https://www.faz.net/-gzg-8v2bs

Cosplay-Wettbewerb : Garuda überflügelt alle

  • -Aktualisiert am

Phantasiewesen: Kris Tedeschi (mitte) wird als Garuda den Hauptpreis gewinnen. Bild: Wonge Bergmann

Fast ein Jahr lang hat Kris Tedeschi an ihrem Kostüm gearbeitet, fauchend stolziert sie über die Bühne. Doch dann passiert beim Cosplay-Wettbewerb ein Unglück.

          Ein feiner Schweißfilm überzieht die weiß bemalte Stirn. Unter der Last des kiloschweren Kopfschmucks kippt Kris Tedeschis Kopf immer wieder nach vorne. Nur mit Mühe kann die Italienerin ihren Kopf gerade halten. Und auch das Gehen in den hohen Stiefeln fällt der Mailänderin schwer. Bis zum Oberschenkel reichen die metallischen Schäfte der Schuhe. Sie erinnern an die Beinschienen einer Ritterrüstung. Ihr Oberkörper ist von einem enganliegenden, federbesetzten Bodysuit verhüllt. Mit einer Spannweite von rund dreieinhalb Metern sprießen vier gewaltige Flügel aus Tedeschis Rücken hervor. Auch sie bestehen aus weißen Federn und metallenen Rüstungselementen.

          „Garuda“ nennt sich das mystische Wesen aus dem Online-Rollenspiel Final Fantasy, das Tedeschi am Samstag beim gleichnamigen Fan Festival auf dem Messegelände verkörpert. Seit 2011 ist die Mailänderin Cosplayer. Hinter dem Begriff verbirgt sich ein japanischer Verkleidungstrend, der mit dem Anime- und Mangaboom in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch nach Europa kam. Beim Cosplay versuchen die Teilnehmer, ihren Lieblingscharakter aus einem Roman, Comic, Manga oder Computerspiel möglichst originalgetreu durch Kostüm und Verhalten zu imitieren.

          Handwerkliche Arbeit steht für die meisten im Vordergrund

          Die aufwendigen Verkleidungen und dazugehörenden Waffen stellen die Cosplayer meist selbst her. Mit Materialien wie Plastazote, Worbla, Karton und Stoff werden die Kostüme über Wochen und Monate hinweg in mühevoller Kleinarbeit genäht, geklebt und bemalt. Jedes Detail ist wichtig. Für die meisten Cosplayer steht das handwerkliche Arbeiten im Vordergrund. Wie originalgetreu die Kostüme angefertigt wurden, zeigt sich spätestens im direkten Vergleich bei Cosplay-Wettbewerben.

          Auch Tedeschi will sich in Frankfurt mit anderen Fans messen. Für die Mutter von vier Kindern ist es nicht das erste Mal, dass sie an einem Cosplay-Wettbewerb teilnimmt. Fast jedes Wochenende stelle sie sich einer anderen europäischen Jury. In Italien, der Schweiz und Deutschland hat die Italienerin schon neun Auszeichnungen gewonnen. Ihren zehnten Preis will sich Tedeschi in Frankfurt holen.

          15.30 Uhr. Nervosität macht sich unter den 50 Teilnehmern des Wettbewerbs breit. In wenigen Minuten endet der Vorentscheid. Dann verkündet die Jury, welche 30 Finalisten am Hauptwettbewerb teilnehmen dürfen. Um sich für das Finale zu qualifizieren, präsentieren alle Teilnehmer ihre Kostüme und berichten vom jeweiligen Entstehungsprozess. Tedeschi kann aufatmen. Sie hat es geschafft, darf an der Endrunde teilnehmen. Etwa ein Jahr lang hat die Italienerin an ihrem Kostüm gebastelt. Nun wird sich zeigen, ob sich der Aufwand gelohnt hat.

