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Frankfurter Corona-Nachtleben : Tote Hose im Rotlichtviertel

Die Strasse sind leer - wie hier in Frankfurt. Das Leben steht still Bild: Maximilian von Lachner

Nirgendwo ist Frankfurt lebendiger als im Bahnhofsviertel. Doch wo sonst jede Nacht gefeiert wird, müssen nun auch Restaurants und Clubs schließen. Ein Rundgang durch ein Quartier, das nicht mehr das alte ist.

          3 Min.

          Um 34 Minuten nach sechs Uhr abends geht im „Merkez Döner Haus“ an diesem Mittwoch schon das Licht aus. Nur noch schemenhaft erkennt man die akkurat zusammengestellten Tische, die Stühle darauf, die verlassene Theke. Gegenüber, im „Bayram“, wird zwar noch geputzt, doch auch hier sind die Türen längst zu. Die „Bar Plank“, in der sich sonst Abend für Abend die Hipster versammeln: geschlossen. Das Fischrestaurant mit der hervorragenden Weinkarte: dicht. Selbst das „Moseleck“, die versiffte Absturzkneipe, die eigentlich nur für ein paar Morgenstunden schließt, damit das Nötigste geputzt werden kann, ist zu. Und auch wenn die Friseure, die Tabakshops und die Gemüseläden noch geöffnet bleiben dürfen, so menschenleer wie an diesem Mittwochabend geht es auf der Münchener Straße sonst nie zu.

          Alexander Jürgs
          (ajue.), Rhein-Main-Zeitung

          Lebensader des Bahnhofsviertels, touristischer Hotspot, das Zentrum des Frankfurter Nachtlebens: So oder ähnlich wurde die Münchener Straße, von Reisejournalisten, Marketing-Experten und Schriftstellern, beschrieben. Selbst Orhan Pamuk, die große Stimme der zeitgenössischen, türkischen Literatur, hat ihr und dem Quartier rundherum in seinem Roman „Schnee“ ein Denkmal gesetzt. Seinen Protagonisten Orhan, der nach Frankfurt gereist ist, um etwas über die Ermordung eines alten Freundes zu erfahren, stößt alles, wirklich alles in dieser Stadt ab. Nur im Bahnhofsviertel mit seinen „Döner-Buden, Reisebüros, Eisdielen und Sexshops“ gelingt es ihm, „Spuren jener unsterblichen Energie zu finden, die große Städte auf den Beinen hält“. Doch jetzt herrscht hier der Stillstand. Auch Frankfurts lebendigste Straße ist ein Opfer der Coronakrise geworden.

          Wartestand statt Menschentraube

          Das „Yok Yok“ hat noch offen. Normalerweise findet sich vor dem Kiosk mit der enormen Auswahl an Bieren aus aller Welt eine große Menschentraube, jetzt sitzt Hayri Taycu allein hinter seiner Theke, schaut einen Film und wartet auf Kundschaft. „Tote Hose“, sagt er. In den Tagen zuvor war meist noch etwas los, aber nun, nach der Verschärfung der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus, laufen auch ihm die Kunden weg. Auf einem Stapel aus Bierkästen hat er Taschentücher, eine Küchenrolle und Desinfektionsgel deponiert. Die Handvoll Leute, die vorbeikommen, um ein paar Biere oder eine Weinschorle aus den Kühlschränken zu klauben, bedienen sich gerne daran. „Komische Zeiten sind das, man fühlt sich leer“, sagt Taycu. Und zeigt auf den Kasten mit Corona-Bier. „Davon haben wir in den letzten Tagen noch richtig viel verkauft“, erzählt der Kioskbetreiber und muss lachen. Seine Hoffnung: „Mit Galgenhumor stehen wir diese Krise durch.“

          Auf der anderen Straßenseite, im „Haarsalon Royal“, warten sie auf die Rede der Kanzlerin. Sie haben Angst, dass eine endgültige Ausgangssperre verkündet wird, dann müssten auch sie ihren Laden schließen und die wenigen Kunden, die überhaupt noch kommen, würden sie auch noch verlieren. „Normalerweise stehen die Leute hier Schlange“, erzählt der Mann am Eingang. Auch er hat – „Sicherheit ist Sicherheit“ – Desinfektionsmittel für seine Kunden besorgt.

