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Bombe in Frankfurt : „Bei manchen kommen Kriegserinnerungen hoch“

  • -Aktualisiert am

Ungewohnte Leere: Die A 648 war während der Bombenentschärfung gesperrt. Bild: Tom Wesse

Lange ist unklar, wie und wann die Bombe im Frankfurter Stadtteil Bockenheim unschädlich gemacht werden kann. Am Ende geht es ganz schnell.

          3 Min.

          Für einen Ausflug zum Frankfurter Stadtwald ist es ziemlich kalt. Es sind fünf Grad, die Sonne ist erst vor wenigen Minuten aufgegangen. Aber das Ehepaar Lattemann hat diesen Plan trotzdem gefasst – denn ihr Zuhause müssen die beiden an diesem Mittwoch bis 9 Uhr auf unbestimmte Zeit verlassen. Acht Stunden später wird die Feuerwehr bekannt geben, dass alles gut gelaufen ist: Die 500 Kilogramm schwere, 1,40 Meter lange Weltkriegsbombe mit einem Durchmesser von 35 Zentimetern, die bei Bauarbeiten in Bockenheim gefunden worden war, konnte entschärft werden. Doch am Morgen liegt Anspannung in der Luft: 20 000 Anwohner müssen sich in Sicherheit bringen.

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Für all jene, die nicht zu Freunden oder Verwandten gehen können, hat die Stadt die Ballsporthalle in Unterliederbach zur Verfügung gestellt, insgesamt 300 Menschen kommen an diesem Mittwoch dort unter. Für die Lattemanns kommt das nicht infrage: „Keine Massenunterkunft, das will ich nicht in der Corona-Zeit“, sagt Manfred Lattemann. Die Eheleute sind evakuierungserprobt, mehrmals in den vergangenen Jahren mussten sie ihre Wohnung wegen einer Bombenentschärfung verlassen. „Ist halt so, was soll man machen?“, sagt Karin Lattemann. „Wir wohnen hier schon 55 Jahre.“

          „Ich habe Plan B dabei“

          Rund um die Fundstelle nahe dem Katharinenkreisel hat die Polizei eine Sperrzone mit einem Radius von einem Kilometer eingerichtet. Davon ist auch die A 648 betroffen, die stadteinwärts ab dem Westkreuz gesperrt wird, und der öffentliche Nahverkehr im Evakuierungsgebiet.

          An der Straßenbahnhaltestelle Leonardo-da-Vinci-Allee drängen sich an diesem Morgen die Leute, viele von ihnen tragen oder ziehen Gepäck. „Ich gehe zur Arbeit“, sagt eine Frau. „Aber ich habe Plan B dabei.“ Sie deutet auf eine zusätzliche Tasche. Nach Einschätzung von Hoteldirektor Andreas Kriener ist auf der Straße mehr los als sonst. Sein Best-Western-Hotel liegt an der Haltestelle, nur wenige Meter vom Fundort der Bombe entfernt. Bis 8.30 Uhr müssen die Gäste ihre Zimmer räumen. Unverständnis habe niemand gezeigt, sagt Hotelmitarbeiterin Manuela Tammen. „Manche waren ein bisschen nervös.“

          Raus aus der Wohnung – aber für wie lange? Das wusste am Mittwochmorgen niemand der 20.000 betroffenen Anwohner.
          Raus aus der Wohnung – aber für wie lange? Das wusste am Mittwochmorgen niemand der 20.000 betroffenen Anwohner. : Bild: Michael Braunschädel

          Im Sperrgebiet liegt auch ein Pflegeheim, dessen Bewohner in Sicherheit gebracht werden müssen. Wie der Leiter der Einrichtung, Hans-Hermann Rieck, sagt, werden die Menschen in einem ehemaligen Hotel einquartiert, das die Johanniter in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ umgerüstet hätten. Insgesamt wohnen mehr als 200 Menschen in dem Heim, etwa 40 seien privat untergekommen. 15 Bewohner müssen liegend in das Hotel gebracht werden, die anderen werden in Bussen gefahren.

          Die Stimmung im Haus vor der Evakuierung erinnere an einen „Klassenausflug“, sagt Rieck. „Die ist gut, die ist gelöst.“ Man habe vorher viel mit den Menschen über die Situation gesprochen. Im Hotel gebe es auch Notfallseelsorger: „Bei manchen kommen Kriegserinnerungen hoch.“ Insgesamt bringen Hilfsorganisationen und Feuerwehr an diesem Tag mehr als 280 bewegungseingeschränkte Menschen in Sicherheit. 600 Einsatzkräfte aus mehreren Landkreisen sind an der Evakuierung beteiligt.

