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Börne-Preis für Alice Schwarzer : Jetzt sind auch die Männer Feministen

Alice Schwarzer umarmt Laudator Harald Schmidt zum Dank Bild: Wonge Bergmann

Wir sind jetzt alle Feministinnen. Wie anders nämlich soll man es interpretieren, dass in der Paulskirche die Zuhörerschaft sich nach der feministischen Rede von Alice Schwarzer geschlossen zum Beifall erhoben hat?

          Wir sind jetzt alle Feministinnen. Feministen und Feministinnen, genauer gesagt. Wie anders nämlich soll man es interpretieren, dass am Sonntag in der Paulskirche die Zuhörerschaft sich nach der feministischen Rede von Alice Schwarzer geschlossen zum Beifall erhoben hat? Männlein und Weiblein?

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Von Petra Roth, der allen Emanzipationsbestrebungen von Entrechteten eher zugewandten Oberbürgermeisterin, hat man es erwarten können, außerdem fungiert sie bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises traditionell als Hausherrin der Paulskirche. Auch von der Schauspielerin Hannelore Elsner, die gestern aus Börnes Schriften vorlas. Etwas überrascht war man dagegen, dass auch die nicht gerade als Vorkämpferin der Frauenbewegung geltende CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach stehend der deutschen Oberemanze Applaus spendete.

          „Sturmgeschütz der Gleichberechtigung“

          Noch mehr erstaunt hat einen die Begeisterung der Herren für das „personifizierte Sturmgeschütz der Gleichberechtigung“, wie der Vorsitzende der Ludwig-Börne-Stiftung, Michael Gotthelf, die diesjährige Preisträgerin schneidig nannte und wie es auch in der Preisurkunde schwarz auf weiß geschrieben steht. Der frühere Oberbürgermeister Andreas von Schoeler, der einstige Stadtkämmerer Ernst Gerhardt und sogar Marcel Reich-Ranicki - sie sind allesamt jetzt Feministen. Alice Schwarzer hat, so muss man daraus folgern, wohl recht mit ihrer Bemerkung in der Dankesrede, dass der Feminismus schon lange allgegenwärtig sei.

          Allgegenwärtig zumindest in der besseren Gesellschaft einer Großstadt wie Frankfurt. Beim gemeinen Volk kann man sich da nicht so sicher sein, wahrscheinlich hat Frau Schwarzer deshalb vor einiger Zeit flächendeckend Werbung für die „Bild“-Zeitung gemacht, deren Leserschaft bisher mehrheitlich mehr die weiblichen Rundungen als die weiblichen Gedanken schätzt. Doch seit Schwarzers Auftreten für die Boulevard-zeitung zeigt diese deutlich weniger Busen und Strapse. Oder ist das ein Irrtum?

          Von einem Herrn kann man sich freilich nicht ganz sicher sein, ob sein zur Schau gestellter Feminismus auch wirklich ernst gemeint ist: Von Harald Schmidt. Der Entertainer hat Alice Schwarzer zur Preisträgerin erkoren, ganz eigenmächtig, denn die Statuten des Börne-Preises sehen einen vom Stiftungsrat jeweils neu bestimmten Juror vor, der allein entscheidet, wer die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung erhält. Dass er die „Emma“-Herausgeberin erkoren hat, ist natürlich keine Revanche gewesen dafür, dass Alice Schwarzer damals, 1998, die Laudatio gehalten hat, als Schmidt den Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache erhielt.

          Weil sie „nervt“ und „richtig hinlangt“

          Aber warum ist er dann auf Schwarzer gekommen, die mit dieser Auszeichnung in eine stolze Preisträger-Riege von Marcel Reich-Ranicki über Hans Magnus Enzensberger bis zu George Steiner tritt? Weil sie publizistisch „richtig hinlangt“, wie Schmidt in seiner äußerst amüsanten Lobrede sagte. Weil sie „nervt“. Weil sie, die „Ikone des Feminismus“, in den Augen Schmidts größer ist als der Feminismus in Deutschland.

          Aber ausgerechnet der Börne-Preis für eine Frauenrechtlerin? Wo doch Börne ein unverbesserlicher Chauvinist war, ein rechter Macho, der die Frauen nicht als ebenbürtige Wesen ansah? Sie, die Frauen, sollten weben und die Wunden heilen, die das Geschick den Männern schlägt, riet er einst. „Das Weib lebt nur, wenn es liebt“, wusste der sprachmächtige Publizist. „Es findet sich erst, wenn es sich in einen Mann verliert.“

          Alice Schwarzer ist gestern ungewöhnlich großmütig mit Börne verfahren. Sie hat ihn nicht als Frauenfeind beschimpft, sondern sie hat sich als Frau mit ihm solidarisiert. Ist es dem Juden Börne nicht so ergangen wie den Frauen? Ist nicht diesen beiden Menschengruppen, den Juden und den Frauen, jahrhundertelang das wahre Menschsein, das Menschenrecht abgesprochen worden? So sprach gestern die neue Trägerin des Börne-Preises in der Paulskirche. Wäre Ludwig Börne anwesend gewesen, er hätte sich gewiss auch zum begeisterten Applaus erhoben. Ein Feminist unter lauter Feministinnen und Feministen.

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