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Betrug vor Landgericht gestanden : Alt, krank und gedemütigt

  • -Aktualisiert am

Der frühere Universitätsprofessor und Anthropologe Reiner Protsch von Zieten im Landgericht Frankfurt. Bild: DPA

Der Anthropologe Reiner Protsch von Zieten, angeklagt wegen Betrugs, hat gestern vor dem Landgericht umfassend gestanden. So ersparte er sich einen vermutlich langen und für ihn peinlichen Prozess.

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          Die Demütigungen für den eitlen alten Mann auf der Anklagebank des Frankfurter Landgerichts schienen Mittwoch schon vor Beginn der Verhandlung kein Ende zu nehmen. Weil die 26. Strafkammer sich zum 10-Uhr-Termin verspätete, war Professor Dr. Dr. Reiner Protsch von Zieten, angeklagt unter anderem wegen Betruges, Unterschlagung und Urkundenfälschung, noch länger als erwartet umringt von Kameras. Und als die Verhandlung dann begann, ließ sich Richter Jochen Müller als Kammervorsitzender den Personalausweis des krank wirkenden und sich auf einen Stock stützenden Angeklagten zeigen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass auch das Gericht zumindest die Legitimität des Zusatzes „von Zieten“ im Namen des Reiner Protsch anzweifelte. Immerhin: Das märkische Geschlecht derer von Zieten wird auch im Ausweis genannt.

          Protsch von Zieten, der bis 2004 lange Jahre das Institut für Anthropologie und Humangenetik an der Frankfurter Universität geleitet hatte, steht heute als ein Mann da, der sich selbst mehr gestraft hat, als die Justiz dies könnte oder auch nur beabsichtigte. Mit seiner gestern über seine Verteidiger vorgetragenen Erklärung, er gebe die ihm zur Last gelegten Straftaten zu, hat der einst anerkannte und gut beleumundete Wissenschaftler den Schlussstein auf eine ihn in Grund und Boden drückende Pyramide aus eigener Angeberei und hämischer Verachtung der wissenschaftlichen Welt gesetzt.

          Ein Mensch, der nie mit dem zufrieden war, was er war und was er konnte

          Das Geständnis war die Vorleistung dafür, dass es die Justiz drei Jahre nach Anklageerhebung nun gut sein lassen will mit dem Fall Protsch von Zieten. Er wird, wie der Richter gestern vorhersagte, nach Rücksprache mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung morgen eine Strafe „zwischen einem und zwei Jahren“ erhalten. Sie wird zur Bewährung ausgesetzt, Auflagen werden keine gemacht. Die Ruhestandsbezüge des aus dem Dienst entfernten Hochschullehrers sind gefährdet, sie werden selbst im günstigsten Fall nur einen Teil des Üblichen ausmachen. Dieser erhebliche finanzielle Verlust ist eine Nebenfolge der Taten und wird von der Justiz strafmildernd berücksichtigt.

          Die Straftaten, die Protsch von Zieten zugegeben hat, weisen ihn als einen Menschen aus, der wohl nie zufrieden war mit dem, was er war und was er konnte. So schob er sich Schädelsammlungen von Humanoiden und Affen zu, indem er Institutspersonal mit ein paar Euro dafür belohnte, dass Besitzersignaturen entfernt und dafür „RPvZ“ in die morschen Knochen graviert wurde. Eine in Fachkreisen berühmte „Pan-Sammlung“ von 278 Schimpansenschädeln, die ihm nicht gehörte und die seinem Frankfurter Institut nur leihweise überlassen war, versuchte er per Internet in Amerika für 70 000 Dollar zu verkaufen. Es kam nicht dazu, aber ein Verstoß gegen Artenschutzbestimmungen war es trotzdem: Der Handel mit Schimpansenknochen ist genehmigungspflichtig. Auch im Kleinen unterschied der Angeklagte nicht streng zwischen eigenem und fremdem Eigentum, er unterschlug Bücher aus der Institutsbibliothek und versah sie mit seinem „RPvZ“.

          In der anthropologischen Wissenschaftswelt war Protsch von Zieten aller Würden schon 2005 entkleidet worden, als eine Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten an der Goethe-Universität urteilte, der Institutsdirektor sei der Fälschung von Messergebnissen, des Plagiats und schlicht der Unfähigkeit überführt. So beherrsche er die in der Paläoanthropologie gebräuchliche Radiokarbon-Methode zur exakten Datierung von Knochenfunden allenfalls laienhaft. Die jetzt strafrechtlich noch einmal festgestellten Umetikettierungen von Schädeln hatten Protsch von Zieten als Forscher bereits vor Jahren zur Lachnummer gemacht. Ein Clown, der freilich lange ernst genommen worden war.

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