https://www.faz.net/-gzg-8yn1j

Buchhandel : Weniger Leser kaufen mehr und teurere Bücher

Buch und Käufer: Leser bei Hugendubel in Frankfurt Bild: Frank Röth

Die Buchhandlungen in der Region zeigen sich trotz geringeren Kundeninteresses zufrieden mit dem Geschäft. Das hat auch etwas mit dem Standort zu tun.

          3 Min.

          „Plötzliche Regenfälle können zum Betreten einer Buchhandlung zwingen“, beobachtete der große Humorist Loriot. In dieser Hinsicht war das vergangene Jahr ein recht trockenes, verzeichnete der deutsche Buchhandel doch in fast allen Monaten einen Rückgang der Kundenfrequenz und daher auch sinkende Käuferzahlen. Ausnahmen waren nur der März und der November 2016, wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gestern in Frankfurt berichtete. Trotzdem konnten die Buchhandlungen und Verlage bei einem Gesamtumsatz von 9,276 Milliarden Euro ein Umsatzwachstum von einem Prozent verzeichnen, weil zwar die Zahl der Käufer von 33,1 Millionen im Jahr 2015 auf 30,8 Millionen im Jahr 2016 sank, diese aber sowohl mehr als auch teurere Bücher erwarben.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Durchschnittlich kauften die Kunden 12,2 Bücher im vergangenen Jahr (11,5 Bücher im Jahr 2015) und gaben dafür insgesamt 134,29 Euro (122,78 Euro im Jahr 2015) aus. „Es gibt einen Trend zum wertigeren Buch“, sagte Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, der auch in seinen eigenen Buchhandlungen die Erfahrung machen konnte, dass Leser für schön gestaltete Bücher gern etwas tiefer in die Tasche greifen, während das Geschäft mit aus der Preisbindung genommenen Titeln, das moderne Antiquariat, sogar rückläufig sei. Die Beobachtungen des Börsenvereins werden von Buchhändlern in der Rhein-Main-Region geteilt, allerdings mit unterschiedlichen Gewichtungen. So berichtete etwa die an der Hauptstraße in Königstein gelegene Millennium-Buchhandlung zwar von weniger Kundenverkehr, doch würden die verbliebenen Kunden ordentlich kaufen.

          Buchhandlungen können vom Onlinegeschäft profitieren

          Auch sehr teure Bücher. „Wir sind hier ja eine Insel der Seligen“, spielt eine der Verkäuferinnen auf die wohlhabende Klientel in der Stadt an, die den Empfehlungen der Feuilletons und weniger möglichen Preisgrenzen folge. Der Kaufkraftindex in Offenbach ist zwar um einiges geringer als in Königstein, was aber auch Bücherfreunde in der Lederstadt nicht abhält, etwa im am Wilhelmsplatz gelegenen Buchladen am Markt für aufwendig gestaltete Bücher etwas mehr Geld auf den Tisch zu legen. „Wir sind ja Partnerbuchhandlung der Büchergilde Gutenberg, die großen Wert auf Gestaltung und Verarbeitung legt. Unsere Kunden wissen darum und schätzen wertige Bücher. Außerdem sitzt in Offenbach die Hochschule für Gestaltung. So ist in der Stadt eine grundsätzliche Wertschätzung da“, meint ein Mitarbeiter des Buchladens, der kein schwindendes Kundeninteresse verzeichnet.

          Sogar über wachsende Kundenzahlen freut sich die kleine Buchhandlung Eselsohr im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Das in der Straße Am Weingarten gelegene Geschäft hat sich auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert und ist im vergangenen Jahr vom Bundesministerium für Kultur und Medien mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet worden. „Wir haben mehr Kunden, und die kaufen auch mehr Bücher, während das Geschäft mit Spielzeug, das wir ja auch anbieten, zurückgegangen ist“, sagt eine Mitarbeiterin. Allerdings spielten im Segment Kinder- und Jugendliteratur hochpreisige Bücher keine Rolle. „Allenfalls für Märchenbücher wird etwas mehr ausgegeben. Viele Kinderbücher dienen ja als Geschenk bei Geburtstagen, da gibt es schon Grenzen“, hat die Buchhändlerin beobachtet, die sich auch zufrieden über das Online-Geschäft äußert, das für viele deutsche Buchhandlungen mittlerweile zum Angebot gehört.

