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Buchhändler über Corona : „Wir sind jetzt schneller als Amazon“

Lieferdienst: Wolfgang Kiekenap nimmt Buch-Bestellungen an und liefert diese auch aus. Bild: Wonge Bergmann

Wolfgang Kiekenap arbeitet in der Buchhandlung Ypsilon im Frankfurter Nordend. Obwohl das Geschäft derzeit geschlossen ist, sieht er eine Chance in der Corona-Krise.

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          Hat die Corona-Krise Sie überrascht?

          Alexander Jürgs

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ja, das Ausmaß haben wir wie die allermeisten erst einmal unterschätzt. Als klar wurde, dass wir unser Geschäft schließen müssen, war noch einmal richtig Trubel. Die Leute haben sich mit Lesestoff eingedeckt, vor allem Kinderbücher haben sich noch einmal richtig gut verkauft. Als dann zu war, haben wir beschlossen: Wir machen einen Lieferservice.

          Wie klappt das?

          Die ersten zwei Tage waren gespenstisch ruhig, aber dann ging es plötzlich wieder los. Das ist ganz schön hektisch. Ständig klingelt das Telefon, andere Kunden bestellen per Mail. Dann besorgen wir die Bücher bei den Grossisten und können meistens schon am nächsten Tag ausliefern. Das machen wir per Fahrrad. Wir stellen die Bücher an der Haustür ab, der Kunde legt einen Umschlag mit dem Geld hin. Alles läuft kontaktlos.

          Klingt nach viel Arbeit.

          Das stimmt. Wir schuften wie im Weihnachtsgeschäft, haben aber bloß Umsatz wie in einem lauen Februar. Trotzdem macht das Ganze Spaß: Man lernt den Stadtteil noch einmal ganz anders kennen. Und man sieht plötzlich, wo die Menschen, die man aus dem Laden schon so lange kennt, eigentlich wohnen.

          Es sind also vor allem die Stammkunden, die sich nun melden?

          Ja, auf jeden Fall. Da kommt es zum Teil zu regelrechten Solidaritätseinkäufen. Manche Kunden stocken gerade ihre Bestände auf und bestellen richtig große Mengen. Aber es gibt auch einige Neukunden, die erfahren haben, dass wir nun ausliefern, und uns unterstützen wollen.

          Amazon nimmt den Verlagen vorerst keine Bücher mehr ab und konzentriert sich auf andere Geschäftsfelder. Ist die Krise auch eine Chance für den klassischen Buchhandel?

          Das sehen wir Buchhändler natürlich erst einmal mit klammheimlicher Freude. Dass wir jetzt schneller sind als Amazon, freut mich. Die Krise zeigt sehr deutlich, dass keinem mit einem Marktriesen gedient ist. Sich von einem Monopolisten abhängig zu machen, tut niemandem gut.

          Alle Welt liest gerade „Die Pest“ von Albert Camus. Fragen Ihre Kunden auch danach?

          Ich glaube, das wird gerade ein bisschen hochgespielt. Bei uns sind eher andere Titel begehrt: Lutz Seilers „Stern 111“, „Allegro Pastell“ von Leif Randt, auch „Herkunft“ von Saša Stanišić verkaufen wir noch immer phantastisch. Ich selbst habe „Die Pest“ vor etwa zehn Jahren einmal angefangen, damals aber nicht zu Ende gelesen. Jetzt will ich es doch noch einmal probieren.

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