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Biografie : Oskar Schindler - Opportunist und Held

Die Deutsche Emailwarenfabrik, ein ehemaliges jüdisches Unternehmen, in dem die Schindler-Juden arbeiteten, hatte Schindler nur deshalb pachten können, weil er beste Verbindungen zur deutschen Abwehr und zur lokalen SS-Führung besaß. Sein Ziel war es, Geld zu machen und dem Waffendienst zu entgehen. Beides ist ihm gelungen. Für den Biographen Crowe lautet eine der entscheidenden Fragen, wie und warum aus dem Hasardeur, dem Opportunisten, dem Nazifreund Schindler der Judenretter Schindler geworden ist. Die Veränderung habe sich schrittweise vollzogen, über einen längeren Zeitraum hinweg, glaubt der amerikanische Forscher.

Den einen entscheidenden Augenblick, da sich ihm die Augen geöffnet hätten, Schindler sehend geworden sei, habe es nicht gegeben. Gewiß war eines der Schlüsselerlebnisse Schindlers die Räumung des Krakauer Ghettos im März 1943. Er sah das Massaker im dortigen Kinderheim oder hörte zumindest davon, daß die SS-Leute, um Munition zu sparen, die Mädchen und Jungen sich so aufstellen ließen, daß sie mit einer Kugel gleich mehrere Kinder töten konnten. Itzhak Stern berichtet: „Schindler hat sich über Nacht verändert und war nicht mehr derselbe wie zuvor.“ Doch hatte seine Abkehr vom NS-System und seine Hinwendung zu „seinen“ Juden schon früher eingesetzt und sich nach und nach verstärkt.

Seine entscheidende Tat, so sieht es Crowe, war die Verlagerung seines Werks nach Brünnlitz und die damit verbundene Rettung der Juden, wofür er sein ganzes in Krakau zusammengerafftes Vermögen aufbrachte. Schindler hätte auch seine Fabrik schließen und sich mit seinem Geld nach Westen absetzen können, argumentiert Crowe. Daß er es nicht getan habe, daß er stattdessen sein Vermögen eingesetzt und sein Leben riskiert habe für seine Arbeiter, belege, daß der ihm später in Israel verliehene Titel „Gerechter der Völker“ völlig berechtigt sei.

Auch dem Nachkriegs-Schindler hat Crowe nachgespürt, also jenem Verlierer, dessen unternehmerische Ambitionen sämtlich scheiterten, nachdem er 1957 aus Argentinien nach Deutschland zurückgekommen war und in Frankfurt sein Glück versuchte. Klaus Binder, der Übersetzer von Crowes Buch, wies im Museum Judengasse darauf hin, daß Schindler nie zu einer bürgerlichen Existenz gefunden habe, und zwar schon vor dem Krieg nicht, als er mit seiner Guzzi Motorradrennen fuhr, später Autorennen, bis ihm das Geld ausging. Seine Abenteurernatur habe ihm während des Krieges geholfen, als die Verhältnisse Kopf standen und alles drunter und drüber ging. In der Aufbaugesellschaft von Adenauer-Deutschland seien seine unbürgerlichen Eigenschaften nicht mehr gefragt gewesen, Schindler habe die deutsche Gesellschaft nach dem Krieg schlicht nicht verstanden.

Hasardeur, Opportunist, Geschäftemacher - was ist von diesem Oskar Schindler zu halten? Crowes Urteil lautet: „Schindler war tief in seinem Herzen ein grundanständiger Mensch - trotz seiner Trunksucht und seiner Frauengeschichten. Ein Held war er auf jeden Fall. Denn wie heißt es im Talmud? ,Wer nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.'“ Schindler hat viele Leben gerettet.

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