          Vor dem Friseursalon steht Baykal Hamalci auf der Straße, zieht an der Zigarette, nippt am bauchigen Teeglas. Er führt ein Taxiunternehmen, vier Autos, 15 Mitarbeiter. Hamalci sagt, dass er gerne in die Münchener Straße kommt, weil „hier das Leben ist“. Dann zeigt er auf die geschlossenen Läden gegenüber. „Wenn die Krise vorbei ist, wird es mindestens ein Drittel davon nicht mehr geben“, befürchtet er. „Die Stadt wird gerade zur Geisterstadt, ein großer Knast, viele Menschen werden in Armut fallen.“

          Einsatz: Polizisten kontrollieren die Schließung von Geschäften im Frankfurter Bahnhofsviertel Bilderstrecke
          Frankfurter Corona-Nachtleben : Tote Hose im Rotlichtviertel

          Über die Kaiserstraße, die parallel zur Münchener Straße verläuft, zieht ein Trupp Polizisten. Ihre Aufgabe ist es, zu überprüfen, ob die Betreiber der Restaurants sich an die neuen Vorschriften halten. Jeder der vier Männer trägt eine Atemschutzmaske, an einem halb heruntergelassen Rollladen machen sie halt. „Sind sie allein?“, fragt einer von ihnen in das Restaurant hinein. Als der Mann im Laden bejaht, ziehen sie weiter. Eingreifen müssen sie auch woanders nicht: Überall halten sich die Restaurantbetreiber an die neuen Regeln.

          Im Innenhof des „25 Hours“-Hotels steht Jeanette Müller und zeigt nach oben, ins fünfte Stockwerk. „Da brennt noch ein Licht“, sagt die Rezeptionistin. Dann dreht sie sich um, hebt noch einmal den Arm: „Und da auch.“ Sonst aber bleiben die Zimmer in dem Designhotel in der Niddastraße dunkel. Ein paar Buchungen von Geschäftsreisenden gibt es für die kommenden Tagen zwar noch, „aber wer weiß, ob die wirklich anreisen“.

          „Gerade einmal zwei Tische waren heute besetzt“

          Das Restaurant des Hotels, „Bar Shuka“ getauft, ist im Moment eigentlich eine der angesagtesten Ausgehadressen der Stadt. Bis vor ein paar Tagen war das Lokal mit seiner israelischen Küche noch an jedem Abend ausgebucht, dann aber blieben auch dort die Gäste weg, wurden Reservierungen storniert. Nun ist bloß noch mittags geöffnet. „Gerade einmal zwei Tische waren heute besetzt“, erzählt Müller.

          Völlig ausgestorben ist das Bahnhofsviertel trotzdem nicht. An den Außentischen vor einem Restaurant hocken ein paar Jugendliche, auch in die Gemüseläden zieht es die Menschen weiterhin. An den Ecken der Taunusstraße stehen auch noch immer die Dealer, vor den Fixerstuben lagern weiter die Süchtigen. Seltsamerweise blinken auch die Schriftzüge an den Casinos, die nun geschlossen sind, noch. Und sogar die Lichterketten an den dichtgemachten Bordellen leuchten weiter rot in die Nacht.

          Ohne Wehmut kommt man an diesem Abend nicht durch die Straßen. Das Frankfurter Bahnhofsviertel, so scheint es, verliert gerade einen Großteil seiner Leichtigkeit, seiner Lebendigkeit. „Hoffen wir, dass es nicht allzu lange dauert, bis es wieder besser wird“, sagt der Taxi-Unternehmer Hamalci, der die Münchener Straße so liebt. „Dann treffen wir uns wieder hier und feiern.“

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