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Mängel am Flughafen Frankfurt : „Als gäbe es keine Coronavirus-Krise“

Reisende am Frankfurter Flughafen berichten von nicht eingehaltenen Sicherheitsmaßnahmen und fehlenden Kontrollen. Bild: dpa

Trotz deutlich weniger Flügen findet die Bekämpfung der Corona-Pandemie nicht am Frankfurter Flughafen statt: Reisende berichten von nicht eingehaltenen Sicherheitsmaßnahmen und fehlenden Kontrollen.

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          Obwohl die Corona-Pandemie die Fluggastzahlen am Frankfurter Flughafen zuletzt um 73 Prozent und die der Flugbewegungen um knapp 60 Prozent hat schrumpfen lassen, funktionieren dort die Sicherheitsvorkehrungen gegen das Coronavirus offenbar trotzdem nicht so, wie sie sollten. Passagiere verschiedener Flüge berichten von Hunderten von Reisenden aus aller Welt, die dichtgedrängt an zwei nebeneinanderliegenden Gepäckbändern auf Koffer warten und hinter dem Sicherheitsbereich von ebenfalls eng stehenden Verwandten und Freunden in Empfang genommen werden.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Vor allem werden den Schilderungen zufolge die obligatorischen Aussteigerkarten während des Fluges teils gar nicht an Passagiere ausgegeben, um sie vor der Landung ausgefüllt wieder einzusammeln und anschließend den Gesundheitsbehörden am Flughafen zu übergeben. Auf ihrem Flug mit Thai Airways habe es diese Karten auch nicht gegeben, berichtet Kathrin Kelly, Ärztin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, die sich derzeit im Haus der Eltern in Bad Homburg aufhält. Sie ist nach einem Australien-Aufenthalt über Bangkok mit einem regulär gebuchten Flug nach Frankfurt gereist. Alles in allem hätten sich rund 550 Passagiere an Bord befunden, viele davon aus Thailand zurückgeholte deutsche Urlauber. Darunter seien aber auch Reisende aus Australien auf dem Weg nach Europa gewesen, die – wie sie – schon einem Langstreckenflug hinter sich gehabt hätten und bereits dabei mit Hunderten Passagieren über lange Zeit dicht beisammen gewesen seien.

          Ohne Kontrolle und Selbstauskunft aus dem Flughafen

          Auf den Flügen hätten sich Passagiere und Crew noch mit Gesichtsmasken zu schützen versucht. Aber die vorgeschriebenen Aussteigerkarten seien nicht ausgegeben worden. Die Passagiere seien allesamt ohne Kontrolle und ohne Selbstauskunft aus dem Flughafen gelangt, berichtet die Medizinerin weiter. Sie ist der Ansicht, dass man beispielsweise für die Rückholflüge mehr Flugzeuge einsetzen müsste, um mehr Platz zu schaffen und die Ansteckungsgefahr zu senken. Vor allem aber müsste man ihrer Ansicht nach die verblieben Passagiere am Flughafen besser verteilen, anstatt große, dichte Menschenansammlungen zuzulassen.

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          Diese Forderung erhebt auch Antonio Ruzzu. Der Autor, frühere Manager und Berater pendelt regelmäßig zwischen Deutschland und seinem Zweitwohnsitz in Rom, wo ihn derzeit die Corona-Krise festhält. Auch er hat beobachtet, dass gerade am Flughafen nicht einmal die Sicherheitsvorkehrungen durchgesetzt würden, die inzwischen anderswo in Deutschland gelten. Er hält das Vorgehen von Behörden und Politik in Deutschland für zu langsam und wenig konsequent. Man hätte von Italien lernen und schneller handeln können, meint er. Diese beiden Beobachtungen stehen für eine ganze Reihe von Fluggastberichten, die dieser Tage die Redaktionen erreichen. „Warum wird am Flughafen toleriert, dass sich alle verhalten wie bisher?“, fragt Medizinerin Kelly. Man tue so, als ob es gar keine Coronavirus-Krise gebe.

          Der Flughafenbetreiber Fraport AG hat den Angaben eines Sprechers zufolge schon reagiert und Gepäckausgabe auf zwei direkt nebeneinanderliegenden Bändern unterbunden. Was aber die Aussteigerkarten betrifft, die derzeit die einzige Möglichkeit sind, potentielle Virenträger zu identifizieren und zu isolieren, weist der Flughafen auf die Verantwortung der Airlines hin. Diese hätten die Karten nach jedem Flug dem medizinischen Service zu übergeben, der sie dann dem Gesundheitsamt weiterreiche, sagt ein Sprecher. Was die Abstandregelungen angehe, gebe es am Flughafen in kurzer Folge Durchsagen und unzählige Plakate, inzwischen seien auch Abstandsmarkierungen am Boden angebracht. Eine Rückfrage bei Thai Airways zu den Aussteigerkarten blieb am Dienstag unbeantwortet.

          Der Druck auf den Flughafen wird sich aber in den nächsten Tagen schon deshalb reduzieren, weil die Zahl der Passagiere weiter rapide sinken wird. Auch deshalb, weil Hauptkunde Lufthansa bereits 95 Prozent ihres Angebots vom Markt genommen hat, Tendenz steigend.  Es werde praktisch nicht mehr gebucht, hatte Lufthansa-Vorstandschef, Carsten Spohr, schon vor Tagen gesagt.

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