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Boxen für Manager : Wehr dich, schlag zurück!

Sich zu wehren, sollen verunsicherte Manager beim Box-Coaching lernen Bild: ddp

„Na los, schlagen Sie mich!“, fordert Kai Hoffmann seinen Gegenüber auf. Zu ihm kommen Investmentbanker, für die der Lebenszweck bisher die Boni waren. Er holt verunsicherte Manager in den Boxring. „Psychoanalytisch orientiertes Boxtraining“ nennt er seine Methode.

          Die Rolex, der Jeep oder die nächste Weltreise haben als Drogen ausgedient. Jetzt in der Wirtschaftskrise fragen bisher Erfolgsverwöhnte nach einem tieferen Sinn ihres Daseins. Zu Kai Hoffmann kommen Investmentbanker, für die der Lebenszweck bisher die Boni waren. Früher starrte mancher auch noch nachts auf den Bildschirm und wartete auf Überweisungen. Mit dem jähen Absturz der Branche ist für viele das Selbstbild ins Wanken geraten. Plötzlich, so sagt Hoffmann, müssen sie sich neu definieren.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sich am eigenen Schopf aus der Krise zu ziehen ist nicht einfach. „Der beste Friseur kann sich nicht selbst die Haare schneiden“, sagt Kai Hoffmann. Nein, dies ist die Stunde, da auch scheinbare Dauersieger, für die es immer nur nach oben gegangen ist, zuweilen Hilfe brauchen. Doch wer ist der richtige Helfer? Kollegen, Freunde, Ehepartner? Alle meinen sie es gut - aber alle sind sie in der Regel befangen. Ein Coach, dies nimmt Kai Hoffmann für sich in Anspruch, ist emotional nicht gebunden. Er besitzt den „fremden Blick“ und die nötige Neutralität, um Strukturen zu erkennen, die anderen und vor allem dem Klienten selbst häufig verborgen bleiben.

          „Na los, schlagen Sie mich!“

          Kai Hoffmann ist ein Coach mit einer besonderen Methode. Er lässt seine Klienten boxen. Nicht immer, aber immer wieder. Natürlich spricht er vor einem Box-Coaching jedes Mal ausführlich mit dem Kunden, der zu ihm kommt, weil er sich mit einem - meist beruflichen - Problem herumschlägt, das er alleine nicht zu meistern vermag. Der eine kann sich in seiner Bank nicht durchsetzen, der andere kann dem Killerblick seines Vorstandsvorsitzenden nicht standhalten. Ein Coach ist freilich kein Psychoanalytiker: Er lässt seinen Klienten nicht in Freudscher Manier tief in der Vergangenheit graben, um etwa frühkindliche Sexualgefühle als Wurzel von Störungen freizulegen. Ein Coach wie Kai Hoffmann geht pragmatisch vor nach dem Motto: Wenn du durch einen Wald musst, brauchst du nicht alle Bäume zu fällen, sondern nur eine Bresche zu schlagen.

          „Na los, schlagen Sie mich!“, fordert Kai Hoffmann denn auch in wörtlich gemeintem Sinne gerne einen Klienten beim Box-Coaching im Neu-Isenburger Studio „Seishin“ auf. „Psychoanalytisch orientiertes Boxtraining“ nennt er seine Methode, über die er sogar vor vier Jahren ein Buch geschrieben hat: „Boxen & Managen“, erschienen im Econ-Verlag. „Schlagen Sie zu!“, ruft Kai Hoffmann einem Generalvertreter einer großen Versicherung zu, der mit ihm im Ring steht. Doch der Mann hat einfach eine Schlaghemmung. Das ist sein Problem - nicht nur im Boxring, sondern auch in seinem Berufsleben.

          „Jeder Mensch boxt so, wie er psychisch gestrickt ist“

          Wer boxt, kann getroffen werden, weiß der frühere Berufsboxer Sven Ottke. Im Boxring geht es zu wie im wahren Leben. Der Boxer hat genauso Angst vor einem Treffer wie ein Mensch im Alltag. Der Boxer aber, so sagt Ottke, lernt, sich seiner Angst zu stellen. Und er lernt dabei gleichzeitig, wer er ist. Womit wir wieder beim verunsicherten Investmentbanker sind, der sich neu finden muss.

          Boxen ist nicht einfach nur Boxen. Das hat Kai Hoffmann in den 25 Jahren gelernt, in denen er schon im Ring steht. „Jeder Mensch boxt so, wie er psychisch gestrickt ist“, hat der studierte Philosoph und Psychoanalytiker herausgefunden. Beim Boxkampf kann niemand lügen, weiß er. Wer vor einem Gegner steht, muss schnell handeln und verhält sich eindeutig - wie es ihm seine psychische Prägung vorgibt. Er zeigt sich, so hat Kai Hoffmann es unzählige Male erlebt, unverfälscht.

          Die Schlaghemmung des Versicherungsmanagers - sie hat eine tiefere Ursache. Sein Vater, eine dominante Persönlichkeit, hat ihn als Sohn in einen Beruf getrieben, den er nicht wirklich ergreifen wollte. Wie er dem Konflikt mit dem Vater immer aus dem Weg gegangen war, so ging er später im Beruf den Konflikten aus dem Weg. Hier im Ring kann er diese verinnerlichte Strategie nicht durchhalten. Jetzt muss er sich verteidigen, gegenhalten, sich wehren. „Zurückschlagen“ und „sich durchsetzen“ lautet für ihn die Erfolgsformel. Im Ring soll er sie lernen, im Leben anwenden.

          In unübersichtlichen Situationen Gelassenheit üben

          Aber muss er diese Lektion ausgerechnet beim Boxen lernen? Genügt es nicht, wenn ihm ein Freund oder eben ein Coach sagt: „Du musst zurückschlagen, wenn du attackiert wirst“? Nein, es genügt nicht, sagt Kai Hoffmann. Zumindest in vielen Fällen nicht. Denn gesagt ist nicht unbedingt gelernt. Beim Boxen dagegen befindet sich ein Klient in einer Extremsituation - die er nicht so leicht vergisst wie ein Gespräch. Wenn die Nerven aufs Äußerste gespannt sind, die Angst einen zu übermannen droht, wenn ein notorisch Ängstlicher seine Angst überwindet, ein jähzornig Unbeherrschter seinen Zorn kanalisiert, ein blind Aggressiver seine Aggression in den Griff bekommt und in eine vernünftige Richtung lenkt, gräbt sich diese Erfahrung tief in das Gedächtnis und vielleicht sogar ins Unbewusste ein. „Die Weisheit unserer körperlichen Energien ist eine andere als die Weisheit unseres rationalen Wissens“, sagt Kai Hoffmann.

          Was man lernt im Ring? Zum Beispiel die Kunst, in unübersichtlichen Situationen Gelassenheit zu üben und im unkontrollierbaren Chaos sein inneres Lot zu finden. Beim Boxen leben Persönlichkeitsanteile in uns auf, die sonst nicht zur Entfaltung kommen können. Insofern ist jede Runde im Boxring eine Runde Selbsterfahrung. „Dort, wo die Angst ist“, sagt denn auch der Box-Coach Kai Hoffmann, „dort entwickelst du dich.“

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