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Abfall am Frankfurter Mainufer : Nachts Party, morgens Müllberge

Die Spuren der Nacht: Am Mainufer beginnt am Sonntagmorgen um 7 Uhr das große Aufräumen. Bild: Helmut Fricke

Die Corona-Krise treibt die Menschen nach draußen und ins Grüne. Mit ihnen kommt der Abfall. Die Versuche, des Problems Herr zu werden, scheinen gescheitert.

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          Müllhaufen rund um die überquellenden Abfalleimer, der Boden gespickt mit Kronkorken und Zigarettenkippen, der Rasen großzügig bedeckt von aufgerissenen Pizzakartons samt Essensresten, auf dem Weg zu Scherben zerschlagene Flaschen: Das ist das Mainufer an einem Sonntagmorgen um 7 Uhr. Die ersten Jogger und Radler sind unterwegs. Es ist die Stunde der Pfandflaschensammler und der Gänse, die aus den Resten das Verwertbare herausholen. Keine Spur von denen, die sich nachts benommen haben als gäbe es kein Morgen. Sie kommen erst wieder, wenn andere alles aufgeräumt haben. Vielleicht schon am nächsten Abend, dann vielleicht im Günthersburgpark. Denn seit Corona ist in allen Frankfurter Parks jeden Tag Party.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Muss das so aussehen?“, denken sich diejenigen, die am Morgen danach am Mainufer unterwegs sind. „Wie nach einem Festival“, ist noch eine der freundlichen Beschreibungen. Das sagt eine Radlerin, die von der Nachtschicht heimkehrend ihr Rennrad schultern muss, um den Scherben auszuweichen. Die einen schimpfen auf die Verursacher, genauso viele aber auf die Stadt, „die ein bisschen mehr machen muss“. Sauber und ordentlich sehe anders aus. Dabei haben zu diesem Zeitpunkt, morgens um 7 Uhr, die beiden vom Grünflächenamt beauftragten Reinigungstrupps begonnen, die Müll-Auswüchse der Nacht zu beseitigen. Vier Stunden benötigen sie je Uferseite. Am Ende werden sie auf ihren Pritschenwagen 20.000 Liter Abfall zusammengekehrt haben, das entspricht dem Volumen einer halben Garage.

          „Muss das so aussehen?“

          Diese Menge tragen sie nur am Mainufer jeden Tag zusammen. Zum Vergleich: Mehrfamilienhäuser haben in der Regel 120-Liter-Mülltonnen vor der Haustür stehen. 50 dieser Art stehen am Mainufer, zusätzlich zu den klassischen 50-Liter-Behältnissen neben den Parkbänken.

          Freiluftkultur: Auch nachmittags ist das Mainufer ein Anziehungspunkt.

          „Muss das so aussehen?“, fragt sich auch Bernd Roser vom Grünflächenamt, verantwortlich für die Pflege aller Frankfurter Parks, Spielplätze und Freizeitanlagen wie die Sportanlagen im Hafenpark. Drei Millionen Euro kostet den Frankfurter Steuerzahler das Auflesen des Mülls in den Parks. „Das ist doppelt so viel wie wir für die Pflege der Spielplätze ausgeben“, sagt er. Und er weiß, dass das von ihm eingeplante Budget in diesem Corona-Jahr nicht reichen wird. „Es fehlt der Respekt vor dem öffentlichen Raum“, sagt er.

          Partylaune und Nach-mir-die Sintflut-Stimmung

          Vor allem der Trend, Flaschen zu zerschlagen, deren Scherben sich tief in den Rasen bohren und die auf den Wegen per Hand mit dem Besen zusammengekehrt werden müssen, „der bringt mich zur Weißglut“, sagt der ansonsten ruhige und sachliche Grünexperte. Sie alle, ob Gärtner oder Planer, die im Grünflächenamt ihre Aufgabe darin sähen, die Parks schön herzurichten, zu pflegen und zu gestalten, seien wütend über die Entwicklung, der ewige Kampf um mehr Verantwortungsbewusstsein „macht müde“. Roser meint zu erkennen, dass in der Corona-Krise beides um sich greift: Die Partylaune und die Nach-mir-die Sintflut-Stimmung bei den einen, die fast maßlose Anspruchshaltung bei den anderen. Der Ton der Mails, die ihn erreichen, weil das Mainufer morgens früh nicht so sauber ist, wie es sollte, werde härter.

          „Unglaublich, überall nur Flaschen und Plastik“, sagt einer der Männer vom Reinigungstrupp, der einzige, der auf Deutsch Auskunft geben kann. Dabei gebe es doch fast zu viele Mülleimer am Mainufer, aber es gebe eben auch „zu viele asoziale Leute“, sagt er und schultert ein schweres Gebläse, um den Müll unter den Bänken hervorzuholen. Er wird am Nachmittag noch einmal vorbeikommen, dann leert er allerdings nur die Mülleimer aus. Das wilde Wüten wird es erst wieder in der Nacht geben, dann, wenn der Alkohol fließt.

          Sonntags zweimal und an Wochentagen einmal: Das ist seit drei Jahren, seit die Stadt die „cleanffm“-Kampagne gestartet hat, der Reinigungsrhythmus am Mainufer. Die mit der Kampagne verbundenen Versuche, an das Gewissen der Parkbesucher zu appellieren, hätten vor der Pandemie Wirkung gezeigt, sagt Roser. Corona habe aber alles zunichte gemacht. „Dabei zeigt die Krise doch, dass die Grünanlagen systemrelevant sind“, sagt er. Roser ist stolz darauf, dass Frankfurt seinen Bürgern viele und attraktive Grünanlagen bieten kann. „Die haben eine hohe soziale Funktion.“ Um die Parks in Zeiten des Klimawandels zu erhalten, müsse mehr in die Pflege der Bäume investiert werden. Zunächst muss er sich aber um das noch Drängendere kümmern: Wenn die Corona-Party so weitergehe, bleibe vielleicht nur die Option, das Mainufer jeden Tag zweimal reinigen zu lassen.

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