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Traumazentrum : „Der Schockraum ist kein Debattierclub“

Der Rettungshubschrauber Christoph 2 landet auf der BG Unfallklinik in Frankfurt am 26. September 2017. Bild: F.A.Z.

Die BG Unfallklinik in Frankfurt übernimmt seit 60 Jahren die Behandlung von Schwerstverletzten. Die Überlebensrate von Patienten konnte seither kontinuierlich verbessert werden. Aber es gibt auch Entwicklungen, die dem Leiter der Klinik Sorgen bereiten.

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          Reinhard Hoffmann ist einer, auf den die Bezeichnung „von der alten Sorte“ passt. Er spricht aus, was er denkt. Direkt und ungeschönt. Schweigend, so scheint seine Philosophie, lässt sich die Welt nicht verändern. Die Klinikwelt, ein ganz eigener Kosmos, erst recht nicht. Hoffmann, Mitte 60, ist Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädischen Chirurgie sowie Ärztlicher Direktor an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU). Nach all den Jahren im Beruf treibt ihn noch immer eines an: Er will die Versorgung der Patienten verbessern.

          Marie Lisa Kehler
          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Die BG Unfallklinik übernimmt seit 60 Jahren als traumatologisches Schwerpunktzentrum im Rhein-Main-Gebiet die Versorgung von schwerst verletzten Patienten aus der Region. Ein Jubiläum, das in diesem Jahr gefeiert wird.

          Wenn der Hubschrauber auf dem Dach der Klinik landet, macht sich ein paar Stockwerke tiefer ein Team aus Ärzten und Pflegern verschiedener Fachrichtungen im Schockraum bereit. Die Anspannung, wenn ein Patient mit unklarem Verletzungsmuster eingeliefert wird, lässt sich auch durch viel Routine nicht abtrainieren. Das war vor 60 Jahren so. Und das ist auch heute noch der Fall. Die Art zu arbeiten aber hat sich im Laufe der Jahre stark verändert, wie Hoffmann erzählt. Durch standardisierte Abläufe, unter anderem festgelegt durch das sogenannte Traumanetzwerk der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, in dem auch die BGU als überregionales Traumazen­trum Mitglied ist, sei es in der vergangenen Jahrzehnten gelungen, die Überlebensrate schwerst verletzter Patienten immer weiter zu erhöhen. Es seien viele kleine Bausteine gewesen, etwa eine Verbesserung der Lagerungstechniken sowie die Weiterentwicklung der Intensivmedizin, die zu besseren Ergebnissen geführt hätten. Hoffmann nennt auch die Kooperation mit spezialisierten Fachärzten anderer Kliniken, die dazu beitrage, dass immer mehr Schwerstverletzte überleben. Für jeden zehnten Patienten allerdings komme, trotz aller Versuche, noch effizienter, schneller und innovativer zu arbeiten, aufgrund der Schwere der Verletzungen jede Hilfe zu spät.

          Krankenkassen sparen bei Rehamaßnahmen

          Die Statistik hilft, die Arbeit im Schockraum mess- und vergleichbar zu machen. Was die Zahlen nicht abbilden, ist die Schwere der Beeinträchtigungen, mit denen die Patienten nach einem Unfall zu kämpfen haben. Eingeteilt wird binär in „überlebt“ und „nicht überlebt“. Dass es aber nach einem solchen Ereignis, das für Körper und Psyche oft gleichermaßen traumatisierend sein kann, um die Anschlussversorgung geht, macht Hoffmann immer wieder deutlich. Hier, so sagt er in seiner gewohnt deutlichen Art, seien die Unterschiede im Gesundheitssystem eklatant.

          Wenn ein Rettungshubschrauber auf dem Dach der Unfallklinik landet, macht Chefarzt Reinhard Hoffmann sich mit seinem Team bereit.
          Wenn ein Rettungshubschrauber auf dem Dach der Unfallklinik landet, macht Chefarzt Reinhard Hoffmann sich mit seinem Team bereit. : Bild: Lucas Bäuml

          Wenn die Versorgung der Patienten durch die Berufsgenossenschaften abgedeckt sei, etwa weil es sich um einen Arbeitsunfall handelt, seien die Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten oft vielfältiger. Die Genossenschaften hätten erkannt, dass besonders bei jungen Patienten, die im Idealfall noch einmal im Arbeitsmarkt integriert werden, „der frühe Einsatz von allen geeigneten Mitteln ein besseres Ergebnis bringt“ – besonders langfristig betrachtet. Die Rechnung ist nach Hoffmanns Meinung einfach: Wer schnell wieder auf eigenen Beinen steht und wieder aktiv am Leben teilnehmen kann, der kostet die Berufsgenossenschaften auf lange Sicht weniger. „Umso mehr schmerzt es, dass wir das nicht für alle Patienten bieten können.“ Denn oft machen die gesetzlichen Krankenkassen laut Hoffmann diese Rechnung nicht auf. Versorgt werde hier lediglich mit dem, was in dem Moment unbedingt nötig sei, nicht mit dem, was zwar kurzfristig eine Investition verlange, sich aber langfristig auszahle. Das treffe insbesondere auf Rehamaßnahmen zu.

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