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Chor für Hörbehinderte : So fühlt es sich an, mit den Händen zu singen

Die Gebärde für „14“ zum Mitmachen Bild: Michael Kretzer

Steffi Knapp und Helena Maschanow sind hörbehindert, sie können Musik nur eingeschränkt wahrnehmen, aber uneingeschränkt fühlen. Statt mit der Stimme singen sie mit den Händen.

          3 Min.

          Steffi Knapp hat einen Traum. Genau genommen sind es zwei. Sie will einmal im Leben mit ihrem Mann tanzen. Aber der weigert sich standhaft. Er ist gehörlos. Vielleicht könnte er den Rhythmus spüren, wenn er sich nur ein einziges Mal darauf einlassen würde, meint Knapp. Aber er will nicht. In seiner Welt hat Musik keinen Platz, sie ist ihm völlig fremd, völlig egal. Auch Steffi Knapp ist hörbehindert. Im Alter von vier Jahren wurde ihr ein Cochlea-Implantat eingesetzt. Ist es aktiviert, kann sie die Geräusche in ihrer Umgebung wahrnehmen. Legt sie es ab, wird die Welt um sie herum stumm. Musik bestimmt trotzdem ihr Leben. Die Dreiunddreißigjährige singt sogar. Mit den Händen, wie sie sagt. Knapp leitet gemeinsam mit der 50 Jahre alten Helena Maschanow, ebenfalls schwer hörbehindert, den Gebärdenchor Lukas 14. Und weil der Tanz mit ihrem Mann in unerreichbare Ferne zu rücken scheint, drängt sich ein anderer Traum in den Vordergrund.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einmal im Leben will sie mit der Sängerin Sarah Connor auf einer großen Bühne stehen. Sie will dem hörenden Publikum Musik so näherbringen, wie sie sie selbst erlebt. Sie will die Konzertgänger mitnehmen in ihre Welt. Knapp hört Musik nur stark eingeschränkt. Ob ihr ein Lied gefällt oder nicht, macht die 33 Jahre alte Frankfurterin in erster Linie vom Text, aber auch vom Rhythmus eines Liedes abhängig. Jedes einzelne Wort durchdringt sie in seiner Bedeutung, liebt es, wenn Sänger sich für eine klare, bildgewaltige Sprache entscheiden. Genießt es, wenn sie die Worte, die sie nicht hören kann, fühlt, und wenn sich vor ihrem inneren Auge klare Bilder aufbauen. So wie bei den Liedern von Sarah Connor. Knapp träumt davon, mehr Menschen zu erreichen, als sie es bisher tut, um zu zeigen, dass Musik so viel mehr sein kann als eine eingängige Melodie. Musik, sagt sie, ist Poesie, die das Herz berührt. Egal auf welchem Wege.

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