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Dalai Lama in Frankfurt : Ethisch handeln um des Menschen willen

  • -Aktualisiert am

Mitgefühl, Vergebung und Toleranz: Der Dalai Lama spricht in der Frankfurter Paulskirche über Säkularismus und Religion. Rechts neben ihm sitzt sein Übersetzer. Bild: Gilli, Franziska

Der Dalai Lama, das geistige Oberhaupt der Tibeter, hat in der Frankfurter Paulskirche mit einem Philosophen und einem Bischof diskutiert. Um die große Politik ging es nicht, zumindest nicht vordergründig.

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          Nach zwei Stunden ist die mit vielen Gedanken gesättigte Veranstaltung in der Paulskirche zu Ende. Einige wenige, die sich dem Dalai Lama besonders verbunden fühlen, wollen sich noch von ihm verabschieden. Unter ihnen ist einer, der weiß, wie es ist, in der Paulskirche zu sprechen: Liao Yiwu. Der aus China geflohene Schriftsteller hat dort 2012 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen. Es wirkt merkwürdig, dass niemand diesen prominenten Zuhörer begrüßt.

          Vor der Veranstaltung nach seinem Bezug zum Dalai Lama gefragt, erzählt Liao Yiwu eine kurze Geschichte: Kurz nach dessen Flucht waren sich die beiden Männer in Wiesbaden begegnet. Der Dalai Lama habe ihm gesagt, die Geschichte der Kommunistischen Partei sei scheinbar sehr lang, aber angesichts der Menschheitsgeschichte sehr, sehr kurz. „Er hat mir Mut gemacht“, sagt Liao Yiwu.

          Politik schwingt mit in philosophischer Diskussion

          Politik, Gewalt, Flucht - all das stand nicht auf der Tagesordnung der Diskussion des Dalai Lama mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann und dem Frankfurter Philosophen Rainer Forst. Oder doch? Wer ernst nimmt, was die drei Männer sagen, wird große Konflikte zumindest nicht ausblenden können. Sie schwingen mit, wenn der Dalai Lama zu Respekt gegenüber anderen Religionen und nicht-religiösen Menschen mahnt. Oder wenn Forst betont, wie wichtig die Vernunft ist, weil sie durch religiöse oder ethnische Differenzen gesetzte Grenzen des Mitgefühls hinterfragt. Oder wenn Ackermann die Unantastbarkeit der Würde des Menschen aus dessen Gottebenbildlichkeit herleitet.

          Im Dialog: Der Dalai Lama spricht mit dem Philosophen Rainer Forst (links), daneben Moderator Gert Scobel und rechts sitzen zwei Übersetzer. Nicht auf dem Foto ist Bischof Stephan Ackermann.
          Im Dialog: Der Dalai Lama spricht mit dem Philosophen Rainer Forst (links), daneben Moderator Gert Scobel und rechts sitzen zwei Übersetzer. Nicht auf dem Foto ist Bischof Stephan Ackermann. : Bild: Gilli, Franziska

          Es sind Einsichten, die nicht immer so einfach in die Tat umzusetzen sind, wie sie klingen. Auf die Praxis kommt es aber an, nicht auf theoretische Debatten über religiöse Differenzen, wie der Dalai Lama betont. Als Beispiel dient ihm Mutter Teresa. Auch Ackermann betont die Kraft von Religionen zu einem „konkreten Weg der Gemeinsamkeit im Sinne eines Ethos, der Menschen über Grenzen hinweg verbindet“. Forst sieht als Grundlage von Moral schlicht die Tatsache, dass es in ihr um den Menschen als Menschen gehe - ohne jedes weitere Attribut wie den Glauben oder Ähnliches. „Das muss reichen.“ Allen dreien geht es um die Frage, wie angesichts religiöser Vielfalt und nichtgläubiger Menschen eine tragfähige Ethik aussehen kann. „Alle Menschen zu erreichen, können die Religionen nicht schaffen“, sagt der Dalai Lama. Es bleibe nur der Weg über eine „säkulare Ethik“. Er sieht in Mitgefühl, Vergebung und Toleranz die „Essenz des Säkularismus“, diese Basiswerte fänden sich auch in den Hauptbotschaften der religiösen Traditionen wieder. Forst legt dabei Wert auf einen wichtigen Unterschied: Eine säkulare Ethik, die aus eigener Kraft stark genug sein müsse, bestehe zwar nicht aus religiösen, aber auch nicht aus antireligiösen Normen.

          Ackermann sieht in der Religion eine „starke Ressource“ für die Motivation, moralisch zu handeln, und ist sich sicher, dass die jüdisch-christliche Vorstellung der Gottebenbildlichkeit des Menschen im Diskurs mit anderen ethischen und religiösen Vorstellungen „anschlussfähig“ sei. Für das, was gut und was schlecht sei, dient dem Dalai Lama schon diese einfache Richtschnur ohne jede religiöse Komponente: Gut sei, was dem Wohlergehen diene, schlecht, was ihm nicht diene. Quelle des Glücks sei das Mitgefühl, fügt er hinzu und rät zu einer „Hygiene der Emotionen“: positive Gefühle zu verstärken und negative zu verringern.

          Menschsein? Würde? Respekt? Vielleicht nehmen ja auch die anwesenden Politiker - Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler (CDU) und die Stadträte Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen) und Uwe Becker (CDU) - neue Impulse für ihre Arbeit mit. Liao Yiwu kommt nicht umhin, an seine Heimat zu denken und an Freunde, an Intellektuelle wie den inhaftierten Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. „Sie können nicht kommen, wissen aber, dass ich hier bin“, sagt Liao Yiwu. „Sie lieben den Dalai Lama.“

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