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Bildergalerie : 24 Stunden Leben in Frankfurt

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01:20 Uhr: Auf Wartestühlen liegend träumt ein Reisender am von seinem Urlaubsziel. Bild: Felix Seuffert

672.317 Einwohner, 359.416 Privathaushalte, 73.843 bewohnte Gebäude, 113 Kilometer Stadtgrenze. Aber Frankfurt ist mehr als eine Statistik, viel mehr. Von Philip Eppelsheim und Felix Seuffert (Fotos)

          Mit blassen Gesichtern kommen die Ersten dieses Tages aus der Dunkelheit, klammern sich an Zigaretten oder Aktentaschen, suchen Zuflucht unter dem Dach der Straßenbahnhaltestelle an der Mainzer Landstraße. Regentropfen schlagen auf dem Asphalt der verlassenen Straße auf. Ein Betrunkener ist der letzte Zeuge der Nacht, die sich wehrt, dem Tag zu weichen. „Morgen“, murmeln die Wartenden einander zu. „Guten Morgen“, grölt der Betrunkene, lacht über die Gestalten, die morgens um fünf Uhr auf dem Weg zur Arbeit sind. Die Straßenbahn bringt sie zum Hauptbahnhof. Dort stehen nur wenige Züge in der Halle. Reinigungskräfte scheuern die Böden, fahren mit ihren Wischern in Kurven um torkelnde Eintracht-Fans, stoppen vor den vorbeihastenden Pendlern. Stilles Rennen.

          Gegenüber dem Bahnhof füllen zwei Wachleute Geldautomaten. Misstrauisch halten sie in ihrer Arbeit inne, wenn jemand ihre Zweisamkeit stört. Aus den Bordellen in der Nachbarschaft dringt rotes Licht, Musik schallt durch die dicken Vorhänge nach draußen. In den Telefonshops sitzen die Männer so, als wären sie immer da. Ein Kastenwagen hält, zwei Männer schnallen die Leiter vom Dach, holen Plakate aus dem Inneren. So geht es von Litfaßsäule zu Litfaßsäule, schnell, bevor der Tag die Kolonne einholt. Zwei türkische Männer schieben ihre Besen über die Gehwege. Jeden Morgen das Gleiche, sagen sie. Zwei Stunden von fünf bis sieben Uhr, einmal um den Block. Ein Pärchen mit Hund eilt an ihnen vorbei. Der Vierbeiner strebt in die Taunusanlage, in der die Krähen von den Bäumen krächzen und die Kaninchen sich an den Büschen drängen. Kurz schauen Herrchen und Frauchen hoch zur Wolkenkratzersilhouette, zum Opernturm, auf dessen Ende sich die von roten Lichtern beschienenen Kräne bewegen. Dann blickt das Paar wieder auf die Pfützen vor sich, während die Krähen weiter schimpfen.

          Auf der Fressgass’ zieht der Dampf frischgebackener Brötchen aus dem Fenster der Bäckerei. Die Bäcker rücken sich die weißen Mützen und die roten Schürzen zurecht, kneten Brotteig. Draußen auf der Straße holt ein Lastwagen die Speisereste des vergangenen Tages ab, und im Feinkostladen sorgt die Verkäuferin schon wieder für Nachschub. Hohl klingt das Hämmern von den umliegenden Baustellen über die Gasse. „Vier längliche Brötchen, drei Brezeln und zwei Puddingstückchen“ – die erste Bestellung des Tages. „4,19 Euro bitte.“ Die Verkäuferin setzt ihr Lächeln auf. „Morsche“, poltert ein Stammgast herein, richtet sich die Krawatte. „Ein Espresso?“ – „Ja, wie immer.“

          01:20 Uhr: Auf Wartestühlen liegend träumt ein Reisender am von seinem 
Urlaubsziel. Bilderstrecke

          Die U-Bahn schluckt erste Schüler. Sie schauen aus den Fenstern auf die dunklen Tunnelwände und die hellen Stationen. „Ich habe heute nur fünf Stunden. Und du?“ – „Acht.“ An der Station Grüneburgweg gibt das Fenster die Sicht auf einen Mann frei. In eine gelbe Jacke mit der Aufschrift „Commerzbank“ gehüllt, hat sich der Obdachlose an einen Süßigkeitenautomaten geschmiegt, den Morgen zur Nacht erklärt. Eine Station weiter steigen die Schüler aus. Sie schlendern die Treppe hinauf, machen noch einen Halt in einem Kiosk gegenüber der Elisabethenschule und reihen sich dann in die Schlange der Wartenden vor dem Schultor ein. Ein Vater liefert seinen Sohn ab. „So, da wären wir.“ Eine Mutter ist herzlicher. Händchenhaltend bringt sie ihren Nachwuchs zur Schule. Ein Küsschen zum Abschied. Aus der U-Bahn-Station dringt ein Stimmenrauschen. Lautstark kündigen sich die an, die den ersten Schülern folgen. Dann spuckt die Treppe eine nicht enden wollende Schülerschar aus. Keinen Blick haben sie übrig für die Müllmänner, die an ihnen vorbei von Haus zu Haus eilen. Die nächsten neun Stunden, sagen die Männer, werden sie so weitermachen.

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