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Börnepreis : Daniela Dahn traut dem Westen nicht

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Am Anfang war Marcel Reich-Ranicki - er hat 1993 Joachim Kaiser zum ersten Träger des Ludwig-Börne-Preises ausgewählt. Bekannte Namen folgten: Frank Schirrmacher bestimmte Rudolf Augstein, Rachel Salamander ...

          Am Anfang war Marcel Reich-Ranicki - er hat 1993 Joachim Kaiser zum ersten Träger des Ludwig-Börne-Preises ausgewählt. Bekannte Namen folgten: Frank Schirrmacher bestimmte Rudolf Augstein, Rachel Salamander sprach sich für Hans-Magnus Enzensberger aus, Bundesaußenminister Joseph Fischer entschied sich im vergangenen Jahr für George Steiner. Und jetzt Jorge Semprun, der große spanische Autor, dessen autobiographischer Roman "Die große Reise" im überfüllten Viehwaggon ins Konzentrationslager Buchenwald auf immer Gültigkeit besitzt, der 20 Jahre im kommunistischen Untergrund gearbeitet hat und zum Dank aus der KP Spaniens ausgeschlossen wurde, der auch als spanischer Kulturminister, der er 1988 unter dem Sozialisten Felipe Gonzales geworden war, weiterhin ein eigenwilliger Kopf blieb, ein entschiedener Befürworter des Nato-Beitritts Spaniens etwa. Wen würde wohl der unberechenbare Jorge Semprun, vom Vorstand der Ludwig-Börne-Stiftung in diesem Jahr mit dem Jurorenamt betraut, herausheben?

          Daniela Dahn heißt die Auserwählte, am Sonntag vormittag nahm sie in der Paulskirche die mit 20000 Euro dotierte Auszeichnung vom Stiftungsvorsitzenden Michael Gotthelf entgegen. Daniela Dahn? Die Mehrzahl der Gäste, diese Behauptung sei gewagt, hat noch nie etwas von der Ost-Berliner Autorin gehört, geschweige denn gelesen - mit Ausnahme vermutlich der angereisten PDS-Größen, dem Parteivorsitzenden Lothar Bisky und dem Möchtegern-Parteivorsitzenden Diether Dehm.

          Denn Daniela Dahn faßt in ihren Essays in einer literarisch-scharfen Sprache zusammen, was Ostalgiker von der SED-Nachfolgepartei gerne Kolonialisierung des Ostens durch den Westen nennen. Für manchen gilt sie deshalb als "Stimme des Ostens", was wohl der Grund dafür ist, daß die PDS sie 1998 als parteilose Kandidatin für das Amt einer Laienrichterin beim Verfassungsgericht Brandenburg vorschlug, was aber an der SPD-Landtagsfraktion scheiterte, die keine Person über die Landesverfassung wachen sehen wollte, die von der Republik als "finanzstalinistischer BRD" sprach.

          Warum der Juror Semprun in alleiniger Verantwortung - "meine Entscheidung, meine Wahl" - Daniela Dahn bestimmt hat? Weil sie seiner Meinung nach in der Tradition eines Börne, eines Edmund Husserl, eines Karl Jaspers steht, in der Tradition einer kritischen Denkschule in Deutschland, in der Tradition der kritischen Vernunft. Während für Börne die nationale Identität der Deutschen auf der Tagesordnung gestanden habe, für die beiden Philosophen Husserl und Jaspers die Verteidigung einer dem Nazismus trotzenden demokratischen Vernunft, tritt Daniela Dahn nach den Erkenntnissen Sempruns für eine radikale Neuordnung der Demokratie im vereinigten Deutschland ein. Was Semprun an Dahn gefällt, ist ihre nonkonformistische Haltung: "Schreiben heißt abweichen und rebellieren." Was ihn aber noch mehr fasziniert haben dürfte, ohne daß er es in seiner Laudatio ausdrücklich erwähnte, ist für ihn, den alten Antifaschisten, ihre Haltung zum Antifaschismus, der in der DDR zwar als Staatsideologie mißbraucht wurde, aber dennoch in Dahns Augen eine fortschrittliche Seite hatte, der beispielsweise die friedliche Revolution von 1989 vorbereiten half.

          Mehr als über Dahn hat Semprun in seiner Laudatio über Börne gesprochen, den "großen Patrioten", wie Frankfurts Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff in seiner Ansprache hervorhob, den von "titanenhaftem Mißmut" geprägten Revolutionär, wie die Schauspielerin Maria Furtwängler in ihrer kurzen Lesung Heinrich Heine zitierte. Von diesem Börne versteht Semprun gewiß mehr als von den Verhältnissen im vereinten Deutschland. Davon wiederum glaubt Daniela Dahn mehr zu verstehen, als was die veröffentlichte Meinung sonst so kundgibt. Das Verhältnis Ost-West ist ihr Lieblingsthema in ihren Büchern "Wir bleiben hier oder Wem der Osten gehört", "Westwärts und nicht vergessen" oder "In einem reichen Land. Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft" (zusammen mit Günter Grass und Johano Strasser).

          Zensur, von der man eigentlich glaubte, sie sei in Deutschland abgeschafft, findet in den Augen Dahns wie zu Börnes Zeiten statt - nur werden heute nicht Textstellen, sondern Finanzmittel gestrichen. Warum in den Ost-Ländern seit der Vereinigung all die neuen Straßen und Telefonleitungen gebaut wurden? Damit der Westen seine Waren dort besser absetzen kann: "Märkte schaffen ohne Waffen." Die Treuhand? So viel Mißwirtschaft habe es in der ganzen Zeit der DDR nicht gegeben. Die im Grundgesetz festgeschriebene soziale Verpflichtung des Eigentums? Ist nicht mehr gefragt. Die Parlamente, der Bundestag? Entmachten sich selbst. Die Außenpolitik? Wird von einer Tendenz zur Militarisierung beherrscht. Die EU-Verfassung? Birgt eine Verpflichtung zur Aufrüstung.

          Nicht gefragt hat Daniela Dahn: die PDS? Die hat sich am Sonntag gefreut über die neue Börnepreisträgerin, die zwar nicht Mitglied ist, aber so gesprochen hat, als ob sie es wäre. Bisky und Dehm sprangen am Ende nicht ohne Grund vor Begeisterung auf und applaudierten lange. HANS RIEBSAMEN

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