          Kundenbindung und Multi-Channel-Strategie

          Die Kunden nutzten die Möglichkeit rege, sich gewünschte Titel ins Eselsohr liefern zu lassen und dort abzuholen. Internethändler wie Amazon schrecken die kleine Buchhandlung daher nicht: „Die Kunden schauen bei Amazon und bestellen dann bei uns“, freut man sich in Bockenheim. Andere Erfahrungen mit dem Internetriesen hat Jutta Wilkesmann von der auf Krimis spezialisierten Buchhandlung Die Wendeltreppe an der Brückenstraße im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen gemacht. Ein Nachbar bestellt nämlich Bücher bei Amazon und lässt die Päckchen ausgerechnet in dem Buchgeschäft hinterlegen, wie die Buchhändlerin berichtet. Über solche Skurrilitäten auf einem im Wandel begriffenen Markt schüttelt sie den Kopf. Obwohl an einer attraktiven Straße in einem als angesagt geltenden Stadtquartier gelegen, hat die Buchhandlung nach Wilkesmanns Worten ein nachlassendes Kundeninteresse zu verzeichnen.

          Auch würden die verbleibenden Kunden nicht mehr und vor allem auch keine hochpreisigen Bücher kaufen. „Teure Kunstbände oder Coffee-Table-Bücher führen wir fast gar nicht mehr. Auch Kochbücher und selbst Jugendliteratur haben wir kaum noch im Sortiment“, sagt die Händlerin, die sich auf ein Stammpublikum verlassen kann, das sich nur zu gern über spannende Krimi-Neuerscheinungen von den Spezialisten Jutta Wilkesmann und Hildegard Gansmüller unterrichten lässt. Diese Kundenbindung ist nach Meinung des Börsenvereins das große Plus der Buchhandlungen, von denen viele die Vorzüge des Einkaufs am Ort und des Online-Einkaufens aus einer Hand anbieten könnten und mit ihrer Multi-Channel-Strategie auch beispielhaft für den Einzelhandel seien. Gelegentliche Regenfälle dürften der Branche trotzdem nicht schaden.

          Weitere Themen

          Gut bezahlte Nebenrolle

          FAZ Plus Artikel: Feldmann und die Kita-Affäre : Gut bezahlte Nebenrolle

          Als Zübeyde Temizel noch am Konzept für eine Kita in Wiesbaden gearbeitet haben soll, besichtigte Peter Feldmann schon die „Dostluk“-Baustelle in Frankfurt. Und das ist längst nicht die einzige Ungereimtheit in der Sache.

          Topmeldungen

          Klärungsbedarf: Zübeyde und Peter Feldmann am Abend der Wiederwahl des Oberbürgermeisters

          Feldmann und die Kita-Affäre : Gut bezahlte Nebenrolle

          Als Zübeyde Temizel noch am Konzept für eine Kita in Wiesbaden gearbeitet haben soll, besichtigte Peter Feldmann schon die „Dostluk“-Baustelle in Frankfurt. Und das ist längst nicht die einzige Ungereimtheit in der Sache.
           Smog hängt über den Dächern von Rom

          Fahrverbote in Rom : Anti-Diesel-Politik ohne Nutzen

          Während in Deutschland noch gestritten wird, macht die Bürgermeisterin von Rom Nägel mit Köpfen: Sie verhängt Fahrverbote für Diesel. Echte Umweltsünder dürfen dagegen weiter in die Stadt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.