https://www.faz.net/-gzg-8p6wg

Busfahrer-Streik : „Wir wollen vom Lohn leben können“

Entschlossen: Betriebsratschef Esen Süleyman will für seine Kollegen deutliche Verbesserungen durchsetzen. Bild: Maximilian von Lachner

Der Busverkehr ist fast lahmgelegt. Die Fahrer streiken für mehr Geld und weniger unbezahlte Pausen.

          Spätestens gestern Morgen haben die Fahrgäste gemerkt, dass die Busfahrer streiken. Irgendwann musste sich auch der letzte Wartende an einer verwaisten Haltestelle eingestehen, dass kein Bus mehr kommen wird. Wer an einer Haltestelle mit elektronischer Anzeige stand, wurde zumindest über ein Laufband aufgeklärt: „Ab Montag, 9.1., wird der Frankfurter Busbetrieb komplett bestreikt! Bitte nutzen Sie als Alternative die planmäßig verkehrenden S-Bahnen, U-Bahnen, Straßenbahnen und Regionalzüge.“ Die fuhren – sieht man von den obligatorischen Verspätungen vieler S-Bahnen einmal ab – tatsächlich planmäßig. Überraschenderweise fand man auch in der Hauptverkehrszeit in allen Zügen einen Platz, wenn auch oft nur einen Stehplatz. Weil in Frankfurt jeder Stadtteil gut mit Bahnen zu erreichen ist, konnte der Streik der Busfahrer den Nahverkehr aber nicht stilllegen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Warum sie streiken? Esen Süleyman, der Betriebsratsvorsitzende des städtischen Busunternehmens ICB, die knapp die Hälfte des Frankfurter Busverkehrs abwickelt, fasst seine Antwort in einem Satz zusammen: „Wir wollen von unserem Lohn leben können – ohne Hilfe vom Staat.“ Süleyman, verheiratet und Vater dreier Kinder, muss mit jedem Euro rechnen, um über die Runden zu kommen. Zum Glück hat er eine Sozialwohnung bekommen, denn: „Normales Wohnen kann ich mir nicht leisten.“ Viele seiner Kollegen seien auf Wohngeld und andere staatliche Transferleistungen angewiesen, um ihre Familie zu ernähren. Weil die Frankfurter Busfahrer im Vier-Schicht-Betrieb arbeiteten und die Schichten für den Einzelnen immer wechselten, könnten viele Ehefrauen nicht arbeiten, weil die Kinderbetreuung sonst nicht klappe, berichtet Süleyman.

          U-Bahn- und Straßenbahnfahrer verdienen mehr

          Die Angaben über den Verdienst eines Busfahrers gehen allerdings etwas auseinander. Die ICB-Fahrer kämen auf etwa 2000 Euro brutto im Monat, sagen Süleyman und sein Kollege Mustapha Kadar, der Mitglied der Tarifkommission ist. Dagegen spricht Alois Rautschka, der Geschäftsführer der ICB, von 2500 bis 2700 Euro, die ein Fahrer durchschnittlich in seinem Unternehmen verdiene. Unbestritten ist, dass es in diesem Tarifkonflikt zuvorderst ums Geld geht: Die Gewerkschaft Verdi verlangt eine Erhöhung des Stundenlohns von zwölf auf 13,50 Euro, die im Landesverband Hessischer Omnibusunternehmen organisierten Arbeitgeber bieten 12,65 Euro in der Stunde. Aber auch die unbezahlten Pausen spielen eine Rolle. Von acht Stunden Arbeitseinsatz werde bei der ICB etwas mehr als eine Stunde als Pause abgezogen, berichten Süleyman und Kadar. Verdi verlangt, dass die unbezahlten Pausen auf eine halbe Stunde am Tag beschränkt werden. Rautschka hält die Forderungen von Verdi für unbezahlbar, denn sie summierten sich, alles zusammengerechnet, auf eine Tariferhöhung um mehr als 25 Prozent.

          Im Vergleich zu manchen anderen Busfahrern in Hessen schneiden die Fahrer der ICB beim Verdienst und bei den unbezahlten Pausen besser ab. Die meisten von ihnen verdienen nach Angaben der Betriebsleitung 12,78 Euro in der Stunde, also 78 Cent mehr, als der Tarifvertrag vorsieht. Zudem wird ihnen weniger Zeit für unbezahlte Pausen abgezogen. Dennoch sind die Busfahrer die großen Verlierer unter den Beschäftigten im Frankfurter Nahverkehr. Früher haben sie so viel verdient wie U-Bahn- und Straßenbahnfahrer, die nach dem besseren Tarif des öffentlichen Dienstes bezahlt werden, dem Tarifvertrag Nahverkehrsbetriebe.

          Hoffnung auf Rückkehr in die VGF

          Doch dann privatisierten der frühere Verkehrsdezernent Lutz Sikorski (Die Grünen) und die schwarz-grüne Stadtregierung den Busverkehr. Der Busbetrieb der Verkehrsgesellschaft Frankfurt wurde in ein eigenes Unternehmen, die ICB, ausgegliedert und der Busverkehr in der Stadt ausgeschrieben. Plötzlich herrschte Wettbewerb – und die Busfahrer wurden nach dem schlechteren Tarif der privaten Busunternehmen bezahlt. Eigentlich möchten Süleyman und seine Kollegen wieder den alten Zustand herstellen, den die meisten Busfahrer gar nicht mehr erlebt haben, und wie damals normale Beschäftigte der Verkehrsgesellschaft Frankfurt werden. Dann kämen sie nicht nur in den besseren Öffentlichen-Dienst-Tarif, sondern auch in die städtische Betriebsrente.

          Zudem erhielten sie ein Jobticket und andere Sonderleistungen. Ihre Hoffnungen ruhen deshalb auf dem neuen Verkehrsdezernenten Klaus Oesterling (SPD), der die Privatisierung des Busverkehrs immer abgelehnt hat und jetzt daran arbeitet, die Busfahrer zur VGF zurückzuholen. Doch nun stehen sie erst einmal in diesem Tarifkampf. Den wollen sie siegreich beenden, auch wenn sie eine, zwei oder noch mehr Wochen die Arbeit ruhen lassen müssen. Bei 50 Euro Streikgeld am Tag.

           

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.