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Schleppende Terminvergabe : Es lebe der Impfdarwinismus

  • -Aktualisiert am

Wer hätte das gedacht: Trotz zwingender Querdenker-Argumente dagegen lassen sich Menschen freiwillig impfen. Bild: dpa

Nicht jede Hotline kann so toll funktionieren wie die der Telekom. Aber ein bisschen mehr Mühe hätte das Land sich beim Organisieren der Impftermin-Vergabe schon geben dürfen.

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          Ganz unbelehrbar ist der gemeine Bürger nicht. Er hat schon verstanden, dass die Trigema-Werke nicht so schnell auf die Produktion von mRNA-Impfstoff umschalten können wie seinerzeit auf die Fertigung von Alltagsmasken. Und er sieht auch ein, dass das Impftermin-Vereinbarungssystem des Landes Hessen am ersten Tag noch nicht so großartig funktionieren kann wie die Service-Hotline der Deutschen Telekom. Allerdings kann eine Corona-Infektion die Gesundheit deutlich nachhaltiger beeinträchtigen als die vorübergehenden Herzrhythmusstörungen, die ein nicht funktionierender Telefonanschluss auslösen mag. Deshalb fragt sich der Bürger mit allem gebotenen Respekt vor den schwer geprüften Entscheidungsträgern, ob man sich beim Vorbereiten der Impfkampagne nicht doch etwas mehr Mühe hätte geben können.

          Von der 82 Jahre alten Mutter vernimmt er, dass es ihr tatsächlich gelungen sei, nach ausgiebigem Wählen der einschlägigen Nummern zwecks Impftermin-Vereinbarung mit einem menschlichen Wesen verbunden zu werden. Der bedauernswerte Callcenter-Mitarbeiter sah sich aber außerstande, der Anruferin einen Impftermin zu vermitteln, weil das Computerprogramm mit der Postleitzahl ihres Wohnorts nicht zurecht kam. Angeblich ist das Problem inzwischen behoben. Was sehr erfreulich ist, aber der alten Dame gerade wenig nützt, weil alle weiteren Versuche, einen telefonischen Kontakt herzustellen, bisher mit dem Besetzt-Zeichen endeten.

          Pech gehabt, wenn keiner hilft

          Zum Glück ist die Mutter rüstig und hartnäckig, und sie hat zwei Kinder, die sich an den Computer setzen können, um in ihrem Namen an der Impflotterie teilzunehmen. Irgendwann wird es schon klappen. Spätestens dann, wenn all die über Achtzigjährigen aufgegeben haben, die keine internetaffinen Söhne, Töchter und Enkel haben. Die zwar noch zuhause wohnen, aber nicht mehr über die körperliche oder geistige Ausdauer für stundenlange Telefonsitzungen verfügen. Haben sie eben Pech gehabt: Es lebe der Impfdarwinismus!

          Aber vielleicht war es wirklich zu viel verlangt von den Verantwortlichen, sich über solche Nebenwirkungen Gedanken zu machen, zumal sich erst vor einigen Monaten abzeichnete, dass es eine Corona-Impfung geben wird. Und nach der fundierten Querdenker-Kritik an der Idee des Impfens an sich war auch nicht zu erwarten, dass so viele Menschen gleich am Anfang bereit sein würden, sich die Spritze setzen zu lassen. Deshalb hören wir jetzt auf mit der Nörgelei. Wir sind schließlich belehrbar.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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