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Bildungsforscherin im Gespräch : Gibt es den geborenen Lehrer?

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Warnt vor einer abermaligen Schließung der Schulen: Mareike Kunter ist Direktorin am Institut für Bildungsforschung Bild: Finn Winkler

Mareike Kunter ist Professorin für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Uni und Direktorin am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. In ihrer Forschung geht sie unter anderem der Frage nach: Gibt es den geborenen Lehrer?

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          Mareike Kunters Englischlehrerin in der Oberstufe war streng, aber gerecht und engagiert – deshalb ist ihr die Pädagogin in guter Erinnerung geblieben. In den Schuldienst hat es Kunter nicht gezogen, aber bis heute macht sie sich Gedanken darüber, was einen fähigen Lehrer auszeichnet. Das gehört zu ihrer Arbeit als Professorin für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Uni und Direktorin am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.

          Im ersten digital übertragenen Podiumsgespräch der Reihe „Wissenschaft im Dialog“, die von der Polytechnischen Gesellschaft, der Villa Metzler gGmbH und der F.A.Z. organisiert wird, beantwortete Kunter am Dienstagabend Fragen zu ihrer Forschung: Gibt es den geborenen Lehrer? Wie stellt man die Eignung für diesen Beruf fest? Und lockt das Lehramtsstudium nur weniger begabte Studenten an?

          Grundsätzlich hält Kunter das deutsche System der Lehrerausbildung für gut, wie sie im Gespräch mit F.A.Z.-Redakteur Sascha Zoske erläuterte. Kein anderes Land leiste sich im Lehramtsstudium eine derart ausgeprägte Theoriephase, an die sich eine durchaus lange praktische Zeit anschließe. Während ihrer Ausbildung lernten angehende Lehrer, den Schülern Fachwissen beizubringen. Darüber hinaus müssten sie auch Haltungen und Werte vermitteln können. Schließlich diene die Schule nicht nur dem Wissenstransfer. Und dann müsse all das eigenständig organisiert und in langfristige Lernprozesse übersetzt werden.

          Kunter hält denn auch wenig von Vorurteilen, die Lehrern das Fachwissen absprechen oder ihren Beruf als wenig komplex darstellen. Wer solche Ansichten vertrete, habe womöglich in der eigenen Schulzeit schlechte Erfahrungen gemacht und übertrage sie dann auf den ganzen Berufsstand.

          Kommt darauf an, wie ein Lehrformat angewendet wird

          In den oft kontrovers geführten Debatten über die „richtige“ Art des Unterrichtens möchte sich Kunter nicht auf eine Seite schlagen. Für konstruiert hält sie den Gegensatz zwischen fachlichen Inhalten, auf die vor allem Konservative Wert legen, und dem eher „linken“ Ansatz, die Fähigkeit zur selbständigen Wissensaneignung in den Vordergrund zu stellen. Unterrichtsformate könne man nicht politisch kategorisieren. Es komme vor allem darauf an, wie ein bestimmtes Lehrformat – etwa Frontalunterricht – in der Praxis angewandt werde.

          Und wie kann die Eignung für das Lehramtsstudium festgestellt werden? Das sei schwierig, meint Kunter. Schließlich müssten dafür Wissensinhalte und Fertigkeiten abgefragt werden, zu denen erst das Studium befähige. „Jeder, der ein Abitur hat, ist per se für das Lehramtsstudium geeignet“, so die Bildungsforscherin. Wichtig sei vor allem, sich für die Arbeit mit Kindern begeistern zu können und ein Interesse für das Unterrichten mitzubringen.

          „Kein höheres Burnout-Risiko bei Lehrern“

          Dass das Lehramtsstudium vor allem weniger motivierte und begabte Abiturienten anziehe, sieht Kunter ebenso wenig durch Studien belegt wie die Behauptung, Lehrer hätten ein höheres Burnout-Risiko als andere Berufsgruppen. Tatsache ist aber, dass Lehrer wie Schüler durch die Corona-Pandemie derzeit besonders großen Belastungen ausgesetzt sind. Eine abermalige Schließung der Schulen wie im Frühjahr müsse unbedingt vermieden werden, fordert die Professorin. Denn der Lockdown habe die „soziale Schere“ zwischen den Schülern weit geöffnet: Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern mit wenig materiellen und zeitlichen Ressourcen seien durch das Homeschooling stark benachteiligt worden.

          Eine Untersuchung in den Niederlanden habe gezeigt, dass sich dort die schulischen Leistungen um bis zu 66 Prozent verschlechtert hätten – und das, obwohl die Digitalisierung dort weiter fortgeschritten sei als in Deutschland.

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