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Frankfurter Museen : Der unverminderte Reiz der Originale

Die Frankfurter Museen erlebten in diesem Jahr einen Besucheransturm. Und Kinder müssen in den städtischen Ausstellungshäuser bald keinen Eintritt mehr zahlen.

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          Der Glanz, den die Frankfurter Kulturpolitik in der von 1970 bis 1990 währenden Ära Hilmar Hoffmann verbreitet hat, beruht im Wesentlichen auf dem Museumsufer. Damals wurden etliche neue Museen errichtet, darunter das Filmmuseum, das Architekturmuseum auf der Sachsenhäuser Seite oder das Jüdische Museum nördlich des Mains. Das Museum für Moderne Kunst war das letzte der lange geplanten musealen Großprojekte, das realisiert wurde: Im Juni 1991 wurde der postmoderne Hans-Hollein-Bau auf einem dreieckigen Restgrundstück nahe beim Dom eröffnet. Andere Institutionen hatten Neubauten oder Räume in umgebauten Villen erhalten. So schuf der amerikanische Stararchitekt Richard Meier für die damals noch Museum für Kunsthandwerk, heute Museum Angewandte Kunst genannte Institution ein blendend weißes Gebäude am Schaumainkai.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Anfang der neunziger Jahre war der Museumsboom vorbei. In Frankfurt freilich kann man sich auch heute schwerlich vorstellen, noch ein Thema für ein neues Museum zu finden. Die bestehenden decken so gut wie alle Gebiete ab. Ein ewiger Makel bleibt einzig das Weltkulturen-Museum, für das noch immer kein Neubau in Sicht ist, obwohl in seinen Archiven nach Meinung der Fachleute eine der weltweit bedeutendsten ethnologischen Sammlungen schlummert. Dagegen geht es mit der Erneuerung des Historischen Museums ebenso voran wie mit der Erweiterung des Jüdischen Museums.

          Orte der Auseinandersetzung

          In die öffentliche Diskussion sind die Frankfurter Museen letzthin geraten, weil die Koalition im Römer aus SPD, CDU und Grünen beschlossen hat, vom 1. Januar an Kindern, Jugendlichen unter 18 Jahren und Studenten der Goethe-Universität freien Eintritt in die städtischen Häuser zu gewähren, als da sind: Archäologisches Museum, Caricatura Museum Frankfurt, Deutsches Architekturmuseum, Hindemith-Kabinett im Kuhhirtenturm, Historisches Museum, Ikonen-Museum, Institut für Stadtgeschichte, Jüdisches Museum, Kinder-Museum, Kronberger Haus, Museum Angewandte Kunst, die drei Dependancen des Museums für Moderne Kunst, Museum Judengasse und Weltkulturen-Museum.

          Dabei handelt es sich um die Einrichtungen in städtischer Trägerschaft, das Städel, das Senckenberg-Museum und das Filmmuseum sind als Stiftungen ebenso wenig darunter wie das Kommunikationsmuseum, das von der Museumsstiftung Post und Telekommunikation getragen wird. Nun sind die drei letzteren Häuser ausgerechnet jene, die von allen Museen die meisten minderjährigen Besucher anziehen. Diese nichtstädtischen Häuser stehen jetzt unter Druck, ebenfalls keinen Eintritt für Kinder und Jugendliche zu erheben. Die Stadt macht derzeit allerdings keine Anstalten, ihnen die dadurch entstehenden Einnahmenausfälle zu ersetzen. Aber die sozialdemokratische Kulturdezernentin Ina Hartwig hat deutlich werden lassen, dass das letzte Wort keineswegs gesprochen ist. Zumal sich die Museen verändert haben und mittlerweile Orte der Auseinandersetzung mit vielerlei Fragen sind, die unsere Gesellschaft bewegen.

          Mehr Besucher als Eintracht Frankfurt

          Aus Kulturtempeln, die schon architektonisch Ehrfurcht gebieten, sind Serviceeinrichtungen mit freundlichen Entrees geworden. Gewiss geht es immer auch um Bildung, klüger kommt jeder, der sich eine Weile darin aufgehalten hat, aus einem der Ausstellungshäuser heraus. Aber mittlerweile ist auch der Unterhaltungsaspekt von großer Bedeutung. Um beides zu verbinden, haben die Museen in den vergangenen Jahren viel in die Vermittlung investiert. Etliche Formate wurden entwickelt, um das Interesse von Kindern, Jugendlichen oder auch Geschäftsleuten nach des Tages Arbeit zu wecken, sie in die Museen zu locken und dort in einer Weise mit den Häusern und ihren Schätzen vertraut machen, dass sie den Wunsch verspüren, alsbald wiederzukommen.

          Manches freilich ändert sich nie. Die Museumswärter werden auch in Zukunft mit Argusaugen darüber wachen, dass niemand einem Ausstellungsstück zu nahe kommt. Schließlich handelt es sich um unschätzbare Werte, die an den Wänden hängen oder auf Sockeln stehen. In der Regel werden Unikate ausgestellt, Originalobjekte, Dinge, die jene spezifische Aura entfalten, die einer Replik oder einer Reproduktion abgeht. Das Unmittelbare, das Authentische, das Einzigartige üben einen Reiz aus, der gerade in Zeiten der Allgegenwart von Bildern und der digitalen Verfügbarkeit auch von Kunstwerken besonders unwiderstehlich wirkt. Die Zahlen sprechen dafür. Die Frankfurter Museen zählen Jahr für Jahr etwa zweieinhalb Millionen Besucher. Zum Vergleich: Zu den Spielen der Eintracht kamen in der Bundesligasaison 2015/2016 knapp 800.000 Zuschauer.

          Die Museumslandschaft wandelt sich

          Unter seinem Direktor Max Hollein hat sich das Städel bei den Besucherzahlen an die Spitze aller Ausstellungshäuser gesetzt und zieht seit einigen Jahren mehr Menschen an als das Senckenberg-Museum, das mit seiner naturhistorischen Sammlung und besonders seinen Dinosauriern noch immer ein Publikumsmagnet ist und vor allem Kinder und Jugendliche in seinen Bann zieht. Das Städel freilich sorgte mit „Blockbustern“, wie man mittlerweile, angelehnt an Publikumsrenner im Kino, auch im Ausstellungsbetrieb sagt, für einen derartigen Ansturm, dass es an den Rand seiner Kapazitäten geriet. Mehr Besucher als bei den Präsentationen von Werken Botticellis oder Monets kann das Haus nicht verkraften.

          Es steht in vielerlei Hinsicht für den Wandel in der Museumslandschaft, der wie so viele andere Tendenzen in Frankfurt besonders deutlich wird. Mit einem umfassenden Marketingkonzept wird um verschiedene Zielgruppen geworben, man setzt auf die elektronischen Medien, um die Attraktivität der Sammlungen herauszustellen, und gewiss ziehen die großen bekannten Künstlernamen die Besucher in Scharen an. Doch es scheint sich anzudeuten, dass unter dem neuen Direktor Philipp Demandt die traditionellen Aufgaben des Museums wieder mehr in den Mittelpunkt rücken: neben dem Sammeln und Ausstellen das Forschen und Bewahren.

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