          Beim Ausflug auf unbestimmte Zeit darf auch das Kuscheltier nicht fehlen.
          Beim Ausflug auf unbestimmte Zeit darf auch das Kuscheltier nicht fehlen. : Bild: Michael Braunschädel

          Auch Aysen Hartings, die an der Haltestelle auf die Straßenbahn wartet, wühlt der Bombenfund auf. „Nach so vielen Jahren leiden wir unter den Folgen dieses Krieges“, sagt die Seniorin. „Egal, welche Religion, welches Land: Der liebe Gott hat uns die Welt gegeben, aber keine Grenzen. Wer hat das Recht, wegen Grenzen Menschen umzubringen? Niemand! Wer sich dieses Recht nimmt, der hat nicht alle Tassen im Schrank.“

          Auf dem Weg zum Bus: Bewohner eines Heims werden in Sicherheit gebracht.
          Auf dem Weg zum Bus: Bewohner eines Heims werden in Sicherheit gebracht. : Bild: Michael Braunschädel

          Bis zum Nachmittag bleibt unklar, wie und wann die Bombe unschädlich gemacht wird. Für eine mögliche Sprengung hat die Feuerwehr große Mengen an Wasser und Sand bereitgestellt. „Man will, dass die Splitter möglichst wenig weit fliegen“, erklärt ein Feuerwehrsprecher. Der Kampfmittelräumdienst muss einen der beiden Zünder der Bombe zunächst mit einer Spezialmaschine vom Dreck befreien – das geht erst, sobald das Gebiet vollständig evakuiert ist. Doch die Transporte mehrerer Pflegepatienten aus privaten Wohnungen halten die Entschärfer auf, sie waren nicht angemeldet worden. Laut Feuerwehr weigern sich zudem einzelne Menschen, das Sperrgebiet zu verlassen. Um die letzten Verbliebenen zu finden, kommt auch ein Polizeihubschrauber zum Einsatz.

          Der zweite Zünder war das Problem

          Erst gegen 14.15 Uhr, mehr als zwei Stunden später als geplant, können die Bombenentschärfer mit der Arbeit beginnen. Gegen 16 Uhr ist klar: Die Bombe wird entschärft. „Ein Zünder wurde aus der Bombe entfernt“, sagt ein Feuerwehrsprecher. „Das ist wie ein kleiner Sprengsatz, der zerstört werden muss.“ Wenige Minuten später meldet sich die Feuerwehr auf Twitter: „Wir haben gute Nachrichten! Die Entschärfung war erfolgreich. Die Absperrungen werden in Kürze aufgehoben.“

          Die Bombe nach der Entschärfung: Sie ist 1,40 Meter lang und hat einen Durchmesser von 35 Zentimetern.
          Die Bombe nach der Entschärfung: Sie ist 1,40 Meter lang und hat einen Durchmesser von 35 Zentimetern. : Bild: Regierungspräsidium Darmstadt

          Ganz so leicht beschreibt der für die Bombenentschärfung verantwortliche Mann das Vorgehen seines Teams nicht. Es ist inzwischen früher Abend, Alexander Majunke steht auf dem Parkplatz des Stadions am Brentanobad und hat einen langen Tag hinter sich. „Alles hat nach unseren Vorstellungen geklappt“, bilanziert er. Das Problem sei der zweite Zünder der Bombe, der Heckzünder, gewesen. Im Gegensatz zum Kopfzünder habe er erst dann wissen können, um welchen Zünder es sich genau handele, nachdem er diesen vom Dreck befreit habe.

          Plan A sei zwar von Anfang an die Entschärfung der Zünder von Hand gewesen – Plan B aber die Sprengung, je nach Art des zweiten Zünders. Nach der Identifikation folgte die eigentliche Entschärfung: „Der Grundgedanke war, den Zünder auszubauen, um die Sprengung zu umgehen.“

          Nach dem Ausbau habe er die beiden Zünder an Ort und Stelle unschädlich machen müssen, weil sie nicht transportfähig gewesen seien. Ob er sich zwischendurch Sorgen gemacht hat, dass etwas nicht klappen könnte? „Das ist eine unschöne Frage“, sagt Majunke und lacht. Mehr will er dazu nicht sagen.

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