          Vor der Bühne hat sich eine kleine Fantraube um eine Cosplayerin versammelt. Aufgeregt tuscheln ein paar Mädchen, bewundern das aufwendige Kostüm. Es gehört Svetlana Quindt, einer Berühmtheit in der deutschen Szene. In Frankfurt ist sie in die Rolle des Mönchs aus der Final-Fantasy-Serie geschlüpft. Am Wettbewerb wird sie nicht teilnehmen, als Expertin sitzt sie stattdessen in der Wettbewerbs-Jury für den Vorentscheid. Seit 2003 produziert die Nürnbergerin ihre eigenen Waffen und Rüstungen. Die Anleitungen für ihre Werke veröffentlichte Quindt regelmäßig auf ihrer Website. Vor drei Jahren beschloss die Cosplayerin schließlich, sich selbständig zu machen. Innerhalb einer Woche verfasste sie ihr erstes Bastelbuch mit Kostümanleitungen. Im vergangenen Dezember erschien ihr mittlerweile achtes Buch.

          Jahrmarktähnliche Attraktionen wie Dosenwerfen und Rodeo-Reiten

          „The next stage show will start in five minutes.“ Es kommt Bewegung in die Frankfurter Messehalle, als eine tiefe Lautsprecherstimme den baldigen Beginn des Finales ankündigt. Aus dem hinteren Teil der Halle lässt ein bunt gemischtes Publikum von den jahrmarktähnlichen Attraktionen wie Dosenwerfen und Rodeo-Reiten – auf einem Behemoth, einer stierähnlichen Kreatur aus dem Computerspiel Final Fantasy 14 – ab, um in Richtung Bühne zu strömen. Im mittleren Teil der Halle treten passionierte Computerspieler in Gruppen- und Einzelduellen gegeneinander in Final Fantasy 14 an. Sie lassen sich nicht so einfach von ihren Computer weglocken. Die Stühle vor der Bühne füllen sich nach und nach. Aus riesigen Lautsprechern dröhnt die Titelmelodie des Online-Spiels.

          16 Uhr. Plötzlich erstrahlt die Bühne in gleißendem Licht. Der Cosplay-Wettbewerb beginnt. Die vierköpfige Jury setzt sich aus den vier Produzenten des Online-Rollenspiels, Toshio Bucco Murouchi, Yosuke Matsuda, Naoki Yoshida und Yusuke Mogi, zusammen. Nacheinander werden die 30 Finalisten auf die Bühne gerufen. Sie präsentieren ihre Kostüme und legen eine kleine Showeinlage für die Besucher ein. Lautes Lachen erfüllt des Raum, als ein riesiger Vogel, genannt Fat Chocobo, über die Bühne wackelt. Schließlich wird Tedeschi auf die Bühne gerufen. In ihrer Rolle als Garuda stolziert sie bedrohlich über die Bühne. Vor der Jury faucht das mystische Wesen wütend in die Kamera.

          Das Publikum ist begeistert. Doch plötzlich tönt ein erschrockenes „Oh“ durch den Zuschauerraum. Ein Teil des Flügels ist beim Zurücklaufen abgebrochen. Das könnte Tedeschi den Sieg kosten. Doch die Italienerin hat Glück: Den Hauptpreis gibt es für die beste Show. Und die hat nach Meinung der Jury Kris Tedeschi mit ihrem Garuda-Kostüm gezeigt.

          Weitere Themen

          EKG für unterwegs Video-Seite öffnen

          Infarkt oder nicht? : EKG für unterwegs

          Eine App fürs Handy und ein Kabel mit Elektroden - Cardiosecur hat ein mobiles EKG entwickelt. Gründer und Geschäftsführer Markus Riemenschneider erklärt im Video, wie das Ganze funktioniert.

          Topmeldungen

          Umstritten: An der geplanten Pkw-Maut gibt es viel Kritik.

          EuGH urteilt : Deutsche Pkw-Maut verstößt gegen EU-Recht

          Das Prestigeprojekt der CSU ist gescheitert: Der Europäische Gerichtshof gibt einer Klage von Österreich gegen die Maut in Deutschland statt. Die Richter halten die geplante Abgabe für diskriminierend.
          Matteo Salvini (Dritter von rechts) und Mike Pence (vierter von rechts) beim Gruppenfoto vor dem Weißen Haus am Montag

          Salvini in Washington : Imperiale Achse im Gepäck

          Italiens stellvertretender Ministerpräsident Matteo Salvini preist bei seinem ersten Besuch in Washington Rom als verlässlichsten Partner in Europa an. Und verteilt Seitenhiebe gegen Paris, Berlin und Brüssel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.