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Absturz in Frankfurt : Kann die CDU nicht mehr Großstadt?

Mächtiges Zentrum: Von Frankfurt aus könnte ein Impuls für die Zukunft der CDU ausgehen. Bild: Lucas Bäuml

Die Frankfurter CDU war einst mächtig, inzwischen irrt sie ziellos herum. Im März 2022 wird ein neuer Vorsitz gewählt. Wie eine Partei alle Chancen verspielt hat.

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          Frankfurt, das politische Mi­krolabor. Was wurde hier nicht alles getestet und möglicherweise für gut befunden? Die Demokratie, Grüne in Re­­gierungsverantwortung, zuletzt ein Ampelbündnis (mit Volt). Dass sich der Blick an den Main auch im Hinblick auf die CDU lohnt, ist weniger bekannt. Da­bei ist Frankfurt ein politischer Trendsetter – im Aufstieg wie im Abstieg. Zu­letzt hat die CDU das schmerzhaft erfahren müssen.

          Martin Benninghoff
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Partei, die Frankfurt jahrzehntelang regiert hat, ist bei der Bundestagswahl im September um acht Punkte auf knapp mehr als 18 Prozent der Zweitstimmen abgestürzt. Die beiden Bundestagsmandate sind futsch, selbst über die Landesliste hat es keiner ihrer Kandi­daten geschafft. Die Kommunalwahl im März hatte düstere Signale vorausgeschickt: Auch da war die CDU abgestraft worden. Sie flog aus dem Magistrat, nachdem sie noch auf ein Erbarmen der Grünen gehofft hatte. Die Parallelen zum Bund und den enttäuschten Jamaika-Hoffnungen drängen sich auf.

          Noch im Modus der Aufarbeitung

          Dabei ist der hiesige Kreisverband nur ein Zipfelchen in der deutschen Christdemokratie. Rund 400.000 Mitglieder zählt die CDU bundesweit, 1990 waren es noch fast doppelt so viele. In Hessen sind es 37.000 Mitglieder, in Frankfurt über den Daumen gepeilt 2700. Bezogen auf den Bund sind das gerade einmal knapp 0,7 Prozent. Und doch, die Stadt als Finanzplatz und mit der wirtschaft­lichen Bedeutung hat überregionale Strahlkraft über solche Rechenbeispiele hinaus. Nur nicht mehr über die Frankfurter CDU, die über die Stadtgrenzen hinaus in die Bedeutungslosigkeit zu versinken droht. Kann die CDU nicht mehr Großstadt?

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          Wer die Frage stellt, muss sich klar­machen: In den Metropolen hat es diese Partei immer schon schwerer gehabt als auf dem Land. Doch dieses Mal ist die Kluft tiefer denn je. In Deutschland gibt es 14 Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern, Frankfurt ist die fünftgrößte in dieser Reihe. Insgesamt leben mehr als 15 von 82 Millionen Menschen in den ur­­banen Zentren, die Speckgürtel und Ballungsräume nicht mitgezählt. Bei der Bundestagswahl konnte die CDU ge­ra­de noch so in Düsseldorf siegen, in fast allen anderen Großstädten zogen die Grünen oder die SPD bei den Zweitstimmen vorbei. Der Befund ist so einfach wie bru­tal: Die Union verfehlt das städtische Le­bensgefühl.

          Die Entwicklung beschäftigt die Parteistrategen seit Jahrzehnten. Bevor der frühere Grünen-Fraktionsvorsitzende Fritz Kuhn 2013 Oberbürgermeister von Stuttgart wurde, war sein Parteikollege Winfried Kretschmann längst Ministerpräsident von Baden-Württemberg – im konservativen Ländle. Zwar steht heute wieder ein CDU-Bürgermeister an der Spitze Stuttgarts, die grüne Macht in der Fläche ist aber nicht gebrochen. Kretsch­mann regiert immer noch.

          Es zeigt sich allerdings, dass den Städten eine – wie fast immer – progressive Bedeutung beikommt. Von hier aus können Parteien wieder angreifen, sich sammeln, Boden gutmachen und neue Kandidaten in Stellung bringen. So wie in Hamburg, wo selbst in den schwärzesten Tagen der Sozialdemokratie noch gut organisierte Ortsvereine und Jusos die Straßen bis zur Unkenntlichkeit pla­katiert und die Kandidaten sichtbar nach vorn geschoben haben. Nicht zuletzt Olaf Scholz hat seinen Aufstieg der Stärke seiner Hamburger SPD zu verdanken.

          Und Frankfurt? Verständlicherweise ist die hiesige CDU noch im Modus der Aufarbeitung. Es gab und gibt Analyserunden, auch die Direktkandidaten ha­ben allerlei Erklärungen zur Hand, wo­ran es gescheitert ist. Oft handeln die von den Streitigkeiten in Berlin, von Querschüssen aus Bayern oder dem Un­ver­mögen von Armin Laschet, dem Konrad-Adenauer-Haus oder der Frankfurter Ge­­schäftsstelle – seltener von eigenen Schwächen.

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