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Bildung : Konzert im Klassenzimmer

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Die musikalische Erziehung soll im Unterrichtskanon der Schulen mehr Gewicht bekommen. Deswegen organisiert der Präsident der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Thomas Rietschel den „1. Frankfurter Tag der Schulmusik“.

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          Die Erschütterungen der Pisa-Studie schienen abgeklungen, da kommt ein Nachbeben aus bisher ruhigen Regionen. Die Untersuchung habe „verhängnisvolle Auswirkungen“ gehabt, meint der Präsident der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Thomas Rietschel. Aus der Studie seien die falschen Schlüsse gezogen worden: „Bildung darf nicht auf das allein für den Beruf unmittelbar Verwertbare reduziert werden.“ Die musikalische Erziehung müsse im Unterrichtskanon der Schulen mehr Gewicht bekommen.

          Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, wollen der Präsident sowie ein Teil der 60 Musikhochschulprofessoren, 360 Lehrbeauftragten und 800 Studenten am 15. November rund 70 Frankfurter Schulen besuchen: Geplant sind Hörschulungen, Konzerte und andere Aufführungen. Als Schirmherr für den „1. Frankfurter Tag der Schulmusik“ wurde Daniel Barenboim gewonnen. Nach Rietschels Willen soll das Projekt zu einer festen Einrichtung werden und dazu führen, „daß jedes Frankfurter Schulkind mindestens einmal im Jahr ein Live-Konzert erleben kann“. Denn dies sei eine von mehreren Erfahrungen, die Kinder selbst zum Musizieren animierten.

          Projekt „Klassenmusizieren“

          Wie wichtig die Musik für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist, darüber gibt es seit Jahren keine Zweifel mehr. Intensiver Musikunterricht erhöhe die Lern- und Leistungsmotivation von Schülern, steigere die soziale Kompetenz und die Intelligenz, fand der emeritierte Professor für Musikpädagogik an der Frankfurter Universität, Hans Günther Bastian, schon 1998 heraus. Im gleichen Jahr brachte es Otto Schily bei seiner Amtseinführung als Bundesinnenminister auf den Punkt: „Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit.“

          Doch nicht überall wurden diese Erkenntnisse in die Tat umgesetzt. Nach Angaben des hessischen Landesverbands Deutscher Schulmusiker (VDS) fallen in den Grundschulen immer noch 80 Prozent des Musikunterrichts aus oder werden von fachfremden Lehrern gehalten. Die Situation in der Sekundarstufe I gymnasialer Bildungsgänge ist nach Angaben des hessischen VDS-Vorsitzenden Volkhard Stahl zwar relativ gut. „Schlimm“ sehe es aber an Haupt- und Realschulen aus, und in Berufsschulen gebe es so gut wie keinen Musikunterricht. Die ästhetische Bildung der nachwachsenden Generation werde somit „der Bildröhre und dem Computer“ überlassen. Auch durch den erhöhten Leistungsdruck in hessischen Schulen werde die Musik zurückgedrängt. Stahl fordert deshalb einen möglichst raschen Sinneswandel in der Gesellschaft.

          Diesen hat Gerhard Becker, Präsident des Landesmusikrats und Leiter der Landesmusikakademie Hessen, bereits ausgemacht. Hessen habe sich immerhin „vom kulturpolitischen Entwicklungs- zum Schwellenland“ gemausert. Becker lobt die großen und vielfältigen Anstrengungen des Kultusministeriums auf diesem Gebiet. Die Fortbildung von Quereinsteigern zu Musiklehrern bewähre sich hervorragend. Auch das Projekt „Klassenmusizieren“, bei dem die Schüler gemeinsam ein Instrument lernten, sei hervorragend. Er selbst habe als Schulleiter einer Integrierten Gesamtschule bei Gießen erlebt, wie sich schüchterne Schüler mit sehr schlechten Noten zu aufgeschlossenen Jugendlichen mit Realschulleistungen gewandelt hätten, berichtet Becker. Das Erlernen eines Instrumentes „kann einen Menschen komplett verändern und ihm ganz neues Selbstbewußtsein geben“.

          „Schüler, die musizieren, sind sozialer“

          Er und Stahl beklagen den Mangel an Schulmusiklehrern. Dem Beruf hafte ein negatives Image an, „und daran haben auch die Hochschulen mitgewirkt“. Für viele seien diese Musiker „diejenigen, die es eben nicht bis in ein großes Orchester geschafft haben“. Rietschel, selbst Kultur- und Kunstwissenschaftler und seit 2004 Präsident der Musikhochschule, weiß um das Problem. Die Bedeutung der musikpädagogischen Berufe werde noch nicht voll erkannt. Allerdings habe an der Hochschule ein Wandlungsprozeß stattgefunden. „Die Lehrenden haben erkannt, daß es auch um ihre Zukunft geht.“ Die Idee des ersten Frankfurter Schulmusiktages sei deshalb „begeistert“ aufgenommen worden.

          Auch Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen) ist von dem Vorhaben angetan. Die Stadt tritt neben der 1822-Stiftung, der Landgraf-Moritz-Stiftung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Förderer des Projekts auf. „Schüler werden besser und Schulen friedlicher durch Musik“, resümiert Ebelings Referent Michael Damian. Davon abgesehen mache Musizieren aber auch einfach Spaß. Der Musikunterricht in Hessens Schulen müsse daher wieder „vom Rand ins Zentrum“ gerückt werden. Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) und Ebeling sei es „ein Herzensanliegen, daß jedes Frankfurter Schulkind ein Instrument spielen lernt“. Daran arbeite die Stadt zur Zeit, so Damian. Denn es dürfe nicht sein, daß sich „viele Kinder den ganzen Tag lang mit irgendwelcher Musik dauerberieseln lassen, aber zum Konsum verdammt sind und die Musik nicht selbst gestalten können“.

          Manfred Timpe, Landesvorsitzender des Verbands der Lehrer und Schulleiter der Frankfurter Falk-Realschule, nimmt nur deshalb nicht am Schulmusiktag teil, „weil unsere 100-Jahr-Feier uns komplett für andere außerschulische Projekte gelähmt hat. Nächstes Jahr ist die Falkschule aber sicher mit dabei“, verspricht er. Denn immer wieder beobachtet Timpe, daß „Schüler, die musizieren, sozialer, ausgeglichener und kontaktfreudiger sind“. Am Schulmusiktag wird übrigens auch Kultusministerin Karin Wolff (CDU) teilnehmen - und nicht nur als Grußwort-Sprecherin. Wolff beteuert: „Wenn dort gesungen und noch eine Alt-Stimme benötigt wird, singe ich natürlich mit.“

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