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Bloggerin macht Selbsttest : Ein Jahr ohne neue Kleidung

Mag es knallig: Hindi Kiflai auf dem Flohmarkt auf der Suche nach gebrauchter Kleidung. Ein Jahr lang will sie sich nichts neues anschaffen. Bild: Michael Kretzer

Hindi Kiflai trägt ein Jahr lang nur Kleidung aus zweiter Hand. Auf ihrem Internetblog lässt sie alle an dem Selbstversuch teilhaben. Der ist konsumkritisch, aber unverbissen.

          Es gab eine Zeit, da hatte Hindi Kiflai mehr als 100 Schuhe. 25, vielleicht 30 davon waren Chucks. Sie hatte weiße Chucks und schwarze Chucks, jeweils die Variante aus Leder und die aus Stoff. An diesem Punkt der Befüllung ihres Schuhschranks (ein riesiges Regal hinter einem Vorhang, die Treter von oben angeleuchtet), überlegte sie sich, dass sie noch ein Paar Chucks in monochromem Schwarz brauchen könnte, also das Modell des Turnschuh-Klassikers von Converse, bei dem nicht nur der Stoff, sondern auch die Sohle, die Plastikkappe und die Schnürsenkel schwarz sind. Man weiß ja nie.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie hat diesen Schuh dann nicht gekauft. Sie fand ein Modell, dass sie noch viel mehr wollte: einen Chuck aus schwarzem Jeansstoff mit offenen Nähten.

          2015 ist eine andere Zeit. In diesem Jahr will Hindi Kiflai, Frankfurterin, Hörfunkredakteurin, keine neue Kleidung kaufen. Stattdessen trägt sie jeden Tag ein anderes, aus Secondhandteilen zusammengestelltes Outfit. Sie lässt sich fotografieren und stellt die Fotos auf ihr Blog. „Es geht, und es geht total gut“, sagt sie über ihr Projekt und die Art, wie sie davon selbst ein bisschen überrascht ist, gibt den Ton an: Dailyrewind, so heißt das Projekt von Hindi Kiflai, ist eine Belehrung. Aber keine von oben herab.

          70 neue Kleidungsstücke im Jahr

          Seit 2010 haben die Deutschen jedes Jahr mehr Geld für Bekleidung ausgegeben, das zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. 76 Milliarden Euro waren es 2014, sieben Prozent mehr als 2010. „Wir haben alle mehr Kleidung, als wir brauchen, und auch mehr, als wir anziehen“, sagt Hindi Kiflai. Trotzdem kauft sich der Durchschnittsdeutsche im Jahr 70 neue Kleidungsstücke, das sagt Greenpeace. Insgesamt mache das zum Beispiel 100 Millionen Paar Jeans.

          Wir machen das, obwohl wir wissen, unter welchen Bedingungen die Stücke großer Modeketten hergestellt werden. Weil wir ziemlich gut darin sind, ein schlechtes Gewissen zu ignorieren? Weil wir, und lassen wir das „wir“ in diesem Fall ruhig weiblich und jung sein, suggeriert bekommen, man brauche dauernd neue Kleidung, sagt Hindi Kiflai. „Jacken trägt man jetzt kurz, Röcke lang, und bald ist es wieder andersherum.“ Die Kollektionen von H&M zum Beispiel „unterliegen nicht nur dem klassischen saisonalen Wandel, sondern erneuern sich im Laufe einer Saison beständig“, wie sie es bei dem schwedischen Textilhändler auf Nachfrage heißt. Zwölf Kollektionen sollen bei H&M im Jahr an den Start gehen. Das Unternehmen will keine konkreten Zahlen nennen, aber: zwölf! Das wäre jeden Monat eine. Ohne die sogenannten Zwischenkollektionen.

          Sie mag es knallig und ausgefallen

          Ein Samstagmorgen, Frankfurt, Schaumainkai. Es ist Flohmarkt, und Hindi Kiflai findet gleich etwas, das doof ist. „Das ist nur etwas für die ganz Harten“, sagt sie, und zeigt auf eine Reihe Wühltische. Ein Graus ist das für ein Auge, das gut angekleidete Schaufensterpuppen gewohnt ist, und muffig dazu. Aber wer einmal weiß, was einem steht, der findet sich schnell zurecht, sagt Hindi Kiflai, und greift wie nebenbei hier und da ein Teil heraus. Einen blauen Pulli mit weißen Punkten, der zu klein aussieht, es dann aber nicht ist. Ein goldenes Strickkleid, das sich dann als vermutlich neu herausstellt, weil das originale Preisschild noch daranhängt.

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