https://www.faz.net/-gzg-rg6a

Bulimie : Freßorgien und Schuldgefühle

  • Aktualisiert am

Es ist wieder die Zeit der guten Vorsätze. Mit der festen Überzeugung, daß die Pfunde 2006 ganz gewiß purzeln werden, schlägt es sich einfach viel fröhlicher noch mal über die Stränge. Zwar haben zunehmend ...

          Es ist wieder die Zeit der guten Vorsätze. Mit der festen Überzeugung, daß die Pfunde 2006 ganz gewiß purzeln werden, schlägt es sich einfach viel fröhlicher noch mal über die Stränge. Zwar haben zunehmend mehr Menschen - Männer wie Frauen - tatsächlich zuviel auf den Rippen, aber daneben gibt es jene mit einem übersteigerten Schlankheitswahn. Menschen, die sich Hungerkuren unterwerfen, obwohl sie es objektiv betrachtet nicht nötig hätten. Das kann leicht krankhaft werden. Schätzungen zufolge leiden zwei bis fünf Prozent aller Frauen zwischen 14 und 35 Jahren an einer Eß-Störung. So wie die Neunzehnjährige, die in ihrer schlimmsten Phase ganze Nachmittage mit Freß-Attacken und anschließendem Erbrechen verbrachte. Bis sie den Weg in das Frankfurter Zentrum für Eß-Störungen fand, wo ihr nach einem ausführlichen Gespräch eine Therapeutin vermittelt wurde.

          Ihr Freund ist der einzige Mensch, der von Anfang an von der Bulimie wußte. Vor Freunden, Lehrern, Eltern und der Schwester hatte sie mit allen nur erdenklichen Tricks gearbeitet, damit niemand etwas merkte von ihren Eß-Brech-Anfällen, das Radio laut aufgedreht im Bad oder das Wasser in der Dusche laufen lassen. Sie verdrückte sich zum Erbrechen ins Fitness-Studio oder ging, ausgerüstet mit Papiertaschentüchern und Kaugummi, in den Wald zum Joggen.

          Tatsächlich blieb der Mitwelt die Erkrankung lange verborgen, und noch immer möchte die Neunzehnjährige nicht, daß jeder ihre Abgründe kennt. Vor allem ihrer Mutter zuliebe, die sich große Vorwürfe macht, sie habe das besinnungslose Hineinstopfen von Essen ihrer Tochter mit verschuldet, möchte sie ihren richtigen Namen nicht preisgeben. Lara Gerlach (Name von der Redaktion geändert) ist eine außergewöhnlich attraktive Frau, und sie ist beneidenswert schlank. Wie viele junge Frauen trägt sie bauchfrei, was hübsch aussieht bei ihr. Und wenn Lara lächelt, hat sie wunderbare Grübchen. Heute kann sie wieder lächeln. Manchmal erscheint ihr das allerdings wie ein Wunder.

          Lara will sich gar nicht mehr bewußt machen, welche Berge an Nudelgerichten mit viel Sauce, Schokoküssen, Waffeln, Pizzen, Pudding und Fischkonserven sie durcheinander herunterschlang, manchmal drei Stunden ohne die geringste Pause, bis sie sich vor Schmerzen nicht mehr halten konnte. Hauptsache, die Lebensmittel waren schön fett. "Man bekommt ein Gefühl dafür, was sich gut wieder herausbrechen läßt. Was nicht, das wird nicht angerührt, Gummibärchen zum Beispiel", sagt sie.

          Wie oft hatte sie den Mut verloren, nicht mehr an sich und vor allem nicht daran geglaubt, daß sie jemals ein Leben ohne Freßattacken und anschließendes Erbrechen würde führen können. Ein Leben ohne die ständige Angst, dabei ertappt zu werden und Ausreden erfinden zu müssen. Die Anfänge ihrer Erkrankung reichen weit in die Kindheit zurück. Schon bei der Einschulung fühlte sie sich im Vergleich zu anderen Mädchen wie ein Rollmops. "Ich hatte Komplexe. Und ich hatte nie wirklich ein gesundes Verhältnis zum Essen." Lara dachte immer, daß sie zuviel esse. Und natürlich, daß sie zu dick sei. Sie wollte sich mäßigen, Reste auf dem Teller lassen oder Diät halten. Aber sie konnte sich nicht beherrschen. Irgendwann kam sie auf die Idee, die Kalorienaufnahme durch Herausbrechen quasi ungeschehen zu machen. Am Anfang beschränkten sich die Orgien auf wenige Tage in der Woche. Und Lara glaubte, die Sache unter Kontrolle zu haben. Da hatte sie noch eine gewisse Blockade, wenn sie sich vor die Kloschüssel kniete. Aber schleichend verlor sie alle Skrupel und jeden Überblick, verbrachte ganze Nachmittage mit Völlerei und Erbrechen im Wechsel, wenn niemand zu Hause war.

          Ihre Gedanken drehten sich nur noch darum, wann und wo sie heimlich fressen und wo sie das Ganze wieder heimlich hinausbefördern kann. Perfekt war in dieser Hinsicht das Tennistraining in der Halle drei bis vier Mal pro Woche. Außer ihr und dem Trainer war dann niemand da. Und der Trainer stand auf dem Platz, wenn sie speien ging. Sie führte ein Doppelleben mit ständigen Schuldgefühlen, das sie manchmal kaum mehr aushielt und in schwere Depressionen stürzte. Weil sie dran kaputtzugehen drohte, ergriff sie von sich aus die Initiative und suchte professionelle Hilfe.

          Weitere Themen

          Einbruch der Gewalt

          Charlie-Hebdo-Anschlag : Einbruch der Gewalt

          Der französische Journalist und Schriftsteller Philippe Lançon hat am 7. Januar 2015 in Paris das Attentat auf „Charlie Hebdo“ überlebt. Und er hat um sein Leben geschrieben: „Der Fetzen“ heißt sein beeindruckendes Buch.

          Topmeldungen

          Chinas Staatschef Xi Jinping während seines Italien-Besuchs in Palermo, Sizilien

          Xi Jinping in Europa : Keine Angst vor Chinas Stärke

          Beeindruckt vom rasanten Aufstieg der Volksrepublik orientiert sich der deutsche Wirtschaftsminister Altmaier nun an Fernost. Das ist keine gute Idee. Unsere Kolumne „Hanks Welt“.

          Gerüchte in London : Kabinett plant angeblich Putsch gegen May

          Theresa May verliert wegen ihres Brexit-Kurses offenbar in den eigenen Reihen an Rückhalt. Mehrere Zeitungen berichten, ihre eigenen Minister wollten die Regierungschefin aus dem Amt drängen. Mögliche Nachfolger ständen schon bereit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.