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Bürgerinstitut Frankfurt : Mehr Hilferufe von Senioren

  • -Aktualisiert am

Agil: Petra Becher ist die Geschäftsführerin des Bürgerinstituts und suchte schnelle Lösungen für die Betreuung von Senioren in der Corona-Krise. Bild: Marina Pepaj

Das Bürgerinstitut Frankfurt steht in der derzeitigen Situation vor vielen Herausforderungen. Immer mehr Senioren sind auf Hilfe angewiesen. Doch die Einrichtung hat in der Krise einen Vorteil.

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          Als die Pandemie Frankfurt erreichte, fragte sich Petra Becher: Was jetzt? Sie musste handeln. Becher ist die Geschäftsführerin des Bürgerinstituts, eines gemeinnützigen Vereins, der Senioren unterstützt und ehrenamtliches Engagement fördert. Zum Beispiel mit ambulanten Angeboten wie einer Hospizbegleitung und Besuchen bei Älteren oder Kooperationen mit dem Historischen Museum für ein „Erinnerungscafé“, in dem sich Demenzkranke über ihre Vergangenheit austauschen. Die Klienten des Bürgerinstituts sind also meist Menschen, die doppelt von der Corona-Krise und den Einschränkungen des öffentlichen Lebens betroffen sind: Sie gehören zur Risikogruppe. Und sie sind ohnehin schon einsam und leiden nun stark unter den Kontaktbeschränkungen.

          Das Angebot des Bürgerinstituts fiel von einem auf den anderen Tag weg. Keine Besuche mehr, keine Treffen im modernen Bau am Rothschildpark. Dort sitzt Becher an einem Maitag in einem Raum mit Blick ins Grüne und sagt: „Wo wir hier sitzen wäre normalerweise der Teufel los, weil wir hier einen offenen Seniorentreff betreiben.“

          Becher und ihr Team wollten schnelle Antworten – denn sie werden gebraucht, um die älteren Menschen zu unterstützen, die sich auf das Angebot des Vereins verlassen. Viele von ihnen leben allein. Sie haben Vorerkrankungen, wenige soziale Kontakte. Die Treffen im Bürgerinstitut sind ihnen wichtig. Becher sagt, dass es immer mehr Hilferufe von Senioren gebe, seit die Pandemie-Maßnahmen gelten. Die Einrichtung hatte in der Krise jedoch einen Vorteil: „Wir sind eine kleine Truppe, wir können schnell agieren.“

          Zuerst riefen die 17 Mitarbeiter und rund 250 Ehrenamtlichen fast alle der 5000 Senioren an, die im Jahr Kontakt zum Bürgerinstitut haben. Sie wollten erfahren, wie es den Menschen geht, was sie belastet und was sie brauchen. „Der Bedarf zeigt sich im ersten Moment nicht, da die Klienten sich eher zurückziehen. Aber unsere Sozialarbeiter wissen schon genau, was da so los ist“, sagt Becher. „Da ruft man zum Beispiel eine Seniorin an, die normalerweise zum Spieletreff kommt, und fragt, wie es so geht, dann heißt es erst mal: Ach, gut. Alles schön“, berichtet Becher. Man frage weiter: Und der Balkon? – Ja ja. – Und im dritten Satz komme dann so langsam die Wahrheit raus: „Eigentlich ist alles ganz furchtbar. Keiner redet mit mir. Und ich komm nirgendwo hin. Der Kühlschrank ist leer, aber ich trau mich nicht, einkaufen zu gehen.“

          Videoberatung für Senioren und Angehörige

          Es fällt den Senioren nicht leicht, um Hilfe zu bitten. Aber die Mitarbeiter finden raus, was sie benötigen. In den vergangenen Wochen haben sie Masken organisiert, Einkäufe gedeichselt und ein offenes Ohr für die Ängste der Älteren gehabt. Sie bieten auch Videoberatungen an, vor allem für Angehörige. Eine eigene Plattform, auf der sie hilfsbereite Menschen mit Senioren zusammenbringen, wollten sie aber nicht aufziehen. Zu groß war Bechers Angst, dass unehrliche Menschen, die das Bürgerinstitut kaum überprüfen kann, sich das Vertrauen von den Hilfsbedürftigen erschleichen und sie ausnutzen, berauben oder Schlimmeres.

          Seit einiger Zeit laden die Sozialarbeiter die Besucher aber auch wieder ins Bürgerinstitut ein – einzeln, mit Termin, hinter Plexiglasscheiben wird dann geredet und beraten. Zum Beispiel zu Demenzerkrankungen oder Vorsorge. In der Pandemie erkundigen sich die Menschen laut Becher verstärkt nach Testamenten oder Pflegevollmachten.

          Nachfrage um 20 Prozent gestiegen

          Die Beratung ist derzeit sehr gefragt. Um etwa 20 Prozent sei die Nachfrage gestiegen, seit das Coronavirus den Alltag bestimmt. Doch zugleich sind die Einnahmen durch Spenden um etwa die gleiche Prozentzahl gefallen.

          Das Bürgerinstitut ist eine private Einrichtung, es finanziert sein Angebot nur über Spenden. Das stellt eine Herausforderung dar: „Freie private gemeinnützige Einrichtungen wie unsere zeichnet aus, dass sie keine staatliche Quersubventionierung bekommen“, sagt Becher. Auch könnte sie gut mehr Ehrenamtliche gebrauchen. Viele Helfer sind nämlich selbst Teil der Risikogruppe; im Schnitt liegt das Alter der Ehrenamtlichen bei 55 Jahren. Wer sich engagieren will, muss sich fortbilden lassen und Zeit mitbringen – und ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis. Wie das Bürgerinstitut das vergrößerte und personalintensive Angebot finanziell ausgleichen will, weiß Becher noch nicht. Zuerst geht es ihr darum, dass der Laden weiterläuft. Denn sie merkt jeden Tag, dass das Angebot gebraucht wird.

           

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