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Biografie : Oskar Schindler - Opportunist und Held

Szene aus „Schindlers Liste” Bild: dpa

In seiner Biographie zeichnet der amerikanische Historiker David Crowe ein nicht immer vorteilhaftes Bild des Judenretters Oscar Schindler. „Er war kein Good Guy“, beschrieb Crowe den frühen Schindler.

          4 Min.

          Wer war Oskar Schindler? Ein Hasardeur, ein Opportunist, ein Geschäftemacher - und ein Held. Der dies Urteil ausspricht, der amerikanische Historiker David Crowe, hat den Judenretter nicht persönlich gekannt, ist aber dennoch so tief in die Persönlichkeit dieses seltsamen und ungewöhnlichen Menschen eingedrungen wie sonst wohl keiner vor ihm. Denn Crowe hat die ganze Geschichte des Oskar Schindler erforscht: von dessen Geburt am 28.April 1908 im tschechischen Zwittau (Svitavy), bis zu seinem Tod am 9.Oktober 1974 im Hildesheimer Bernward-Krankenhaus. Daraus ist ein Buch mit 855 Seiten entstanden: „Oskar Schindler“.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Untertitel „Die Biographie“ ist keineswegs übertrieben - nicht allein, weil bisher keine historisch fundierte Lebensbeschreibung dieses „deutschen Helden“ vorlag, sondern auch, weil künftige Forscher Crowes monumentaler Arbeit wohl nicht mehr viel werden hinzufügen können. Der Historiker von der Columbia University in New York hat indes kein Heldenepos geschrieben, sondern das Bild eines zwiespältigen Mannes gezeichnet, der auch abstoßende Züge gezeigt hat: „Er war kein Good Guy“, beschrieb Crowe bei der Vorstellung seines Buches im Frankfurter Museum Judengasse den frühen Schindler.

          Crowe hätte auch sagen können: „Er war ein Spion und ein Nazi.“ Jedenfalls bis zu seinen Rettungstaten. In Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“, durch den der Name Schindler weltweit bekannt wurde, trägt dieser ein NSDAP-Abzeichen. Was man bei Spielberg nicht erfährt, was aber Crowe bei seinen Recherchen herausgefunden hat: Schindler galt den Nationalsozialisten als vorbildlicher Kämpfer für die großdeutsche Sache. Denn zwei Jahre lang hatte er als V-Mann der deutschen Abwehr das Eisenbahnnetz der Tschechoslowakei ausspioniert und so die Besetzung des Landes durch die Wehrmacht vorzubereiten geholfen. Schindler war außerdem indirekt am Überfall auf Polen beteiligt. Er hatte polnische Uniformen besorgt, die in Berlin dann nachgeschneidert wurden für jene deutschen Soldaten, die am 31.August 1939 einen polnischen Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz vortäuschten. „Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen“, verkündete Hitler danach am 1.September im Reichstag - der Beginn des Zweiten Weltkrieges.

          Apropos „Schindlers Liste“. Die gibt es nicht. Vielmehr gibt es mehrere Listen. Der Historiker Crowe hat bei seinen Recherchen mehr als ein Dutzend entdeckt, wie er im Museum Judengasse berichtete. Auch war Schindler faktisch nicht an der Erstellung der Listen beteiligt, auf denen die Namen jener Juden verzeichnet waren, die bei der Verlagerung von Schindlers Fabrik von Krakau ins tschechische Brünnlitz mitkommen durften und so der Ermordung entgingen. Vermutlich aus dramaturgischen Gründen ließ Spielberg in seinem Film Schindler die Namen seinem Berater Itzhak Stern diktieren. In Wirklichkeit hat, wie Crowe herausfand, Marcel Goldberg, ein bestechliches Mitglied des jüdischen Ordnungsdienstes im Lager Plaszow, die Namen zusammengestellt und mehrmals verändert, um ihm gefällige Häftlinge aufzunehmen.

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