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Corona und Justiz : Das Virus im Gerichtssaal

Corona-Schutz an den Frankfurter Gerichten: Plastik um die Mikrofone. Bild: Jan Huebner

Strafprozesse in der Pandemie sind eine Herausforderung. Damit sie überhaupt verhandeln können, müssen die Richter kreativ werden. Das tun sie auch, jeder auf seine Weise. So bringen Masken, Plexiglas und Absperrband kuriose Situationen.

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          Der Gipfel der Verrücktheit ist an einem Donnerstag Mitte Mai erreicht. Am Landgericht beginnt der Prozess gegen drei mutmaßliche Salafisten. Alles Jungs aus der Region, die angeblich Anschläge mit Autos verüben wollten oder indem sie Polizisten töten und deren Waffen verwenden. Eine Sache von Interesse also. Außer Journalisten wollen auch einige Zuhörer in den Gerichtssaal, Bekannte der Angeklagten oder einfach nur Interessierte. Doch bei den Wachtmeistern, die den Zugang in den Saal regeln, ist schnell Schluss. „Haben Sie eine Maske?“, lautet die erste Frage. Und dann: „Eine Stoffmaske reicht nicht, Sie brauchen eine medizinische. Anordnung des Vorsitzenden Richters.“ Mitgeteilt worden ist diese Anforderung der Presse zwar im Vorhinein nicht – aber was soll’s. Man solle halt schnell in die Apotheke gehen und eine kaufen, heißt es. Sonst gehe nichts. Als eine Weile später tatsächlich alle Zuhörer mit Einmalmasken hinter der Plexiglasscheibe in einem der größten Säle des Gerichts sitzen, wird wenigstens eins offensichtlich: Der Vorsitzende diskriminiert nicht.

          Ein ganzer Saal voller Verfahrensbeteiligter sitzt mit Mundschutz da. Die Gesichter sind kaum zu erkennen. Drei Berufsrichter und zwei Schöffen, eine Schriftführerin, drei Angeklagte und vier Verteidiger, ein Sachverständiger, zwei Staatsanwälte und diverse Wachtmeister. Auf der Richterbank sind dieselben Trennschreiben aus Plexiglas aufgestellt, die in den vergangenen Tagen überall im Gericht aufgetaucht sind und die im ein oder anderen Saal schon mal dazu geführt haben, dass sich ein Vorsitzender fast den Schädel angeschlagen hat, als er mit seinen Schöffen kommunizieren wollte. Wer versucht, dem Prozess zu folgen, hat es an diesem Tag nicht leicht. Bei so vielen Verfahrensbeteiligten ist es schwer zu erkennen, wer unter den Masken gerade spricht. Angeklagter Nummer eins, zwei oder drei? Der Verteidiger von Nummer eins? Welcher der beiden Verteidiger von Nummer zwei? Auf der Richterbank ist es zum Glück leichter, da sitzt immerhin eine Frau mit dabei.

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