankfurt umgeleitet, so Mohn. Ein Zeitverlust sei unvermeidbar.

          Weitere acht Kommunen betroffen

          In Friedberg wird das Vorgehen bestätigt. In der Leitstelle heißt es aber, dass allenfalls Sekunden, keinesfalls Minuten vergingen, bis ein kreisfremder Notruf an die richtige Leitstelle weitergegeben und die Rettungskette in Gang gesetzt sei. Moritz Kühn, der Sprecher der Kreisverwaltung Friedberg, die für die örtliche Leitstelle zuständig ist, weist darauf hin, dass das Verfahren kein Einzelfall sei. Vielmehr seien weitere acht Kommunen betroffen, die im Hochtaunuskreis, Vogelsbergkreis, Landkreis Gießen und Main-Kinzig-Kreis gelegen, aber an die Leitstelle Friedberg im Wetteraukreis angeschlossen seien. Das Weiterleiten von Notrufen sei quasi alltäglich.

          Das Verfahren möge gängige Praxis sein, sei aber nicht optimal, heißt es bei der Frankfurter Berufsfeuerwehr. Womöglich müssten nach der Weiterleitung der Notrufe Informationen zum zweiten Mal abgefragt werden, um entscheiden zu können, welche Rettungskräfte und Fahrzeuge in Bewegung gesetzt würden, sagt Mohn. Natürlich gebe es Ausnahmen von der Regel: Wenn deutlich werde, dass einem Anrufer mit Erste-Hilfe-Anweisungen über Telefon geholfen werden könne, dann geschehe das natürlich ohne vorherige Weitervermittlung an eine andere Leitstelle.

          Internettelefonie als Lösung?

          Sonderfälle seien auch Notrufe, die über das Mobiltelefon abgesetzt würden. Der Anruf werde dann an die Leitstelle gelenkt, in deren Gebiet die Funkzelle liege, in der das Handy zu diesem Zeitpunkt registriert sei. So könne es vorkommen, dass etwa der Hinweis auf einen Notfall am Rand von Neu-Isenburg in der nicht zuständigen Leitstelle Frankfurt lande, weil das Handy im Grenzraum der beiden Nachbarstädte in eine Frankfurter Funkzelle eingebucht sei.

          Geordnet werden könnte der Leitungswirrwarr womöglich durch Internettelefonie. Bei den Netzbetreibern heißt es, dass mittels der „Voice over IP-Technik“ die Barrieren einer veralteten Vermittlungstechnik überwunden werden könnten. Beim Telefonieren über Rechnernetze, das die herkömmliche Telefontechnik ersetzen könnte, würden Notrufe unmittelbar an die zuständige Einsatzstelle geleitet. Jedoch könnten Anschlussgebiete erst geändert werden, wenn durchgängig eine Infrastruktur mit Internetprotokoll (IP) geschaffen sei. Kommunen sehen hier ein Versäumnis der Netzbetreiber.

          Aber auch die Einsatzleitstellen müssen für die IP-Telefonie gerüstet sein. Dies ist wiederum Aufgabe des Landes. Im dafür zuständigen hessischen Innenministerium heißt es, dass derzeit alle hessischen Leitstellen auf die neue IP-Notruf-Technik vorbereitet würden. Das landesweite Programm habe auch den Vorteil, dass die Anschlüsse leistungsfähiger würden und viele gleichzeitig eingehende 112-Anrufe verarbeiten könnten. Nach der vollständigen Umstellung von Festnetzanschlüssen auf IP-Vermittlungsstellen könnten dann die Verwaltungsgrenzen eingehalten, also Notrufe gezielt an die richtigen Leitstellen gelenkt werden.

          In Harheim und Nieder-Erlenbach hofft man auf eine derart beschleunigte Notruf-Meldekette. Schließlich kann jede Sekunde früher geleistete Hilfe über Leben oder Tod entscheiden. Im Ministerium heißt es allerdings beruhigend, dass schon heute kein Notruf verlorengehe.

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