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Frankfurter Poetikvorlesung : Der Geschichtenerzähler

Für die Poetikvorlesung an der Uni Frankfurt liest Christoph Ransmayr aus seinem Buch „Unterwegs nach Babylon“ vor. Bild: Francois Klein

Christoph Ransmayr hat nicht viel übrig für das Reden über literarische Werke. Die Poetikvorlesung an der Goethe-Universität in Frankfurt hält er trotzdem. Mit gemischtem Erfolg.

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          Auf dem Siegestor der Moschee von Fatehpur Sikri, mit dessen Errichtung der Mogulkaiser Akbar die Niederlage feierte, die er dem Nachbarreich Gujarat beigebracht hatte, steht eine Inschrift, die Christoph Ransmayr an diesem Abend nicht zitiert: „Die Welt ist eine Brücke, gehe hinüber, aber baue kein Haus auf ihr. Die Welt währt eine Stunde, verbringe sie in Andacht.“ Die in Stein gemeißelten Zeilen gehören zu den Weisheiten, denen der Westen an entlegenen Orten des Ostens, Südens und Nordens unvermutet begegnet, ganz nach dem Geschmack Ransmayrs, der die herrlichen Bauwerke von Akbars schon bald wieder verlassener Siegesstadt gut kennt und in seinem Vortrag mehrfach auf sie zurückkommt.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Frankfurter Poetikvorlesung des Schriftstellers währt anderthalb Stunden, und auch auf ihr sollen die Zuhörer nach dem Willen des Dozenten kein Haus bauen: „Es reicht, wenn Sie ein paar Sätze in Erinnerung behalten. Der Rest ist zum Vergessen.“ So sei es ja sogar bei guten Büchern. Ein bisschen Andacht kann aber auch im Hörsaal auf dem Westend-Campus der Goethe-Universität nicht schaden. Am liebsten wäre es dem Dozenten, wenn die Zuhörer in den folgenden neunzig Minuten zur Gänze auf Fotos, Smartphones und Notizen verzichteten. Zuhören sollen sie ihm. Ihm, dem Geschichtenerzähler, der sich an diesem Abend dem Sprechen über seine literarischen Werke nicht ganz unerwartet verweigert. Schließlich könne ein solches Sprechen nie einleuchtender sein als das Werk selbst: „Was Sie an diesem Abend erwartet, ist bestenfalls Dünnes, Sekundäres.“

          Ransmayr: „Glauben Sie an keine zusammengekleisterte Poetik“

          Das ist zum 60. Jahrestag der Frankfurter Poetikvorlesung, die im Wintersemester 1959/1960 mit Ingeborg Bachmann begann und zum Ende des laufenden Wintersemesters mit Ransmayrs Vortrag gefeiert werden soll, von einer gewissen Brüskheit. Umso mehr bemüht Ransmayr sich, das, was er seinen Hörern vorsetzt, erzählerisch nett zurechtzumachen. Ob es sich dabei um das Attika nach dem Peloponnesischen Krieg dreht, das aus lauter Orientierungslosigkeit Sokrates zum Tode verurteilt, oder ob er in asiatischen Landschaften das Singen der ersten Dichter vernommen haben will. „In den Nächten warfen die Fackeln gespenstische Schatten an die Mauern der Tempel“, sagt er, als er das von sich selbst entsetzte Athen beschreibt, in dem plötzlich die Hinrichtung eines Philosophen möglich geworden ist. Es gibt viele solcher dichten und gelungenen Momente, aber auch solche, in denen der Dozent sich seiner Aufgabe ein wenig zu sehr entzieht.

          Vieles davon ist generelle Skepsis. „Denken Sie gut nach, ehe Sie einen Dichter um Rat fragen“, sagt der Autor, dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Mai in der Paulskirche den dieses Jahr von ihm vergebenen Börne-Preis überreichen wird: „Warum sollten ausgerechnet Dichter klarer sehen als Abteilungsleiter, Busfahrer oder Mitglieder eines Kleintierzuchtvereins?“ Manches ist Koketterie, schließlich gestattet Ransmayr sich später, wenn es darum geht, was das Erzählen ausmacht, durchaus einige deskriptive oder gar präskriptive Sätze.

          Es sind verlockende, ein wenig quälende Blicke auf die Vorlesung, die er hätte halten können, wenn er sich mehr Sätze wie den folgenden abgerungen hätte: „Bewegung, Dynamik entsteht doch erst daraus, dass das Ende einer Erzählung mitgedacht wird.“ Manches ist lobenswerte Ertüchtigung des Lesers zur sokratischen Selbständigkeit: „Einer wie ich kann Ihnen zur Kunst des Erzählens nicht viel mehr sagen, als Sie sich auch selbst erzählen könnten.“ Das steht neben billigem Affekt: „Glauben Sie an keine zusammengenagelte oder zusammengekleisterte Poetik.“ Ein wenig zusammengedengelt wirken aber auch Ransmayrs anderthalb Stunden. „Unterwegs nach Babylon“ hat er sie genannt. Tatsächlich taucht Babel auf: „In Babylon wurde aus einer Sprache babylonische Vielstimmigkeit.“ Und das ist gut so. Babylon sei „der Name für ein offenes, vielfältiges Bild der Welt“, das gefällt ihm. Trotz des Platzes im Titelschaufenster aber bleibt die Stadt Episode, anders als Athen, Sokrates, Akbar und Fatehpur.

          Vorlesung am Samstagabend?

          Dass Ransmayr all das vor einem leereren Saal als sonst erzählt, hat neben dem Coronavirus auch mit dem ungewöhnlichen Samstagabendtermin zu tun. In den vergangenen Jahren haben die Veranstalter am ehrwürdigen Frankfurter Format hier und da herumgeschraubt.

          Der nur für dieses Semester gültige Dreh mag dem Gaststar entgegenkommen, der nur kurz in Frankfurt sein muss, aber nicht der Vorlesung, die einst Deutschlands erste war, mittlerweile aber eine unter vielen ist. Heidelberg, Tübingen, Göttingen: Es gibt viele Orte, an denen Schriftsteller sich erklären. Und das Interesse daran ist nicht mehr so groß wie in den diskursversessenen Jahrzehnten nach 1968. Wer etwas für die Frankfurter Vorlesung tun will, verlegt sie versuchsweise vom Abend in den Tag. Dann können auch junge Studenten kommen, die am Abend aus dem teuren Frankfurt in ihre Zimmer im Umland fliehen. Geschichten hört schließlich jeder gern.

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